Interview: MP3, Filesharing und die Folgen

"Kaufen, Tauschen, Teilen", so heißt das Buch, das der Philosoph Dr. Karsten Weber und die Soziologin Sonja Haug über das Phänomen "MP3 & Filesharing" verfasst haben. Dazu wurden zahlreiche User - unter anderem auch die Tonspion Leser - befragt. Ergänzend zu den wissenschaftlichen Ergebnissen in Buchform haben wir Dr. Karsten Weber von der Uni Frankfurt/Oder nach seinen persönlichen Einschätzungen zur Zukunft des Musikvertriebs im Netz auf Grundlage der erhobenen Daten befragt.

Tonspion: Wie wirkt sich die überall verbreitete Nutzung der MP3 Tauschbörsen auf das (Kauf-)Verhalten der Musikkonsumenten aus?

Unterschiedlich. In unserer Umfrage konsumieren bzw. kaufen
2.11% weder CDs noch MP3-Dateien
4.53% nur CDs
31.75% nur MP3-Dateien
61.61% sowohl CDs als auch MP3-Dateien

D.h., immerhin fast ein Drittel der von uns Befragten fallen als CD-Käufer aus; aber immerhin fast zwei Drittel nutzen beide Möglichkeiten. Schaut man sich aktuelle Marktstudien an, so scheinen die Umsatzeinbrüche von 2000 und teilweise 2001 Geschichte zu sein. "LP"-CDs verkaufen sich nach wie vor gut; allerdings geht das Single-Geschäft zurück. Es ist möglich, dass dies eine Auswirkung von MP3 und Tauschbörsen ist. Ebenso ist es aber auch möglich, dass dies ein Resultat des "Totspielens" von Songs in Radio und Fernsehen ist. Wer einen Song 10-20 Mal am Tag im Radio hören und außerdem noch 5 Mal oder mehr im Fernsehen inklusive Video sehen kann, verspürt vielleicht keine große Lust, so einen Song auch noch zu kaufen.


TONSPION: Tauschen Jungs mehr als Mädels? Sind das nur Teenies oder tauschen die Alten genauso?

Nun, unsere Umfrage hat einen extremen Männerüberschuss, 94.30% der Befragten waren Männer. Andere Studien sind da nicht ganz so extrem,
aber ein Übergewicht der Männer ist auch dort zu verzeichnen. Dies stimmt mit der Nutzerstruktur des Internets überein: Frauen holen zwar zur Zeit auf, sind aber immer noch nicht gleich vertreten wie Männer.
Interessanterweise sind es in der Mehrzahl nicht Jugendliche, die Tauschbörsen nutzen. Die größte Gruppe in unserer Umfrage sind die
20-24-Jährigen:
15-19 Jahre: 11.75%
20-24 Jahre: 34.06%
25-29 Jahre: 28.53%
30-34 Jahre: 14.68%
35-39 Jahre: 6.43%

Alle anderen Altersklassen sind nur noch sehr schwach vertreten. Diese
Nutzerstruktur in der Umfrage entsteht wohl auch dadurch, dass vor allem
sehr viel Studierende und Berufstätige auf die Studie reagiert und an
ihr teilgenommen haben:

Schüler/in : 7.91%
Azubi : 6.96%
Student/in : 34.23%
Berufstätig: 43.84%

Andere Leute sind nur sehr schwach vertreten. Übrigens ist das
Bildungsniveau der Befragten sehr hoch, hier geht unsere Studie auch mit
der allgemeinen Struktur der Internetnutzer konform:

Realschulabschluss: 13.80%
Abitur : 54.52%
Hochschulabschluss: 23.50%

Andere Bildungsabschlüsse sind nur schwach vertreten. Allerdings tauschen Schüler und Azubis und Leute unter 20 Jahren überdurchschnittlich viel. Wir vermuten, dass dies mit dem verfügbaren Geld dieser Leute zusammenhängt. Bei ihnen sind auch andere Dinge wie das Handy, Klamotten, Discogänge wichtig; die kosten aber Geld, das für den Musikkonsum per gekaufter CD dann nicht zur Verfügung steht. Frauen tauschen im Schnitt extrem wenig.


TONSPION: Machen die nun etwas verbotenes/illegales? Oder darf man tauschen, was man will, solange das unbehelligt möglich ist?

Die private Kopie einer CD ist erlaubt, auch der Download von MP3-Dateien ist nicht strafbewehrt. Der Upload und die Distribution über das Internet sind problematisch. Wir sehen dabei aber auch nicht ganz klar. Zumindest werden Tauschbörsen jedoch regelmäßig gerichtlich "abgewürgt" -- vor allem in den USA. In Zukunft wird sich jedoch wohl einiges ändern, denn die bundesdeutschen Urhebergesetze werden an EU-Vorgaben angepasst. Und hier wird die Position der Rechtehalter, also der Musikindustrie, deutlich gestärkt. Stichwort ist die Einführung von Digital Rights Management Systemen, die Kopien unterbinden sollen.


TONSPION: Werden zukünftig alle zu den MP3 Tauschbörsen "überlaufen" oder ist das Potenzial nicht schon bald rschöpft? Oder anders gefragt: Ist Filesharing bereits ein Massenphänomen oder doch nur was für Computer- und Musikfreaks?

Das ist schwer zu sagen. Wenn man liest, welche Nutzungsfrequenzen Tauschbörsen inzwischen erreichen, sind sie zumindest gut etabliert. Hinzu kommt, dass ja auch zunehmend Filme und andere Inhalte getauscht werden. Eine größere Verbreitung werden Tauschbörsen wohl auch dadurch bekommen, dass sich breitbandige Internetanschlüsse wie DSL verbunden mit Flatrates verbreiten. Das macht die Nutzung von Tauschbörsen natürlich attraktiver. Andererseits ist abzuwarten, wie sich die rechtliche Situation entwickeln wird; sollte in Zukunft hier eine stärkere rechtliche Verfolgung stattfinden, kann das für viele ein Hinderungsgrund sein, Tauschbörsen zu nutzen. Hinzu kommt, dass einige Tauschbörsen ihre Nutzer zu Werbezwecken mit Spyware beobachten. Es ist zumindest denkbar, dass dies viele Nutzer ablehnen und deshalb Tauschbörsen nicht mehr benutzen werden.


TONSPION: Wird Musik in der Zukunft noch gekauft? Oder muss sich die Musikindustrie langsam aber sicher daran gewöhnen, immer weniger Geld zu verdienen?

Nun, das verlässt etwas den Rahmen unserer Untersuchung. D.h., hier können wir auch nur spekulieren. Allerdings kann man einige Rahmenbedingungen nennen, die den Musikkonsum auch in Zukunft bestimmen werden:
1. Gesetze: Wie wird das Urheberrecht gestaltet?
2. Technik: Werden DRM-Systeme so sicher, dass sie einen einigermaßen
wirksamen Schutz vor Kopien darstellen?
3. Angebot: Stellt sich die Musikindustrie der Nachfrage? Kann sie bspw.
eine Unterscheidung zwischen Lowcost- und Highprice-Angeboten
entwickeln, analog zum Videoangebot mit VHS und DVD: VHS = günstig, aber
ohne Zusatzangebote; DVD = teurer, aber mit Zusatzleistungen
4. Interessenkonflikte: Sony bspw. stellt sowohl MP3-Player her und ist
Rechtehalter an Musik. Wie lösen die ihren Interessenkonflikt, welchem
Geschäftszweck weisen sie Priorität zu?

Hinzu kommen sicherlich solche Dinge wie die demografische Entwicklung; die Zahl der jungen Menschen nimmt ab; d.h., die Musikindustrie muss auf die Veränderung der Kundschaft reagieren. Auch die allgemeine wirtschaftliche Lage spielt eine Rolle. In wirtschaftlichen guten Zeiten sitzt auch das Geld für Musik lockerer. Denkbar wäre auch, dass im Musikgeschäft die Firmenkonzentration zunimmt durch Fusionen und Aufkäufe. Das könnten einigen wenigen Firmen gute Geschäfte sichern, aber trotzdem zu einer Verkleinerung des gesamten Geschäfts führen. Im Moment muss man hier mit Prognosen vorsichtig sein.


TONSPION: Würden Nutzer überhaupt für Musik-Downloads in sogenannten "sicheren", also eingeschränkten Formaten bezahlen oder ist das nur realitätsferne Träumerei der Industrie?

Das hängt sehr stark von den existierenden Alternativen ab. Einigt sich die Industrie auf den wichtigsten Märkten auf einheitliche Formate und Technik, werden die Konsumenten wohl entsprechende Angebote akzeptieren müssen. Man muss bedenken, dass nicht alle Benutzer und Konsumenten willens und fähig sind, auf "freie" und damit letztlich oft auch ungesetzliche Angebote auszuweichen.

TONSPION: Was könnte eine gangbare Alternative darstellen, die Nutzer und Industrie wieder an ein gemeinsames System andockt? Welche Kriterien müsste ein solches System erfüllen?

Das Gema-System hat zu Zeiten der Vinyl-Platten und Audiokasetten gut funktioniert, vielleicht ließe sich dieses Verfahren retten. Eines kann jedoch nicht sein: das Konsumenten Gema-Gebühren bezahlen auf Musikstücke und auf Endgeräte, zudem durch DRM-Systeme in der Nutzung der Musik eingeschränkt werden und zudem die Infrastruktur und die Kosten für die Distribution der Musik (vor allem im Netz bspw. bei MusicNet) unmittelbar selbst tragen. Das wäre ja eine Art von Dreifachbestrafung bzw. -besteuerung. Fairness scheint durchas etwas zu sein, das von den Konsumenten im Marktgeschehen erwartet wird. Menschen, die den Eindruck haben, unfair über den Tisch gezogen zu werden, konsumieren weniger, sofern sie ausweichen können.

Wir danken für das Interview.
"Kaufen, Tauschen, Teilen - Musik im Internet" ist erschienen im Verlag Peter Lang, Berlin 2002. (ur)
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