Interview: Musik rettet Leben

Peter Armster von kitty-yo über das Musikgeschäft 2004

Das Label kitty-yo feiert am 19.11. seinen 10. Geburtstag in der Berliner Volksbühne. Mit Künstlern wie Gonzales, Peaches oder Maximilian Hecker schrieb der Vorzeige-Indie eine Erfolgsgeschichte. Wir haben Peter Armster zum Stand der Dinge im Musikgeschäft befragt.

Tonspion: Die Musikbranche klagt ungebrochen über drastische Umsatzeinbrüche.
Wie geht`s Euch denn so an Eurem 10. Geburtstag?

Peter Armster: Danke gut, es geht uns sehr sehr gut, um mal Dendemann zu bemühen....
Natürlich freuen wir uns auf und über das Jubiläum und die Party in der Volksbühne mit vielen Artists, der CD Compilation, der MP3 Compilation bei Tonspion und all dem, was man so möglich machen konnte zum Jubiläum. Aber auch wir haben in der anhaltenden Flut von Veröffentlichungen und der Entwertung von Musik als Kulturgut damit zu kämpfen, für unsere Artists das Beste möglich zu machen. Die Umsatzeinbrüche sind aber längst nicht mehr so dramatisch wie vor 2-3 Jahren. Das hat sich aber auch wieder gefangen, dennoch bin ich der Meinung, dass die daraus resultierende frühe Reflektion der Labels gegenüber ihren Artists auch zu kreativem Selbstmord führen kann, wenn man auf einmal nicht mehr genug Mittel zur Verfügung hat, um das zu machen, woran man glaubt.
Dem Vinyl geht´s aber tatsächlich nach wie vor sehr gut. An dieser Stelle dank an unsere Vertriebe, deren Arbeit ist sehr hart geworden in den letzten 3-4 Jahren und sie machen einen guten und immer wieder auch undankbaren Job.

Phonoline, Apple iTunes, Finetunes... es gibt immer mehr Download-Shops.
Wie sind Eure ersten Erfahrungen damit?

Die Verkäufe sind (noch) übersichtlich, Tendenz steigend. Der Aufwand, gerade den Backkatalog verfügbar zu machen, ist dennoch am Anfang recht groß. Wir sehen da jetzt langsam Licht und vieles wird bestimmt noch einfacher wenn man sich die entsprechenden Tools hat.
Vorbildlich sind zum Beispiel Finetunes. Fazit bleibt aber derzeit: es ist alles noch sehr frisch und reich an Potenzial.

Werden die kommerziellen Downloads auf Dauer Erfolg haben bzw. die
CD ablösen?

Wie bereits gesagt, im Online-Bereich ist vieles noch sehr neu und alles andere als bewährt.
Auch Preise und GEMA sind nach wie vor ein großes Thema. Mir als Konsumenten fehlen immer noch die entscheidenden Merkmale, und das heißt zum ersten, eine auf mich abgestimmte perfekte Auswahl an Neuheiten, eine entsprechende Usability, evtl. sogar entsprechende Oberfläche?
Und ebenso nicht zu unterschätzen: Fairplay. Der Wahnsinn mit den DRM-Restriktionen mit dreimal brennen und ähnlichem Unsinn machen alles nur unattraktiver und das kann keinem Fan erklärt werden. Ansonsten werden die derzeit schon bestehenden ?illegalen Alternativen? weiter boomen. Internet ist für sofort, für das was ich will auf schnellstem Wege.

Was haltet Ihr von Tauschbörsen?

Ich nutze keine, habe daher auch keine Meinung zu Tauschbörsen im speziellen. Aber auch ich habe mich glaube ich sehr gefreut, als ich vor 20 oder 15 Jahren endlich ein Doppeltapedeck hatte und mir gescheite Tapes von Freunden kopieren konnte. Ich kann es niemanden übel nehmen, wenn er einen Track im Ohr hat, den sofort rauf und runter hören will und sich an eine Tauschbörse wendet, weil er nirgendwo sonst was findet.
Dass Musik eine Bereicherung ist, bleibt Fakt. Und dass ein Gut, was solche Bedürftigkeit entwickeln kann entlohnt gehört, ist selbstverständlich. Wenn ich etwas so sehr möchte, dann muss ich auch dafür bereit sein zu zahlen. Meiner Meinung nach ist in den letzten Jahren eine Sache extrem zu kurz gekommen, nämlich dem Hörer das Gefühl zu vermitteln, dass wir über Kunst und Kultur reden. Es gibt wohl keinen Menschen auf der Welt, der nicht schon mal aufs Tiefste von Musik berührt wurde und das hat einen sehr großen Wert. Und das muss vermittelt werden. Und zwar weit besser, als mit Plakaten auf denen Daddy im Bau sitzt, weil er gedownloadet hat. Music has safed my life many times.

Wie wird Musik Deiner Einschätzung nach in fünf Jahren konsumiert?

Mittel- und langfristig werden sich Download und Streams durchsetzen. Ob schon in 5 ode erst 10 Jahren ist dabei fast egal. Wichtigstes Ziel sollte sein, den Wert von Musik deutlich zu machen. Ich glaube dass es auch in 10 Jahren immer noch genug Leute geben wird, die eine CD von einem ihrer liebsten Künstler in entsprechender Verpackung ?besitzen? möchten. Der Computer wird aber dennoch ins Wohnzimmer einziehen...ob ich das gut oder schlecht finde, dürfte dem Computer ebenso egal sein wie seinem Nutzer.

Sind Filesharing, CD-Brenner und MP3 Schuld an den Problemen der Musikbranche? Oder liegen die Gründe nicht ganz woanders?

Schuld hat da erstmal niemand, der Konsument entscheidet und hat auf Grund einer Vielzahl von Faktoren entschieden, weniger Geld für Musik und auch anderes auszugeben. Nicht nur die Musikindustrie leidet unter gewissen wirtschaftlichen Faktoren.
Erstens ist für mich die Entwicklung in welcher Art und Weise Musik im Fernsehen stattfindet sehr diskussionswürdig. Stichwort Superstars und Co.
Die Branche hat in Koop mit dem Medium Fernsehen die besten Zeiten erlebt und ich bin mir sicher, dass bei genauerer Betrachtung die Art und Weise wie Musik im Fernsehen dargeboten wurde und wird, an den ?Problemen der Musikbranche? keinen geringen Anteil hat. Kulturell ist das alles bedenklich. Da war der Schritt hin zum Radio eine katholisch geführte Ehe.
Schuld und das liegt ja fast in der Geschichte der Musikindustrie verankert, hatten immer die jeweiligen Verantwortlichen der Branche selbst, die sich immer gegen die neuen Technologien ?gewehrt? haben, weil sie neue Distributionswege mit sich gebracht haben.

Welche positiven Erfahrungen habt Ihr mit dem Internet gemacht?

Es ist die beste Quelle, um Musik entdecken zu können. Nichts ist schneller, nichts ist direkter. Und nichts lässt so viele Merkmale zur Selektion zu wie das Internet.

Und zum Schluss: Deine Meinung zu MP3 im allgemeinen und Tonspion im besonderen?

MP3 Promotion ist essenziell geworden und ich glaube es sollte kein Label mehr geben was daran einen Zweifel hat, das der direkte Weg zum Fan mit MP3 der kürzeste ist.
Tonspion ist für uns das wichtigste deutschsprachige Portal und unser liebster Partner.
(ur)

Am 19. November 2004 wird das Label seinen 10. Geburtstag feiern. Dazu werden sich altbewährte und neue Kitty-Yo Künstler in einer der besten Berliner Locations, der Volksbühne, zusammenfinden, um eine große Sause zu veranstalten. Mit von der Party sind: Tarwater, Rechenzentrum, Sex in Dallas, Maximilian Hecker, Funckarma, Spyritual, Rhythm King and Her Friends, Peaches und viele mehr... .

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