Judith Holofernes: "Ich find' CDs ja selber voll scheiße”

Vinyl & Stream – das treibt uns alle an den Abgrund

Anfang der 2000er erklärte uns Judith Holofernes zusammen mit ihren Helden die Welt und das allgemeine Datingverhalten der Deutschen. Mittlerweile ist sie Solo unterwegs und hat uns im Interview erzählt, was im Musikbusiness falsch läuft.

Judith Holofernes (© Marco Sensche)

“Ich habe zum Beispiel so Momente, in denen ich mich ärgere, dass nicht genug Leute meine Platte kaufen. Aber wenn ich ganz ehrlich zu mir bin: Was ist das für ein beschissener Beruf, dass ich noch Leute überreden soll meine Platte zu kaufen – ich kauf doch selber keine mehr.”

Da sind Holofernes und wir uns wohl einig: Das Musikbusiness befindet sich im Umbruch. Physische Tonträger verlieren immer mehr an Bedeutung, aber von Streams und Downloads kann auch niemand leben. Ein Dilemma, gerade, wenn selbst die Musikerin der Praktikabilität nicht widerstehen kann. “Ich kann doch nicht aus voller Überzeugung irgendjemandem sagen, dass es voll geil ist, ne CD zu kaufen. Ich find CDs ja selber voll scheiße”, verrät sie.

▶︎ Musikbusiness 2016: Das Ende einer Ära

Und klar, Vinyls sind ihrer Meinung nach die schönste Art des Musikhörens, “aber egal wie sehr gefeiert wird, dass Vinyl jetzt wieder so viel gekauft wird - davon kann kein Schwein leben. Und genau das, was ich jetzt auch mache: Vinyl + Streams. Das treibt uns alle an den Abgrund!”

Video: Judith Holofernes - "Der letzte Optimist"

“Aber ich glaube, es kommt ganz sicher was anderes. Denn ich glaube nicht, dass den Leuten Musik einfach egal werden wird. Eine mögliche Lösung könnten eventuell Crowdfunding- oder Patronage-Systeme sein", sagt sie, aber das bevorzuge eben auch eine ganz bestimmte Art von Künstlern – müsse man können. 

▶︎ Der Soundtrack meines Lebens: Judith Holofernes

Wenn, dann liegt aber viel Potential darin: “Meine Hoffnung ist ein bisschen, dass der alte Musikmarkt so in Arsch geht und rechtzeitig neue Mechanismen entstehen, dass vielleicht ein interessantes Musikbusiness entsteht, das nicht ganz so hierarchisch und oldschool und scheiße ist.”

Bevor jetzt aber alle nur noch Streamen und auf die Kampagne zur nächsten Platte der “Lehrerin der Nation” warten, gibt sie lieber noch zu Protokoll: “Wenn man mich und meine Arbeit irgendwie gut findet und unterstützen möchte, dann muss man leider immer noch meine Platte kaufen. Und wenn man keinen Plattenspieler hat, dann muss man sie sich eben an die Wand nageln und dann trotzdem streamen (lacht).”

▶︎ Das ungekürzte Interview auf reissnadel.com.

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