Kein umwerfendes Geschäft

Sony-BMG Chef Steinkamp über Downloads
Der Chef der fusionierten Musikkonzerne SonyBMG Maarten Steinkamp stellte Ende vergangener Woche in Berlin sein neu strukturiertes Unternehmen vor. Dabei teilte er ordentlich aus. Dem Apple iPod räumt der Musikmanager in Zukunft wenig Chancen ein.

Mit einer erneut enorm verschlankten Firma will SonyBMG das Kapitel Pleiten, Pech und Pannen der vergangenen Jahre hinter sich lassen und das Musikgeschäft neu beleben. Die Mitarbeiterzahl wurde allerdings auf 323 heruntergefahren. Das sind weniger, als alleine die BMG vor drei Jahren noch hatte. Das heißt aber auch: noch weniger Musikkompetenz in der fusionierten Musikfirma.

Als erstes Großprojekt der Firma steht etwas an, von dem man dachte, es hätte sich eigentlich bereits erledigt: ein neuer Tonträger. Mit einem Hybriden aus CD und DVD will man die Kunden wieder massenhaft an die Kassen locken. Toll: wie früher zu Großvaters Zeiten kann man die Scheiben von Hand umdrehen. Auf der einen Seite befindet sich die Musik, auf der anderen Seite die Bilder. Das dürfte aber weder Nostalgiker, noch aufgeschlossene Musikfans wirklich interessieren in einem Zeitalter, in dem sogar Bill Gates sich darüber wundert, dass es so etwas wie eine DVD überhaupt noch gibt.

Dagegen räumt Steinkamp dem inzwischen tonträgerbefreiten Geschäft mit Musik weniger Chancen ein. "Den 10 Millionen iPods, die es auf der Welt gibt, standen im vergangenen Jahr 68 Millionen verkaufte iTunes-Songs gegenüber; das heißt: jeder Nutzer hat sich 6 bis 7 Songs runtergeladen. Kein umwerfendes Geschäft", zitiert die Berliner Zeitung Steinkamp. Klar, könnte man meinen, die potenziellen Kunden treiben sich bei den Preisen natürlich auch lieber auf den Tauschbörsen oder den Festplatten ihrer Freunde herum, statt horrende Preise für kleine Datenfiles zu zahlen. Und diese Preise werden weitgehend von den Verantwortlichen in der Musikindustrie gemacht.

Auch MTV und Viva sieht er in Zukunft nicht mehr als wichtige Partner an. Schließlich seien die von Musiksendern zu Lifestyle-Sendern geworden, da bräuchten sie sich aber nicht wundern, wenn die Künstler der SonyBMG zukünftig auch nicht mehr zu den MTV Awards gehen. Schließlich werden deren Videos kaum noch gespielt.
Dagegen sieht er das große Geschäft gemeinsam mit Mobilfunkpartnern heraufziehen. "Die haben Kohle ohne Ende", so Steinkamp. Das Handy als mobiles Musikabspielgerät. Und am besten bei jedem Abspielen bezahlen. So sieht der Traum von Musikmanagern im Jahre 2005 aus.

Zumindest in einem Punkt hat Steinkamp aber sicherlich recht. Die hochnotpeinliche Echo-Verleihung findet er ebenfalls grausam. "Ich war ja dafür, das Ganze in diesem Jahr etwas kleiner zu dimensionieren, zurück auf den Boden zu holen. Aber dass sich der Echo nun dermaßen am Boden befindet, das hätte vielleicht doch nicht nötig getan", so Steinkamp.

Einen noch etwas umfassenderen Rundumschlag über den Echo hat die Süddeutsche Zeitung parat. Unter dem Titel "Blutwürste in Pelle" beschreibt Joachim Lottmann die Preisverleiung markig als "Industriedreck" von alten satten Säcken für alte Säcke. Auch wenn wir ansonsten lieber den Mantel des Schweigens über derartige Mogelpackungen hüllen wollen, der Text von Lottmann ist ein Vergnügen, das man sich gönnen sollte. (ur)

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