Kimono vs. Kimono

Ein Namensstreit und seine Folgen

Welche Auswüchse das härteste Geschäft der Welt selbst im Kleinen bisweilen haben kann, das kann man beim aktuellen Namensstreit zwischen der Berliner Band Kimono und ihren isländischen Kollegen gleichen Namens erahnen.

Zuerst die Fakten: die Berliner Nachwunchsband Greensession beschließt sich im März 2005 in Kimono umzubenennen und endlich ganz groß raus zu kommen. Um sicherzustellen, dass es noch keine Bands mit diesem originellem Namen gibt, durchsucht man das Internet, findet aber nichts, was der Umbenennung ernsthaft im Wege stehen könnte. Zwar stieß man bei den Recherchen auf eine Band gleichen Namens in Island, doch eine isländische Indieband wird ja wohl nicht nach Deutschland kommen. Denkste! Schließlich bietet Island nicht gerade reichlich Auftrittsmöglichkeiten.

Und so kommt die isländische Band Kimono nun im Jahr 2005 für mehrere Gigs nach Deutschland und wurde auch schon im Tonspion im Jahr 2004 in den höchsten Tönen als kommender "Exportschlager" von der skandinavischen Insel gefeiert. Sie hat in vier Jahren ihres Bestehens eine EP und drei Alben veröffentlicht, die auch international über Rough Trade vertrieben werden und in der einschlägigen Musikpresse wohlwollend besprochen wurden.

Ist ja auch alles gar nicht so schlimm, sollte man meinen. Doch die Berliner Band Kimono und ihr Management sieht das anders: sie schreibt die isländische Band an und teilt ihr mit, die Rechte für den Namen Kimono für sämtliche Bereiche der Unterhaltungsbranche zu besitzen und fordert sie auf, die Verwendung des Namens in Deutschland zu unterlassen. Als die Band aus Island nicht auf die Mails antwortet und diese offenbar auch nicht allzu ernst nimmt, beauftragt die Berliner Band einen Anwalt damit, eine Abmahnung verbunden mit einer Unterlassungserklärung zur Verwendung des Namens Kimono zu verschicken.

Man braucht nicht zu erwähnen, dass derartige Briefe von einem Anwalt grundsätzlich mit erheblichen Honorarforderungen verbunden sind. Kosten, die in der Regel von einer Indieband kaum aufgebracht werden können, geschweige denn die Kosten für einen eigenen Anwalt zur Verteidigung.
Anders die blutjunge Band Kimono aus Berlin. Sie wird von einem Musikmanager der Majorplattenfirma SonyBMG betreut und scheint derartige Geldsorgen oder gar moralische Bedenken derzeit (noch) nicht zu kennen.

Der Streit eskaliert weiter, als der Anwalt der Band auch noch die Website-Betreiber von polar-zoo.net, eine Berliner Bookingagentur für skandinavische Popmusik, abmahnt, die über die isländische Band berichtet und deren Tour organisiert hatte. Der Streitwert wurde auf 10 000 Euro festgesetzt, verbunden mit der Forderung die Verwendung des "Begriffes "Kimono" für sämtliche Bereiche der Unterhaltung, insbesondere in Bezug auf Organisation und Durchführung von Musikveranstaltungen und auf Webseiten" zu unterlassen. Auf Nachfrage von Tonspion versicherte die Band, dass die Abmahnung "nicht ganz unserer Vorstellung entsprach" und die finanziellen Konsequenzen für die Gegenseite offenbar nicht bedacht wurden.

In einem bemerkenswerten Statement auf der Website verteidigen sie ihr Vorgehen hingegen mit der Aussage "Wir schätzten die Bekanntheit der isländischen Band in Deutschland durch Recherchen im Internet als sehr gering ein". Als wäre das ein ausreichender Grund dafür, dass eine Band kein Recht auf ihren eigenen Namen hätte. Hatten wir schon erwähnt, dass die Berliner Band Kimono noch keine einzige Veröffentlichung vorzuweisen hat? Ganz im Gegensatz zu ihren isländischen Kollegen.

Die hatten übrigens als Vorschlag zur Güte angeboten, gemeinsame Konzerte unter dem Titel "Kimono vs. Kimono" zu geben, mit denen man öffentlichkeitswirksam hätte darauf aufmerksam machen können, dass es derzeit zwei völlig unterschiedliche Bands gibt, die unter dem Namen Kimono durch deutsche Lande touren. Eine salomonische Lösung, die jedoch von der Berliner Band abgelehnt wurde. Auch der Vorschlag, die isländische Band als "Kimono (from Iceland)" zur besseren Unterscheidbarkeit für die Fans anzukündigen, scheiterte an der Umsetzung, über die beide Seiten unterschiedliche Vorstellungen hatten.

DieGeschichte zeigt einmal mehr die hässlichen Abgründe des Musikgeschäfts und wie schlecht beraten aufstrebende Bands manchmal sind, wenn sie sich angetrieben vom Ehrgeiz nur mehr beraten lassen, statt selbst zu denken. Und den Ball immer schön flach zu halten.
Zum jetzigen Zeitpunkt sitzen die Anwälte beider Parteien an einem Tisch, um ihre Standpunkte darzulegen und eine Einigung zu suchen. Ganz so wie bei den Großen. Nur eben in kleinkariert.
Fortsetzung folgt... (ur)

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