Kommentar: Weder Apple noch Real

RealNetworks hat eine neue Werbekampagne begonnen, mit der die Firma Apples iTunes-Shop Kunden abspenstig machen will. Im Zentrum des Werbefeldzugs steht dabei eine auf Aktivismus getrimmte Website, mit der sich die Firma zum Anwalt des einfachen Manns auf der Datenautobahn aufschwingt. Der ist allerdings gut beraten, die neuen Digital-Majors mit ihren Streitigkeiten allein zu lassen. Ansonsten könnten schon bald unangenehme Überraschungen drohen, meint Tonspion-Korrespondent Janko Röttgers.

Real ist es mit Code-Analyse und ein wenig Nachhilfe aus dem Netz gelungen, den iPod zu knacken. Im Gegensatz zum gemeinen Safe-Knacker geht es der Firma dabei allerdings nicht darum, etwas aus dem per Digital Rights Management verschlossenen Kasten rauszuholen. Real will es Nutzern statt dessen ermöglichen, noch mehr in den Safe reinzupacken. Bisher war es den Kunden von Reals Download-Portal nämlich nicht möglich, ihre dort erworbenen Tracks auf den iPod zu übertragen.

Mit der Veröffentlichtung des neuen Real-Players hat sich dies geändert ? sehr zum Missfallen von Apple. Der Mac-Hersteller hat bisher noch keiner Firma eine Lizenz zur Nutzung seines DRM-Systems gegeben. Dass Real jetzt trotzdem einfach auf den iPod zugreifen kann, hat bereits zu Klageandrohungen von Apple gesorgt. Real wiederum will Apple mit Unterschriftensammlungen und Graswurzel-Charme dazu bringen, den grad erst veröffentlichen DRM-Hack nicht gleich wieder per iPod-Update zu deaktivieren.

Die so umschmeichelten Konsumenten lässt das alles jedoch kalt ? und das zu Recht. Konvertierungen von einem zu anderen Kopierschutz-Standard sind Lösungen auf der Suche nach einem Problem. Apples iPod spielt schließlich neben dem kopiergeschützten Audioformat der Firma auch MP3-Dateien ab, die sich schon immer problemlos von Gerät zu Gerät, von Festplatte auf CD und zurück bewegen lassen.

Klar, auch Kopierschutz-Formate sind umgangsfreundlicher geworden. So lassen sich zum Beispiel Apples Songs bis zu sieben Mal in gleicher Reihenfolge auf CD brennen. Wer will, kann diese CDs natürlich auch ganz einfach wieder ins MP3-Format umwandeln und damit auf jeden beliebigen MP3-Player übertragen. Doch möglicherweise wird sich dies schon bald ändern. So hat der Kopierschutz-Hersteller Macrovision angekündigt, seine geschützten Silberscheiben gegen Ende des Jahres auch mit iPod-Unterstützung auf den Markt zu bringen. Offenbar lässt sich Apple eben doch bei passender Gelegenheit zu ein paar Lizenzen hinreißen.

Interessant daran: Als Macrovision im Frühjahr erstmals von solchen Plänen sprach, brachte die Firma auch die umgekehrte Konvertierung ins Gespräch. Macrovision erklärte damals, man wolle die Anbieter von Download-Shops langfristig dazu bewegen, Kopierschutzfunktionen direkt in die Software ihrer Plattformen zu integrieren. iTunes würde damit beispielsweise keine reinen Audio-CDs mehr ausspucken, sondern nur noch geschützte Silberscheiben.

Ob Apple das wirklich vorhat? Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Möglich wär es jedoch, schließlich behält sich die Firma vor, die Nutzungsrechte ihrer kopiergeschützten Songs jederzeit zu ändern. In den iTunes Music Store-Nutzungsbedingungen heißt es dazu: ?Bei der Einräumung der Möglichkeit zum Brennen oder zum Export handelt es sich um eine Gefälligkeit. Hierin liegt keine Rechtseinräumung.?

Damit offenbart sich denn auch eine wesentliche Tücke der DRM-geschützten Downloadplattformen. Nutzer sind davon abhängig, welche Gefälligkeiten ihr Anbieter ihnen erweist. Rechte gibt es nicht. Wer will, dass er auch morgen noch CDs brennen und seine Songs auf allen zukünftigen digitalen Musikplayern wiedergeben kann, dem bleibt eigentlich nur eine logische Entscheidung: Musik im MP3-Format. Sollen Real und Apple sich doch streiten, so lange sie wollen. (jr)

Janko Röttgers ist Autor des Buchs "Mix, Burn & R.I.P. - Das Ende der Musikindustrie", das es unter http://www.mixburnrip.de als PDF-Datei zum freien Download und für 16 Euro ganz klassisch im Buchhandel gibt.

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