"Last.FM führt in eine Sackgasse"

Billy Bragg spricht auf der Popkomm über die Musikindustrie und Musikpiraten

Wenn es nach Billy Bragg geht, dann sind nicht die Nutzer von Tauschbörsen die Piraten, sondern die Anwälte der Musikindustrie. Auf der Popkomm-Keynote erklärte das britische Politfolk-Urgestein heute Mittag, warum die aktuelle Entwicklung der Musikbranche gar nicht so schlecht ist für die Musikszene.

Wenn man sich anschaue, wie die Musikindustrie seit Jahrzehnten die Künstler ausgebeutet habe, dann gäbe es für Künstler und Publikum heute ein unglaubliches Potenzial von Möglichkeiten, so Bragg. Früher habe man als Musiker vielleicht 100 000 Dollar Vorschuss erhalten und diesen Betrag anschließend über Plattenverkäufe wieder abbezahlt. Doch nachdem der Betrag getilgt war, gehörten die Songs nicht etwa wieder dem Musiker, sondern sie gehörten weiterhin der Plattenfirma. Auf Lebenszeit. Man stelle sich eine Bank vor, die einen Kredit für ein Haus vergebe, den man über Jahre abbezahle und am Ende gehöre das Haus der Bank. Kein Mensch würde so einen Vertrag unterschreiben.

Braggs Gitarrist Ian Patrick McLagan war früher Mitglied der Small Faces. Heute seien in jeder Provinztankstelle Englands 60s-Sampler mit Titeln der Faces zu finden und McLagen verdiene daran keinen einzigen Penny.

Kaum verwunderlich also, dass Altmeister Bragg die Entwicklung des Internet und seiner neuen Möglichkeiten sehr schätzt. Er habe sofort ein Profil bei MySpace angelegt, als er davon erfahren habe. Doch habe er es wieder gelöscht, als er sich die Allgemeinen Geschäftsbedingungen etwas genauer angesehen habe. Dort sei die Rede von einer "world wide royalty free licence" gewesen, fünf Worte, die er als Musiker in dieser Kombination eigentlich nicht hören möchte. Inzwischen habe MySpace aber deutlich nachgebessert und den Musikern alle Rechte am eigenen Material eingeräumt. "Löscht man seine Musik vom Server, sind die Rechte von MySpace ebenfalls erloschen", so stelle er sich zeitgemäßen Musikvertrag vor. 

Überhaupt könne von einer Krise der Musik gar keine Rede sein: nie zuvor habe es so ein großes Interesse für Live-Konzerte gegeben. In England sei in diesem Sommer ein regelrechter Roadie-Notstand ausgebrochen. Daran könne man sehen, dass so viel Musik wie noch nie gehört wird, es müssten nur endlich Wege gefunden werden, wie dafür bezahlt wird. Schließlich müssten Künstler von ihrer Arbeit leben können. Als Beispiel nannte er E-Mails. Jeder bezahle dafür, in dem er seinen Provider bezahlt, aber kaum einer nehme das so wahr. Genauso müsste für Musik bezahlt werden können, einfach pauschal mit der Internetrechnung und dafür solle man dann auch hören können, was, wann und wo man möchte.

Die Musikindustrie bezeichne das Publikum inzwischen als Piraten. Dabei habe beispielsweise auch ein John Peel als Musikpirat angefangen und von einer Insel mitten in der Nordsee gesendet, bis die BBC ihn entdeckte und ihn mit einer eigenen Sendung und allen kreativen Freiheiten ausstattete. Peel habe als Musikpirat das Leben von Millionen von Menschen verändert durch das was er getan habe. Er sei ein wichtiger Filter gewesen und gerade im Internet seien Filter wichtig, die aber offen sein müssten. Musikfiltersoftware, wie die von Last.fm, führten in eine Sackgasse, weil man nur das zu Gehör bekommt, was sich irgendwie ähnlich anhört, wie das, was man schon kennt. Wenn man wirklich Neues hören und für sich entdecken wolle, würde man dort kaum fündig werden, so Bragg.

Udo Raaf / tonspion.de

Tonspion präsentiert täglich die beste neue Musik mit Streams, Videos und kostenlosen Downloads sowie die wichtigsten Neuheiten aus dem Netz.

amazon music unlimited

Tonspion Newsletter

Alle wichtigen Neuigkeiten aus der Welt der Musik einmal wöchentlich in deine Mailbox.
Kein Spam, versprochen! Du kannst dich in jedem Newsletter wieder abmelden.
* Pflichtfeld

Ähnliche News

30 Jahre Musikbusiness in 30 Sekunden

30 Jahre Musikbusiness in 30 Sekunden

Animiertes Schaubild zeigt rasanten Wandel im Musikgeschäft
Digital Music News hat ein animiertes Gif erstellt, das eindrucksvoll die Entwicklung des Musikgeschäfts der letzten 30 Jahre zeigt. 
"Downloaded" - Die Geschichte von Napster als Film

"Downloaded" - Die Geschichte von Napster als Film

Jetzt den US-amerikanischen Dokumentarfilm online streamen
Mit dem Launch der Musiktauschbörse Napster 1999 wurde die Musikindustrie revolutioniert. Die Dokumentation „Downloaded“ versucht die Geschichte und die Bedeutung der Software zu rekonstruieren und kann jetzt online gestreamt werden.
Album der Woche: Suede – "Bloodsports"

Album der Woche: Suede – "Bloodsports"

Jetzt die Alben der Woche für nur 5 Euro runterladen
Jede Woche stellen wir gemeinsam mit 7digital ein Album vor, das es für günstige fünf Euro zu kaufen gibt. Diese Woche ist unser Album der Woche "Bloodsports", die eindrucksvolle Rückkehr von Suede nach elf Jahren ohne Album.
Justin Timberlake kündigt neues Album "20/20 Experience" an

Justin Timberlake kündigt neues Album "20/20 Experience" an

„Suit & Tie“ als Startschuss für das neue MySpace
Justin Timberlake setzt nach sechs Jahren Pause seine Karriere als Sänger fort. Zuletzt war der Ex-N'Sync-Frontmann und Ex-Freund von Britney Spears vor allem im Kino aktiv. Jetzt hat er pünktlich zum Relaunch von MySpace mit „Suit & Tie“ den ersten Song aus seinem neuen Album „20/20 Experience“ veröffentlicht.
Neues aus dem Pop-Feuilleton

Neues aus dem Pop-Feuilleton

Mit Kanye West, der Popkomm, dem Leistungsschutzrecht und Superheavy
Pünktlich zum Freitag haben wir für die Tonspion-Popschau wieder im Feuilleton geblättert, und Lesenswertes über die Popkomm und Sehenswertes von Kanye West gefunden, uns erneut mit Superheavy beschäftigt und einen Blick auf das geänderte Leistungsschutzrecht gewagt.

Aktuelles Album

Never Buy The Sun

Billy Bragg - Never Buy The Sun

Protestsong, klassisch
Während anderswo der neue, abstrakt-schöne Protestsong gefeiert wird, bleibt Billy Bragg klassisch: Der britische Meister des beseelten Liedprotests kommentiert die Vorgänge um die News Of The World mit einer kleinen Selbstverständlichkeit: Schmierblätter liegenlassen. Fertig.