Lauter als MTV

Ein Interview mit Rainer Henze von laut.de
Klammheimlich, still und leise hat sich das Online-Musikmagazin Laut.de zum meistbesuchten Musikportal im deutschsprachigen Netz entwickelt. Ohne großes Marketingbudget im Rücken, konnte das in Konstanz beheimatete Magazin sogar MTV.de überholen. Wie das geht, erzählte uns laut.de-Macher Rainer Henze.

Tonspion: Glückwunsch, Laut.de hat sich klammheimlich zum meistbesuchten deutschsprachigen Online-Musikportal entwickelt und hat sogar MTV.de abgehängt. Wie habt ihr das bloß angestellt?

Rainer Henze: Danke. Ich weiß auch nicht, ist ja wirklich etwas überraschend, so ganz ohne Fernsehsender oder Teenie-Postille im Rücken. Ich hoffe, es liegt an der Qualität unserer Inhalte, die sich langfristig durchsetzt. Wir geben uns größte Mühe, die Informations- und Unterhaltungsbedürfnisse unserer Besucher bestmöglich zu bedienen. Und weil wir so ziemlich von Anfang an dabei sind, verstehen wir das Internet vielleicht auch ein bisschen besser als andere, die eher aus den klassischen Medien kommen.

Tonspion: Was bietet Ihr denn alles auf Euren Seiten?

Eigentlich sehr klassische musikjournalistische Inhalte: CD-Kritiken, Bandporträts, Musik-News und Tourdaten. Das verknüpfen wir mit interaktiven Angeboten, wie Leser-Foren und Services, etwa unserem CD-Preisvergleich.
So findet man auf laut.de alle wichtigen Informationen zu einer Band oder einem Künstler der einen interessiert auf einen Blick.

Tonspion: Und welche Bereiche werden am intensivsten genutzt?

Sehr stark genutzt werden die Starporträts - also Biographien, Album-Infos, Bilder und so weiter - zu mehr als 3.000 Artists. Das ist ein im deutschsprachigen Bereich recht einzigartiges Angebot. Intensiv genutzt werden natürlich auch unsere durchaus meinungsfreudigen CD-Kritiken. Die sollen informieren, gerne amüsieren und vor allem zu Diskussionen anregen über zeitgenössische Popmusikerzeugnisse. Das gelingt bisweilen ziemlich gut.

Tonspion: Viele Online-Musikmagazine haben den Einbruch nach der Dot-Com-Hysterie nicht überlebt. Was habt ihr anders und besser gemacht?

Eigentlich haben wir es schlechter gemacht. Wir haben die Dot-Com-Hysterie nicht genutzt, um Millionen von Risikokapital abzugreifen und es fröhlich restlos zu verfeiern. Deshalb müssen wir heute noch arbeiten. Aber im Ernst: ich glaube der Grund ist eine gewisse Sturheit, ein gutes Stück Selbstausbeutung und natürlich die komplette Musikverrücktheit des gesamten Teams. Dazu kommt, dass wir mit unserer Online-Agentur SEITENBAU eine sehr erfolgreiche Mutterfirma haben, die mit harter Arbeit ehrliches Geld verdient, ganz weit weg vom Musikbusiness und uns damit die Anschubfinanzierung von Projekten wie laut.de auch über längere Zeit ermöglicht.

Tonspion: Gibt es heute eigentlich nicht viel zu wenig verlässlich gute Online-Anbieter im Bereich der Musik? Oder seid ihr froh, nicht so viel Konkurrenz zu haben?

Ist das so? Weiß nicht, wir haben ja schon darüber geredet, wie schwierig die Finanzierung ist, vielleicht liegt es daran. Sicher ist: der Markt steht immer noch relativ am Anfang. Konkurrenz ist insofern tatsächlich gut, weil damit die Aufmewrksamkeit für Online-Musik-Angebote insgesamt wächst.

Tonspion: Die Musikfans sind inzwischen fast alle im Internet. Dennoch ist die Finanzierung eines täglich aktualisierten Online-Angebots nach wie vor schwer, wie wir aus eigener Erfahrung wissen. Woran liegt das Deiner
Meinung nach?

Daran, dass die Freunde von der Musikindustrie nach wie vor lieber Bauzäune plakatieren, als mit ihrer Werbung dorthin zu gehen, wo ihre Kunden unterwegs sind: ins Netz. Das macht es einem werbefinanzierten Musikmedium im Internet natürlich nicht gerade leicht. Kein Scheiß: "Bundesweite Bauzaunplakatierung" schreiben die immer noch ganz stolz auf ihre Marketingpläne. Möglicherweise haben die Musikmanager von heute in ihrer eigenen Punk-Vergangenheit überwiegend vor Bauzäunen rumgelungert und glauben deshalb, die Jugend 2005 täte das immer noch. Ich habe da meine Zweifel. Aber zum Glück sind einige Markenartikler inzwischen deutlich weiter und erkennen die Chance, ihre Zielgruppe auf Jugendplattformen wie laut.de direkt zu erreichen.
br /> Tonspion: Und wie sind Eure Erfahrungen im Umgang mit Plattenfirmen? Die galten ja bislang nicht gerade als online-affin.

Nunja, gemischt. Es gab auch in den großen Plattenfirmen immer schon fitte und aufgeschlossene Leute, die die Chancen des Internets erkannt haben und mit denen man super zusammenarbeiten konnte. Leider waren die oft nur Assistenten oder Junior-Irgendwas. Gebremst wird meist weiter oben. Aber auch da vollzieht sich der Wandel, langsam aber sicher.

Tonspion: Wie schätzt Ihr die Zukunft der Musikindustrie im Zeitalter der digitalen Downloads ein?

Wer Musikgeschäft auch in Zukunft noch als Industrie begreift, hat, glaube ich, gar keine Zukunft. Das "Industriezeitalter", mit handfesten Musik-Produkten, die mehr oder weniger hübsch verpackt und auf Lastwagen durch die Gegend gekarrt werden, ist ja nun so langsam um. Da mögen einige immer noch schreien, dass es die CD auch in zehn Jahren noch geben werde.
Wer einen dieser schicken und leider immernoch sündhaft teuren iPods sein Eigen nennt, wird meine Zweifel an dieser Prognose teilen. Deshalb hat Zukunft, wer im Musik-Dienstleistungszeitalter mit cleveren Services auf den Markt geht. Downloads werden da eine Rolle spielen, Abo-Modelle, Streaming-Angebote, vor allem der mobile Bereich, der Handy-Markt, wird sicher noch viel interessanter, wenn da mit UMTS endlich mehr geht als furzende Klingeltöne. Und weil die großen Unternehmen nunmal träge sind, bieten sich in einem vernetzten Musikmarkt viele Möglichkeiten für kleine und mittelständische Firmen, die sogenannten Independents. Große, industrielle Produktionsstrukturen und Vertriebswege braucht man im digitalen Musikgeschäft auf jeden Fall nicht mehr.

Tonspion: Welchen Einfluss hat das auf Eure Arbeit?

Wir verfolgen diese Entwicklung mit großem Interesse und begleiten sie kritisch - schließlich sind wir in erster Linie ein journalistisches Produkt, das ist unsere Hauptaufgabe, und da gibt es in nächster Zukunft sicher viele spannende und berichtenswerte Ideen und Trends. Und hoffentlich viel gute Musik. Man findet ja heute schon ausgezeichnete Bands, die zunächst im Internet auf sich aufmerksam machen. Anajo sind für mich so ein Beispiel. Von denen werden wir noch viel hören. Die haben erstmal drei CDs über ihre Homepage vertrieben bevor sie einen "richtigen"
Plattenvertrag bekamen. Internet ist dabei natürlich nur ein Element, pausenloses Livespielen ein anderes. Aber das plakativste Beispiel, was das Internet leisten kann, war zweifellos Schnappi - auch wenn das nun musikalisch nicht unbedingt das ist, was wir uns vorstellen.

Tonspion: Jedem das seine. Was können wir in Zukunft von Laut.de erwarten?

Unser Ziel ist es, die laut.de-Inhalte über möglichst viele Medienkanäle zu unseren Lesern zu bringen. Deshalb haben wir unsere Besucher kürzlich auch gefragt, ob sie Interesse an einem laut.de-Printmagazin hätten. Das war eine etwas abenteuerliche Idee: Wir wollten ihnen quasi ein Abo verkaufen von einem Magazin, das es noch gar nicht gab. Sobald genug Interessenten beisammen wären, sollte das Magazin starten. Die Reaktionen waren sehr positiv aber letztlich noch nicht genug, um das wirklich wirtschaftlich seriös machen zu können. Printproduktion ist ein teurer Spaß. Viele haben uns auch gesagt, dass sie überhaupt keine Printprodukte mehr nutzen.
Deswegen werden zukünftige laut.de-Projekte wohl eher auf neue denn auf Oldschool-Medien setzen. Mit unserem Channel im Vodafone live!-Portal sammeln wir zum Beispiel schon seit einer Weile wertvolle Erfahrungen in Sachen mobile Inhalte. Ich bin mir sicher, dass da in nächster Zeit noch einiges geht.

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