Musikbusiness verkehrt

Radiohead bitten ihre Remixer zur Kasse. Ein Kommentar

Normalerweise sind Remix-Contests im Netz beliebte Mittel, um ein wenig Promotion für neue Singles zu betreiben. Radiohead bitten ihre Remixer nun sogar zur Kasse.

Es gibt Künstler und Künstler. Die einen verdienen mit ihrer Arbeit Geld. Viel Geld. Die anderen - und das ist die große Mehrheit - verdienen mit ihrer Arbeit nichts, zahlen vielleicht sogar noch drauf, können aber einfach nicht anders. Offenbar diese Zielgruppe hat der Radiohead Remixcontest zur aktuellen Single "Nude" im Auge.

Die Teilnehmer sollen nämlich die einzelnen Spuren des Songs im iTunes Store für 6 Euro kaufen, sich dann eine weitere Apple-Software herunterladen(!), um dann schließlich ihre eigenen Remixe und Bearbeitungen auf den Server von Radiohead hochladen zu dürfen. Allerdings geht das nur, wenn die Tracks 5 MB nicht überschreiten. Gleichzeitig geben die Remixer mit der erforderlichen Zustimmung zu den Teilnahmebedingungen jegliche Rechte an ihrem Werk ab. Zu gewinnen gibt es im Übrigen nichts. Außer für Radiohead und Apple natürlich, die sich den Gewinn teilen dürfen.
Kreative Freiheit und Fairness im Umgang mit kreativer Arbeit geht anders.

Zynischer als mit so einer Aktion kann man den aktuellen Zustand des Musikbusiness gar nicht beschreiben. Eine etablierte und zweifellos verdiente Band sonnt sich hier in ihrem Ruhm und nutzt die Sehnsucht nach Aufmerksamkeit vieler hunderter Nachwuchskünstler kommerziell für sich aus. Gegen einen derart arroganten Aktionismus sind sogar fragwürdige Casting-Shows wie DSDS geradezu als fair zu bezeichnen, denn zumindest darf sich dort der hoffnungsvolle Nachwuchs für fünf Minuten im Licht einer großen Öffentlichkeit präsentieren - und nicht nur im Schatten einer berühmten Band.

Wer also neulich noch ernsthaft glaubte, Radiohead würden das Musikbusiness revolutionieren, nur weil sie im letzten Jahr ihr Album für kurze Zeit verschenkt haben, der wird nun eines Besseren belehrt. Und wenn das die Revolution sein soll, dann kann sie mich mal.

Udo Raaf / Tonspion.de

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