Musikfernsehen ist Vergangenheit

Ein Interview mit dem ehemaligen MTV-Moderator Steve Blame
Nach der endgültigen Übernahme von Viva durch MTV steht der Kölner Sender vor drastischen Veränderungen. Sogar über eine Schließung wird spekuliert. TONSPION sprach mit dem ehemaligen MTV-Moderator und Viva 2-Programmdirektor Steve Blame über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Musikfernsehens.

Steve Blame war der erste News-Anchorman von MTV Europe. Als leitender Redakteur und Moderator der Redaktion von MTV News in London war der gelernte Koch von 1987 bis 1994 beim großen Durchbruch des Musikfernsehens in Europa an vorderster Front dabei. 1994 wurde er Programmchef des Musiksenders Viva 2 und lebt seitdem in Köln. Heute entwickelt Steve Blame mit seiner Firma TV-Formate und gibt Interview-Workshops für TV-Moderatoren und Künstler.

Tonspion: Was denken Sie, wenn Sie die Entwicklung ihrer früheren Sender MTV und Viva betrachten?

Steve Blame: Ich kam damals direkt aus der Londoner Clubszene auf den Bildschirm von MTV. Meine Mitarbeiter, Film-Regisseure, Mode-Designer usw. dachten damals, dass es cool wäre, für einen Musiksender zu arbeiten. Heute denkt kaum noch jemand, dass es cooler wäre, bei einem Musiksender zu moderieren, als Filmregisseur oder Modedesigner zu sein. Die Zeiten haben sich geändert und es gibt spezifische Gründe für diese Veränderung. MTV hat sich von der Musik wegbewegt. Man hat festgestellt, dass man mit weltweiten Formaten den Umsatz und die Zuschauer-Reichweiten enorm steigern kann. MTV ist heute ein Jugend-Entertainment-Kanal, es ist nicht mehr nur ein Musiksender. Ich sah Viva immer als MTV für Arme. Unglücklicherweise konnte man bei Viva nie auf die Entwicklungen reagieren, die sich bei MTV abgespielt haben. Aus einer Reihe von Gründen, die nur das ehemalige Management erklären könnte.

Tonspion: Was war früher entscheidend anders als heute?

Die Gründungszeit jeder Firma ist eine aufregende Periode, wo jeder denkt, er könne Entscheidungen beeinflussen und dem Programm seinen Stempel aufdrücken. Nach ein paar Jahren wird die Firma zu groß und die Entscheidungen werden jenseits der Basis gefällt. Ein anderer wichtiger Faktor ist, dass MTV damals völlig neu war, Videos waren etwas Aufregendes. Heute gibt es so viele andere Formen von Kommunikation und Gemeinschaftsstiftendem.
Außerdem denke ich, dass MTV zuerst das Mainstream-Fernsehen revolutioniert hat und in den späten 90ern hat das Mainstream-Fernsehen das Musikfernsehen beeinflusst. Was zum Bespiel gibt uns die Sarah-Kuttner-Show? Sie ist zweifellos eine gute Moderatorin, aber bietet uns ihre Show irgendetwas anderes als das Mainstream-Fernsehen? Woher wissen wir, dass wir Viva schauen und nicht Pro 7?

Tonspion: Charlotte Roche galt als letztes glaubwürdiges Sprachrohr der Popkultur im deutschsprachigen Musikfernsehen. Was meinen Sie zur plötzlichen Absetzung ihrer Sendung "Fast Forward"?

Ich halte es für gefährlich, solchen Originalen keinen Platz in den Sendern einzuräumen. Offensichtlich wurde ihre Sendung abgesetzt, weil sie nicht so viel gesehen wurde, wie die konventionellen Sendungen, aber der Imageverlust, den der Sender dadurch erlitten hat, macht das zu einer sehr schlechten Entscheidung. Wenn die Musik von Viva bereits bei DSDS und Popstars zu hören ist sollte man sich fragen: warum spielen wir dasselbe?

Tonspion: Hat Musikfernsehen überhaupt eine Zukunft? Wird man vielleicht irgendwann wieder von vorne anfangen und sich auf Musik konzentrieren?

Nein. Wir sprechen von der Vergangenheit, wenn wir über Musikfernsehen sprechen. Es gibt Jugendfernsehen, aber es gibt kein Musikfernsehen mehr.

Tonspion: Die Musikkanäle sind ja längst nur noch Kinderfernsehen. Wollen
Erwachsene einfach kein Musik-TV mehr sehen?

Wenn nur die sehr jungen Zuschauer angesprochen werden, können nur die sehr Jungen zuschauen. Das ist die Frage nach dem Huhn und dem Ei. Die Sender sehen die Teenager als ihre Zielgruppe, also schauen nur Teenager ihre Sendungen und dann sagt man sich: wir sollten die Teenager noch gezielter ansprechen. Wenn sie sich dazu entschließen würden, auch ältere Zuschauer anzusprechen, würden sie diese auch erreichen.

Tonspion: Wie würden Sie heute Musikfernsehen machen

Ich habe heute genug anderes zu tun, danke.

Tonspion: Die Musiksender waren lange Zeit der wichtigste Promotionkanal der Labels, Viva gehörte ja sogar zum überwiegenden Teil den Musikkonzernen. Warum funktioniert dieses System nicht mehr?

Das führt uns zu einem weiteren Problem. Wer entscheidet eigentlich was in einem Musiksender? Wenn die Plattenfirmen die Musikauswahl beeinflussen und die Plattenfirmen entscheiden, wie ein Video auszusehen hat, was bleibt dann noch? Dieses System kann niemals auf lange Sicht funktionieren, weil die Plattenfirmen immer mehr vorschreiben wollen, wo und wie ihr Produkt platziert wird. Ich denke, Viva hat genau das lange genug bewiesen.

Tonspion: Welche Chancen sehen Sie im Internet, die Musikbranche wieder nach vorne zu bringen?

Hinsichtlich der Zukunft des Musikvideos würde ich es gerne sehen, wenn mehr Künstler die Kontrolle über ihre eigenen Videos übernehmen und experimentellere Clips speziell fürs Internet machen. Was die Zukunft der Musikindustrie angeht ist die Zeit der Goliaths vorbei.

Tonspion: Welche Art von Musik würden Sie heute gerne im Musikfernsehen hören?

Alles und jedes. Zumindest etwas, das nicht durch einen beschissenen Klingelton unterbrochen wird!

(Das Gespräch führte Udo Raaf)

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