Netz vs. Kultur: Wohin geht die Reise?

Wie Jaron Laniers Thesen zur Zukunft der Netzkultur polarisieren

Der internetpionier Jaron Lanier hat mit einem verbalen Rundumschlag für Aufsehen gesorgt: alle großen Medien berichten über seine Thesen zum Niedergang der Netzkultur. Die direkt Angesprochenen reagieren erstaunlich unsouverän.

Was war passiert? In seinem neuen Buch "You are not a gadget" greift der Erfinder des Begriffs der "virtuellen Realität" die Protagonisten des Web 2.0 massiv an (wir berichteten). Das Internet sei fest in den Händen von Informatikern und Werbern, die sich kein bisschen um Kultur scheren, so seine zentrale Aussage. Stattdessen entwickle sich Werbung immer mehr zum eigentlichen Inhalt, mangels anderer tragfähiger Geschäftsmodelle, wo man direkt für eine geistig-kreative Leistung bezahlt. Diese Entwicklung findet er gefährlich, sie schade der Kultur und mache die Menschen dumm.

Vor allem richtet sich seine wütende Kritk gegen jede Form von kollektivem Wissen, das keinen Autoren mehr kennt und somit auch irgendwann nicht mehr nachprüfbar sei. Am Ende habe man nur noch "einen einzigen globalen Brei", etwas was der Bibel gleich komme, an die man zwar glauben kann, die aber kein überprüfbares, belegtes Wissen beinhalte.

Schuld an dieser Entwicklung seien die Programmierer, die das Netz dominieren, sich aber um Kunst und Kultur keine Gedanken machten. Wenn man aber Musik, Literatur, Filme oder unabhängigen Journalismus nicht mehr finanzieren könne, weil eben alles per se kostenlos im Netz zu haben sei, was sich in Nullen und Einsen zerlegen lässt, dann geraten wir seiner Meinung nach in eine "Todesspirale".

"Der Niedergang begann mit dem Versuch, im Netz Geld zu verdienen. Bislang ist dabei leider nur ein einziges erfolgreiches Geschäftsmodell herausgekommen: das der Werbung, wie Google sie betreibt. Soziale Netzwerke wie Facebook versuchen, diesen Erfolg nachzuahmen." (Jaron Lanier bei Spiegel.de)

Wer bei Google keine Werbung schalte, verschwinde und werde unauffindbar, so eine weitere These Laniers. Tatsächlich sind die obersten Plätze der Suchmaschinentreffer bei Google belegt durch Seiten, die entweder Google dafür bezahlen oder aber teure SEO-Spezialisten anheuern, die wissen, wie man sich nach oben mogelt in den Trefferlisten. Und nur was ganz oben steht, wird geklickt. Damit gibt uns Google vor, welche Seiten wir finden und es sind in der Regel nicht die besten, sondern die finanzkräftigsten.

Auch wir können ein Lied davon singen. Kaum haben wir eine MP3-Vorstellung veröffentlicht, häufig nach langen Verhandlungen mit dem zuständigen Label, taucht dasselbe MP3 auch schon auf derart suchmaschinenoptimierten Seiten vor uns auf. Diese Seiten haben keinerlei Anspruch an irgendwas, außer schnell Geld zu machen. Was geklickt wird, ist für diese Seiten letztlich scheißegal. Hauptsache es wird geklickt. Und das Schlimme: es funktioniert.

Kein Wunder also, dass alle großen Medien Lanier zum Interview bitten, egal ob FAZ, Spiegel oder SZ. Sie alle haben schließlich dasselbe Problem: wenn teurer Qualitätsjournalismus im Netz genauso viel Wert ist wie ein "Scheiße"-Kommentar auf Facebook, bekommen wir irgendwann ein massives Problem. Irgendjemand muss den Aufwand, der nötig ist, wenn man Qualität abliefern will, bezahlen. Und dafür gibt es nach wie vor kein Geschäftsmodell - außer Werbung. Der Spiegel konkurriert heute gegen StudiVZ oder Facebook um Anzeigen. Die müssen aber keine Redaktion bezahlen, da die Menschen die mit Werbung versehenen Inhalte völlig kostenlos erstellen, massenweise. Qualität spielt dabei keine Rolle mehr.

"Ich sage das nicht gern, aber wenn Leute ständig neue Videos online stellen und der Menge gefallen müssen, gibt es für sie keine Pause, um sich weiterzuentwickeln. So kommt es unter dem Banner der Offenheit zu einem Verlust an Kreativität." (Jaron Lanier in der FAZ)

Diese Entwicklung ist bedenklich und Lanier benennt das, wenn auch teilweise in etwas provozierenden Formulierungen ("digitaler Mob", "Cyber-Totalitaristen"). Sein großes Problem: er hat keine wirkliche Lösung parat, lediglich eine ganz grobe Andeutung davon. Doch ob man ihm das vorwerfen kann? Die Großen diktieren wie immer die Entwicklung. Das sind momentan Firmen wie Google, Wikipedia, Apple, Facebook und andere global agierende US-Konzerne. Allesamt sind sie in erster Linie von Informatikern betriebene Unternehmen, die zunächst an ihren eigenen Profit denken (mit Ausnahme von Wikipedia, die aber aufgrund der unglaublichen Masse von Nutzern sehr erfolgreich um Einnahmen betteln können).

Die Produzenten guter Inhalte haben es schwer. Egal ob Musik, Text, Literatur, Film, wir befinden uns derzeit in einer Umbruchsphase und immer drängender und lauter wird die Frage: wer soll eigentlich den ganzen tollen, schönen, bunten Content bezahlen, der das Netz überhaupt erst zu dem macht, was es ist? Wie sieht es aus das Geschäftsmodell der Zukunft? Und wer setzt es durch, für uns alle? Apple hat aus rein egoistischen Gründen das Musikgeschäft vor dem Fall in die Bedeutungslosigkeit gerettet, indem es ihm und sich mit dem iTunes Store zu neuen Einnahmenquellen verhalf. Denn was nützt der schönste iPod am Ende ohne gute Musik? Aber ob das reichen wird? Unsere Kultur in den Händen eines einzelnen Unternehmens?

Was passiert, wenn irgendwann die gesamte Weltliteratur, alle Filme und alle anderen kreativ-geistigen Werke umsonst im Netz zu haben sind? Werden wir dann alle Informatiker? Oder Werber? Hören wir Musik von Amateuren, die ihre per iPhone gedrehten Videos bei YouTube veröffentlichen, in der vagen Hoffnung irgendwann einen Werbespot drehen zu dürfen, den irgendjemand bezahlt? Färben wir unsere Haare rot, um zumindest aufzufallen und darin mitspielen zu dürfen? Und verplempern unsere Freizeit ansonsten damit, auf Anzeigenflächen (perfiderweise bei Facebook "Freunde" genannt) zu klicken, um dieses System am Leben zu erhalten?

"Es (Google) ist wie ein Organismus ist, der sich von seinem eigenen Körper ernährt. Es geht eine Weile lang gut, aber dann ist das Verhungern unausweichlich. Statt nur Anzeigen zu verkaufen, muss es anfangen, Geld zu verlangen für die Inhalte, die es anbietet, und dieses Geld an die Autoren auszuzahlen. Sonst ist die Zivilisation, die es im Internet verfügbar machen will, irgendwann tot." (Jaron Lanier in der SZ)

Die Diskussion ist eröffnet und sie wird uns vermutlich noch lange begleiten. Doch die Antworten der sonst so wortgewaltigen Web 2.0-Prediger auf Laniers Thesen sind erstaunlich bösartig, unsachlich und aggressiv. Mit durchdachten klaren Argumenten widerlegt ihn derzeit keiner, allenfalls mit schwachbrüstigen Kulturpessimismus-Vorwürfen, Schirrmacher-Vergleichen oder Witzen über seine Frisur. Ob da jemand einen wunden Punkt getroffen hat?

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