Neues aus dem Pop-Feuilleton

Mit R.E.M., Nirvana, The Specials und den Fragmenten von Pop

Freitag - Zeit für die Tonspion Popschau. Diesmal für Euch im Feuilleton entdeckt: Nachrufe für R.E.M., Würdigungen für Nirvanas „Nevermind“-Album, eine Comeback-Show der Specials und eine klarer Blick darauf, wieso es heutzutage keine neuen Nirvana mehr geben kann.

Päpstliche Auflösung

R.E.M. haben ihre Auflösung bekanntgegeben, deshalb mutmaßt Christian Tretbar für die Zeit, R.E.M. hätten dafür den Papstbesuch in Berlin abgepasst: „Es ist, als hätten sie noch einmal den Zeitgeist treffen wollen. Noch einmal den Soundtrack, wenn schon nicht für eine Generation, dann doch wenigstens für diesen einen Tag schreiben wollen. Ausgerechnet am Vorabend des Papstbesuchs in Berlin gibt die amerikanische Rockband R.E.M ihre Auflösung bekannt. 'Losing My Religion', einer ihrer erfolgreichsten Hits, müsste zumindest jetzt nochmal Platz 1 der Charts einnehmen.“ Arno Frank von SPON trifft dafür den Nagel auf den Kopf und attestiert R.E.M. „satt“ zu sein und fordert: „Wenn man sich die Welt des Rock als tropisches Biotop vorstellt, dann wimmelt und flirrt und surrt es darin nur so von interessanten Lebensformen. Jetzt hat sich einer der letzten verbliebenen Dinosaurier also einfach so zum Aussterben hingelegt. Freiwillig. Metallica, U2 und die Red Hot Chili Peppers sollten sich daran ein gutes Beispiel nehmen.“

Never Mind The Business

Andreas Hartmann hat sich für die TAZ mit Nirvanas „Nevermind“ beschäftigt. Das Album markiere einen Wendepunkt in der Entwicklung der Musikindustrie in den letzten 20 Jahre, so Hartmann: „'Nevermind' hat der Musikindustrie ein Gefühl der Allmacht verliehen, an deren Verlust sie heute umso schwerer knabbert. Dem Zufall, der bei dem sagenhaften Verkaufserfolg von "Nevermind" mit im Spiel war, will sie am liebsten überhaupt nichts mehr überlassen. Auch der Typus Rockstar, den Kurt Cobain verkörperte, ist heute undenkbar.“ Eine Meinung, die Gerrit Bartels von der Zeit teilt: „Nach der Veröffentlichung von 'Nevermind' sollte das Musikbusiness nicht mehr dasselbe sein. Die Grenzen von Underground und Mainstream waren nicht mehr klar zu bestimmen. Immer mehr kleinere Labels gingen Kooperationen mit größeren ein. Mainstream der Minderheiten hieß in der Folgezeit eines der Schlagwörter, und der Rockstar avancierte auf einmal zu einem Vorreiter von Flexibilisierung und Globalisierung.“

Pop-Fragmente

Eine Beobachtung, die ganz hervorragend zu einem Artikel von Hannah Pilarczyk passt. Auf Spon diagnostiziert sie: „Wir mögen uns vielleicht nach dem nächsten großen Ding sehnen, dem Hype, der alle wegfegt, der Platte, die alle kaufen, der Band, die alle live sehen wollen. Doch die Digitalisierung hat die Bedingungen für das Aufkommen des nächsten großen Dings grundlegend geändert. Würde es uns in diesem Moment vor die Füße fallen, stünden die Chancen gut, dass wir dafür gar keine Begriffe mehr hätten - und wahrscheinlich, trotz aller anders lautenden Bekundungen, auch keinen Nerv.“ Passend dazu empfehlen wir den Film „PressPausePlay“ (siehe unten)

Nothing Special

Jens Balzer war für die Berliner Zeitung beim Reunion-Konzert der Specials in Berlin, war davon aber weniger angetan als die „fünfzigjährige Backenbartträger in Fred-Perry-Hemden“: „Von einem rettenden Update des eigenen ästhetischen Ansatzes von einst war beim Specials-Konzert am Dienstag allerdings nichts zu spüren. Es handelte sich um nicht weniger, aber auch nicht mehr als um einen annehmbaren Oldie-Abend, bei dem zwei Stunden lang die schönsten Hits von den ersten beiden Platten in Cover-Band-artiger Form dargeboten wurden.“

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