PoNO: Warum Neil Youngs neues Start-up eine Schnapsidee ist

Neues Musiksystem soll die Qualität der Musik retten

Auf seine alten Tage ist Neil Young nochmal zum Start-Up-Unternehmer geworden. Über sechs Millionen Dollar hat er alleine über Kickstarter dafür eingesammelt, um ein neues Musiksystem auf den Markt zu bringen. Eines, das kein Mensch braucht.

Die Diskussion um MP3 und den Verlust der Qualität in der Musik, ist so alt wie der Tonspion. Seit über 15 Jahren wird immer wieder herzhaft darum gestritten, ob komprimierte MP3-Files nicht die Musik kaputt machen. Wer das ernsthaft glaubt, kauft auch heute weiterhin CDs oder Vinylplatten und hört Musik auf altmodische Weise. Diskussion erledigt. Oder etwa nicht?

 

Pono Player
Pono Player

 

 

Neil Young will die alte Diskussion wieder neu entfachen und hat ein Video veröffentlicht, in dem sich unzählige, hoch respektable Musiker von Beck bis Rick Rubin völlig begeistert zeigen vom neuen Pono-System, einem Musikplayer mit eigenem Dateiformat basierend auf FLAC. Young feiert sein Produkt als die Zukunft der Musik und glaubt, dass man Musik mit Pono ganz neu und in Studioqualität hören kann. Doch alle Anzeichen sprechen dafür, dass sein Produkt zunächst einmal nur von seinem guten Namen lebt. Wer könnte besser für die Qualität von Musik stehen, als der alte Haudegen Young, der schon so lange erfolgreich im Musikbusiness unterwegs ist und nicht im Geringsten im Verdacht steht, irgend etwas nur wegen des Geldes zu machen?

Die Gründe, die allerdings ganz klar gegen Pono sprechen:

1. MP3 klingt nicht per se schlecht, das Equipment ist schlecht.

Die meisten Leute hören Musik auf schlechten Ohrstöpseln oder Computerboxen. Ihr Problem ist nicht die Qualität von MP3 oder WAV, sondern ihr Equipment. Früher kursierten massenhaft MP3 in miserabler Qualität (128kbit/s) im Netz. Nicht zuletzt dank Tauschbörsen wie Napster. Heute bietet jeder Shop MP3 Files in ansprechender Qualität an. Selbst Spotify lässt seinen Nutzern die Wahl, ob ihnen Radioqualität reicht oder ob sie 320kbit/s Files hören möchten.

2. Das FLAC Format hat sich nicht durchgesetzt - aus gutem Grund.

Pono nutzt das FLAC Format, um Musik verlustfrei widerzugeben. FLAC gibt es bereits seit 2001, durchgesetzt hat es sich nie. Ganz einfach: weil es keinen Bedarf dafür gab, zumindest nicht für den Massenmarkt.

3. Das menschliche Ohr

Seit Jahren wird das Gerücht, dass MP3 schlecht klinge oder sogar das Ohr schädige in seriösen Studien widerlegt. Unter "normalen" Umständen hört niemand einen Unterschied zwischen einem ordentlich encodierten MP3 File und einem umkomprimierten Format. Alles andere ist Vorurteil oder der gute alte Placebo-Effekt. Wer als professioneller DJ über eine fette Anlage im Club auflegt oder ein sündhaft teures Hifi-System sein eigen nennt, wird das vermutlich anders hören, aber das ist eine vergleichsweise kleine elitäre Minderheit. Damit lässt sich keine Revolution starten.

4. "Buy it again, Sam"

Die Musikindustrie hat ihre goldene Zeit in den 90er Jahren erlebt, als sie ihre größten Schätze nochmal neu auf CD veröffentlichte und so ihren Kunden ein zweites Mal verkaufen konnte. Der Einführung eines neuen Musikstandards ist weiterhin der feuchte Traum eines jeden Musikmanagers. Das erklärt auch die enorme Summe, die Young in kürzester Zeit für Pono einsammeln konnte. Es ist anzunehmen, dass die Musikfirmen und Musiker an einem Erfolg des Projekts extrem interessiert sind, weil dann die Kassen noch einmal klingeln und sich der gesamte Backkatalog neu auf den Markt werfen lässt. Ob der Musikkunde dieses Spiel mit macht? Wohl kaum. Dafür gibt es heute zu viele Alternativen.

5. Die CD ist noch lange nicht tot.

Sie riecht zwar etwas streng, aber die CD ist noch lange nicht tot. Viele Musikfans wollen weiterhin das haptische Erlebnis haben und sich etwas ins Regal stellen. Das zeigt auch unsere aktuelle Umfrage im Tonspion. Pono setzt auf unsichtbare digitale Formate und der knallgelbe Player mit dem winzigen Bildschirm sieht auch nicht gerade umwerfend sexy aus. Trent Reznor verglich ihn kürzlich mit einem Toblerone-Riegel. Somit ist er für treue CD- oder Vinylkäufer keine Alternative. Gerade erst hat man seine ganzen alten MP3-Player entsorgt und seine Musik aufs Smartphone geholt, warum sollte man sich jetzt wieder so ein Ding anschaffen, das nichts weiter als Musik abspielen kann?

6. Warum eine Kickstarter Kampagne?

Neil Young ist Millionär und kennt zig andere Millionäre aus dem Musikbusiness, die alle im Video zu sehen sind und offensichtlich begeistert sind von seinem Produkt. Warum musste er eine Kickstarter Kampagne machen, um sein Projekt zu finanzieren? Vermutlich, weil er die größtmögliche Aufmerksamkeit für sein Projekt erreichen wollte. Was man letztlich damit erreicht, in dem man Rekordsummen einspielt. Und das ist für einen Prominenten wie Young, der sich so leidenschaftlich für seine Mission einsetzt natürlich kein Problem. Die angepeilte Finanzierung von 800 000 Dollar hätte er wohl auch locker aus der eigenen Tasche bezahlen können. Letztlich geht es Young sicher nicht ums Geld, sondern er ist vollkommen überzeugt von seiner Sache und möchte die Leute davon begeistern, Musik in guter Klangqualität zu hören. Aber er schadet damit auch seinem guten Ruf als politischer Aktivist und zeigt sich in dieser Frage als Esoteriker, den wissenschaftliche Fakten nicht weiter interessieren.

Fazit: Kauft bessere Hardware!

Die Diskussion um Pono und die Qualität der Musik erinnert an längst vergangene Zeiten, um die Jahrtausendwende, als Plattenfirmen alles unternahmen, das MP3-Format schlecht zu reden und ihr gut laufendes Business mit dem guten alten Tonträger zu retten.

Der Kunde hat sich inzwischen längst für ein "Sowohl-als-auch" entschieden. Manchmal will man eben einen Tonträger, manchmal einen hochwertigen Download für die Festplatte und für zwischendurch und unterwegs reicht als Radioersatz auch ein Streaming-Service. Wo da noch Platz für ein weiteres System sein soll, konnte damals selbst mit erheblichem finanziellem Einsatz der Musikindustrie nicht beantwortet werden (Stichwort: Super Audio CD) und wird auch heute unbeantwortet bleiben.

Die gute alte Vinylscheibe erfreut sich bei Musikfans weiter wachsender Beliebtheit. Wer wirklich Musik in Studioqualität zuhause genießen will, muss sich eben auch teures Studioequipment zulegen oder sich einfach mal seine Kabel genauer anschauen, statt in einen knallgelben Toblerone-Riegel zu investieren. Das Geld wäre in jedem Fall viel sinnvoller angelegt.

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