Popkomm 2002: Entspannter Realismus

Wer dachte, auf der Popkomm auf noch mehr Selbstmitleid als in den Jahren zuvor zu treffen, sah sich getäuscht. Statt dessen überwog im Angesicht der Branchenkrise Realismus. Kritik gab es am Universal-Portal Popfile.de.

Vielleicht lag es am Tageslicht. Dieses Jahr wurden die Stände der Musikmesse im Kölner Kongresszentrum erstmals nicht in zwei mit flackernden Neonlampen versorgte Betonetagen verbannt. Statt dessen fand man sich in Räumen mit Fenstern und Sonnelicht wieder. An der ein oder anderen Stelle wurde sogar die Tür nach draußen geöffnet, so dass die Messebesucher zwischendurch frische Luft schnappen konnten.

Man mag das für unwichtige Details halten, doch in gewisser Weise spiegelte der Ortswechsel das gesamte Klima der Messe wider. Die Musikbranche steckt in einer schweren Krise, im ersten Halbjahr hatten deutsche Plattenfirmen mit einem Umsatzrückgang von bis zu 20 Prozent zu kämpfen. Doch statt sich wie in den Jahren zuvor lediglich selbst zu beweinen und gegen die bösen, bösen Internet-Nutzer zu wettern, dominierten zumindest jenseits der wortgewaltigen Lobby-Veranstaltungen diesmal ruhigere Töne die Diskussion. Man könnte auch sagen: Nach Jahren des Schmorens im eigenen Saft hat die Branche Fenster und Türen aufgemacht, um die Welt an sich heranzulassen.

Ein Zeichen dafür: Das Branchenblatt Musikmarkt, das sich lange Jahre als Sprachrohr der Plattenfirmen aufführte, verkündete in einer Sonder-Ausgabe zur Popkomm: "Die Musikindustrie wird einsehen müssen, dass File Sharing nicht per se kommerzialisierbar ist. Für digitale Musik im MP3-Format wird die große Mehrheit der User auch in den nächsten Jahren nicht bereit sein, zu zahlen. Downloads zu Preisen zwischen einem und zwei Euro legal verfügbar zu machen, ist in den Augen der User ein verzweifelter Versuch der Musikindustrie, tradierte Offline-Geschäftsmodelle in die digitale Vertriebswelt hinüber zu retten."

Ähnlich sahen das auch viele Messebesucher und Aussteller. So wurde das mit großem Tamtam gelaunchte Popfile.de-Portal von Universal Music allgemein eher belächelt. Für den großen Wurf hält es wohl auch in der Branche keiner. Kritisiert wurde zudem, dass offenbar immer noch nicht feststeht, wie die Musiker an den Popfile-Umsätzen beteiligt werden.

Allerdings gab es auch niemanden, der einen funktionierenden Gegenentwurf hätte präsentieren können. Reine Internetfirmen gibt es auf der Messe praktisch gar keine mehr. Neue Technologien wie etwa der Vertrieb übers Handy wurden zwar erstmals vorgestellt, zielen aber in ihrer jetzigen Form noch auf zu kleine Nischen, um wirklich relevant zu sein. Auf die große Überraschung müssen wir also weiter warten. Oder anders gesagt: Die Türen sind offen - jetzt muss sich die Branche nur noch nach draußen wagen. (jr)

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