Popkomm 2004: Das Ende vom Lied?

Die Popkomm in Berlin hat ihre Pforten eröffnet. In unserer neuen Broschüre "MP3 für Fortgeschrittene" nehmen wir ein Thema auf, das auch auf der Messe die Diskussionen bestimmt: wie sieht der Musikvertrieb der Zukunft aus? Aus unserem Heft ein Leitartikel von Tonspion-Mitherausgeber, Verleger und Journalist Walter Gröbchen zum Zustand der Musikbranche 2004.

Das Ende vom Lied?

Stell? Dir vor, es ist Krieg, und alle gehen hin. Zwar wirkt der Schauplatz der großen Schlacht vordergründig wie ein Rummel- und Tummelplatz der guten Laune, aber das gehört zur Folklore der Branche. Hinter den Kulissen fliegen die Fetzen, in vielen Gesichtern liest man Ratlosigkeit, die Standardfrage ist jene nach der letzten, aktuellen oder nächsten Entlassungswelle. That`s Entertainment!

Wir schreiben das Jahr 2004, und kundige Beobachter raunen vom ?Ende der Musikindustrie, wie wir sie kannten?. Ist das nicht ein wenig vorschnell, tolldreist, zumindest überzogen? Immerhin: ungebrochen lockt eine Veranstaltung wie die ?PopKomm? ein paar tausend Manager, Händler, Künstler und Fans an. Die Bilanzen der Konzerne stehen noch - oder wieder - im Plus. Die Indies sind rührig und agil wie eh und je. Und die Branchenblätter erahnen da und dort Anzeichen für Aufschwünge, neue Möglichkeiten, frische Perspektiven.

Egal, ob man dies als Todesmut interpretiert, als realen Silberstreif am Horizont oder als Begleitmusik zum Tanz auf der Titanic: der Anfang vom Ende des traditionellen Tonträgers ist längst ausgemacht. Die tiefgreifendste Revolution seit der Erfindung des Phonographen, wird die CD zwar nicht von der Bildfläche verschwinden lassen - aber er degradiert sie zu einem banalen Datenträger ohne Anziehungskraft. HiFi- und Lifestyle-Magazine, die Zentralorgane engagierten Musikgenusses, sind mittlerweile voll mit Anpreisungen putziger Festplatten mit Kopfhöreranschlüssen (á la iPod, laut "Guardian" der "ersten große Ikone des 21. Jahrhunderts"), futuristischen File-Wurlitzern und Radios, die sich ihr Programm drahtlos aus dem Internet holen. ?Die Branche muß sich komplett neu erfinden?, weiß Ex-Sony Music-Chef Balthasar Schramm. CD-Brenner, Downloadplattformen und Tauschbörsen, die längst zum Alltagsinventar der Zielgruppe gehören, stellen die Spielregeln, Strukturen und Vertriebskanäle der Unterhaltungsbranche auf den Kopf.

"Die Musikindustrie war bislang so einfältig, einfach nicht auf die Konsumentenwünsche einzugehen", weiß BMG-Mann Rolf Gilbert. Und schiebt CDs nun in drei Konfigurationen in die Regale der skeptischen Händler. Warum aber eine Scheibe ohne Booklet und sonstige Extras immer noch mehr kostet als eine durchschnittliche DVD, kann er wohl auch nicht erklären. Nebstbei: Bill Gates findet es höchst kurios, daß es soetwas wie die DVD - noch - gibt.

Die drängende Frage bleibt: erfindet sich die Branche solchermaßen neu? Geht sie wirklich auf Konsumentenwünsche ein? Eher: nein. Denn der Konsument hat längst entschieden. Er möchte ernst genommen werden, er möchte Musik zu argumentier- und verkraftbaren Preisen erstehen, er möchte keineswegs durch absurde Inkompatibilitäten und strikte Digital Rights Management-Systeme behelligt werden. Und die olle Plastikschachtel mit der Silberdisk drin ist ihm nicht länger als Wunderding anzudrehen (vor allem, wenn sie sich oft nur unwillig abspielen läßt). Der Konsument, so er nicht einer fatalen "Geiz ist geil!"-Ideologie verfallen ist, schätzt Service, Sicherheit, Bequemlichkeit, Stilbewußtsein, Vielfalt, Qualität. Das sind die Schlüssel zum Erfolg.

Und dieser Konsument hat längst einen ganzen Gerätepark daheim stehen oder im Auto installiert, vom PC bis zum Multiformat-DVD-Player, der ihm den Zugang zum tönenden Shangri-La ermöglicht. Hier heißt der Audio-Universalschlüssel immer noch, immer wieder, immer klarer - MP3. Selbst ignoranteste Industriestrategen sollten diesen Umstand allmählich zur Kenntnis nehmen. Und sich entspannen. Denn die "Schutzlosigkeit" dieses Formats, die die Ware Musik durch beliebige Vervielfältigbarkeit vermeintlich entwertet, ist gleichzeitig der Türöffner zur Aufmerksamkeit, zum Bewußtsein des potentiellen Kunden. MP3s sind billionenfach im Umlauf. Selbst Sony öffnet nun nach langem Zögern seine Mobil-Player dem freien Format. Und auch Musicload-Chef Thorsten Schliesche wist inzwischen immer lauter darauf hin, dass man den erfolgreichen Downloadshop von T-Online durchaus gerne auch mit universellen und nicht umständlich kopiergeschützten Formaten bestücken würde.

MP3 & Co. sind Realität. Sie haben die gute alte "Bravo Hits" abgelöst. Und laufen dem Radio den Rang ab, zumindest als Informationsquelle für neue Musikangebote und Künstler. Denn selbst um Gratis-Angebote machen Fans Bögen, wenn sie per se unattraktiv sind. Und gefragte Interpreten - und ihr professionelles Umfeld, zu dem wohl nicht mehr allzulange auch "Plattenfirmen" gehören - werden jederzeit auch begehrte Ware auszubreiten wissen. Wie immer die in Zukunft auch aussehen mag - vom signierten iPod mit dem Gesamtwerk des Künstlers bis hin zur goldenen Club-Code-Karte mit Telefon-Direktverbindung zum Proberaum. MP3 und seine Derivate werden dabei, da sind wir uns ganz sicher, eine große Rolle spielen. Für Feingeister und Zwangsgrübler: um die Musik selbst muß man sich keine Sorgen machen.

Das Ende vom Lied? Nein: der Anfang einer ganz neuen Ära. (wg)

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