Popkomm: Der Spuk geht weiter

Zum letzten Mal Popkomm in Köln. Doch dass die Popkomm im nächsten Jahr in Berlin wieder Grund zum Feiern haben wird, darf getrost bezweifelt werden. Von Aufbruchstimmung jedenfalls keine Spur in den überschaubaren Kölner Messehallen, stattdessen vage Hoffnungen auf ein Licht am Ende des Tunnels.

Mehr als deutlich wurde das Ausmaß des selbstverschuldeten Dilemmas in dem sich die Musikbranche befindet auf dem Panel "KaZaas Kinder als Kunden". Dort wollten MP3 Erfinder Prof. Dr. Brandenburg, Mark Mooradian von musicnet und Dr. Martin Schäffer, oberster Jurist der BMG eigentlich erörtern, wie man zukünftig mit Musik im Netz auch Geld verdienen kann. Die Entwürfe die dabei gezeichnet wurden, klangen weder neu, noch überzeugend, sondern geradezu erschreckend.

Eine "virtuelle Shopping-Mall außerhalb der Stadt", will etwa der BMG Anwalt errichten. Dabei will er sich, wie bei realen Shopping-Malls mit anderen "großen Firmen" zusammenzuschließen, die ein Interesse haben, mit ausgesuchten Providern ein "sicheres Internet" zu entwickeln, um dort ihre Produkte anzubieten. Die Kunden hätten dabei den Vorteil, dass sie einfach und schnell die gesuchten Waren kaufen können. Das eigentliche "unsichere? Internet werde anschließend marginalisiert zu einer Art virtuellem Flohmarkt zusammenschrumpfen und in der Bedeutungslosigkeit versinken. Das klingt gerade so, als wäre der Dot.Com-Crash nie passiert. Auch da war der entscheidende Fehler, dass man Menschen nur als Kaufvieh betrachtet, die das Internet nur zum Geldloswerden benutzen wollen.
Gleichzeitig soll der Druck auf illegale Tauschbörsen massiv erhöht werden. "Sie wissen noch nicht, dass sie auf der dunklen Seite der Macht stehen", so Schäffer zu seinem persönlichen Krieg der Sterne. "Wir werden den Spuk ein für allemal beenden". Als Allheilmittel sieht er dabei neue restriktive Technologien. Etwa eine neuartige, absolut kopiersichere DVD.
Dass es Kopiersicherheit bei Musik nie mehr geben wird, dürften ihm dagegen Hardware-Hersteller auf Anfrage gerne mitteilen. Wo immer Musik erklingt, kann man sie mitschneiden. Die Geräte werden dabei fast täglich schneller, besser und kleiner.

Auf die markigen Worte sah sich sogar der musicnet-Stratege Mark Mooradian gezwungen, als Verteidiger der Tauschbörsen aufzutreten - für ihn als Vertreter eines kostenpflichtigen Download-Services eine ganz neue Rolle. "P2P Tauschbörsen sind nicht generell illegal, es gibt auch die Möglichkeit legalen Content zu tauschen", so Mooradian. Deshalb hält er derart restriktive Maßnahmen nicht für geeignet neue Kunden zu finden. Er möchte mit Musicnet den potenzielle Kunden ein Angebot machen, wie man Musikdownloads möglichst einfach und hochwertig kaufen kann und sieht darin die Zukunft des Online-Musikvertriebs. Doch auch dieses Angebot hat Einschränkungen, die der Kunde bisher nicht akzeptiert. So dürfe man jeden gekauften Song nur zweimal brennen. Ein Überspielen auf MP3 Player sei derzeit vom Hauptkunden AOL noch nicht vorgesehen. Klingt wenig überzeugend, um den Kampf gegen kostenlose Tauschbörsen zu gewinnen.
Das sei auch überhaupt nicht möglich, betonte der Wissenschaftler Robin Meyer-Lucht, in seinem einführenden Vortrag. ?Solange Tauschbörsen existieren, wird es definitiv kein funktionierendes Geschäftsmodell für kostenpflichtige Downloads geben?, so der Medienwissenschaftler. Denn schließlich werden auch die Filesharing-Netzwerke werden immer besser und schneller. MP3-Erfinder Brandenburg stellte am Ende der Diskussion sichtlich verdrossen fest, dass die gleichen Diskussionen bereits seit über fünf Jahren geführt würden, doch nach wie vor kaum Konsequenzen erfolgt seien. Er betonte auch, dass es jetzt immer schwieriger werde, die an Tauschbörsen gewöhnte Kundschaft von legalen, kostenpflichtigen Diensten zu überzeugen. Dennoch hält der Wissenschaftler des Fraunhofer Instituts es noch für möglich, dass sich die Musikbranche wieder fängt und endlich Lösungen für die Zukunft des Musikvertriebs finden wird. Bei den nach wie vor extremen Gegensätzen der diversen Haltungen scheint jedoch noch lange keine Einigung in Sicht zu sein.
Zumindest ist trotz der vagen Ankündigung, die zentrale Downloadplattform Phonoline noch diesen Herbst zu starten, kaum Überzeugendes geschweige denn Vsionäres zu hören auf der Popkomm 2003. Wirkliche Zukunftsvisionen, wie man die Auflösungserscheinungen der Musikindustrie stoppen kann, die ja längst alle Unternehmen die mit Musik zu tun haben - einschließlich der Popkomm - erfasst haben, gab es auf dem diesjährigen Branchentreffen wieder nicht zu hören. Auch Robin Meyer-Lucht entwarf ein düsteres Szenario für die Musikbranche. Der Kampf die Zukunft der Musikindustrie und das Urheberrecht im Allgemeinen habe gerade eben erst begonnen. Und er wird im kommenden Jahr in Berlin mit noch härteren Bandagen weitergehen. (ur)

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