Privatkopie vor dem Aus?

Umsetzung einer EU-Richtlinie sorgt für Zündstoff

Mal eben der Freundin eine CD mit aktuellen Lieblingsliedern brennen? Kurz mal die neuesten Hits von der Festplatte des Kumpels ziehen? All das soll demnächst illegal sein. Zumindest nach den Vorstellungen der Musikindustrie.

Mal eben der Freundin eine CD mit aktuellen Lieblingsliedern brennen? Kurz mal die neuesten Hits von der Festplatte des Kumpels ziehen? All das soll demnächst illegal sein. Zumindest nach den Vorstellungen der Musikindustrie.Die Diskussion um das Recht auf Privatkopie ist steinalt. Natürlich verkaufen Plattenfirmen lieber Musik, als sie viral im Freundeskreis ihrer Käufer kostenlos verbreiten zu lassen. Deshalb werden oft Rechnungen aufgemacht, wie viel Verluste man durch die Legalität der Privatkopie verkraften müsse. Doch bei derartigen Gleichungen wird meist vernachlässigt, bei wie vielen Menschen oft nur durch solche private Kopien überhaupt Interesse für einen Künstler oder Musik überhaupt geweckt wird. Wieviele Menschen also tatsächlich durch bislang legale Kopien überhaupt erst zu Kunden werden.

Dennoch ist die Musikindustrie in Europa fest entschlossen, das Recht auf Privatkopie abzuschaffen. In Frankreich wird ein entsprechender Gesetzentwurf derzeit heiß diskutiert. Es ist zu erwarten, dass auch in anderen EU-Ländern entsprechende Debatten anstehen und die entsprechende EU-Richtlinie zur Privatkopie in die Gesetzestexte einfließen wird.

Tatsächlich gibt es für die Unterhaltungsindustrie kaum andere Möglichkeiten, um die massenhafte Verbreitung von Musik in Tauschbörsen oder privaten Netzwerken zu unterbinden. Doch gesetzliche Regelungen bewirken überhaupt nichts, wenn sie von den Bürgern mehrheitlich nicht akzeptiert werden. Die Gräben zwischen technischen und juristischen Möglichkeiten, zwischen den Interessen von Industrie, Künstlern und Hörern werden dadurch nur noch größer. Doch alle Parteien sind aufeinander angewiesen.

Die Überwachung der Festplatten von Musikhörern wäre die einzige effektive Möglichkeit zur Kontrolle und Umsetzung eines solchen Gesetzes. Und das ist ein Horrorszenario, das sich wohl kein Mensch mit demokratischem Verständnis wünschen kann. Denn das wäre ein Schritt hin zu einen Überwachungsstaat, selbst wenn die Überwachung nicht durch Menschen, sondern durch Technologie, etwa flächendeckende Digital-Rights-Management-Systeme in Form von Kopierschutzmechanismen, erfolgen sollte.

Die Konsequenzen eines solchen Gesetzes wären weit reichend. Zum einen dürften Rohlinge und Festplatten nicht mehr mit Urheberrechtsabgaben belegt werden, was natürlich zunächst niedrigere Preise versprechen würde. Zum anderen aber würde der Zugang zu Musik künstlich derart eingeschränkt, dass sich eine Zweiklassen-Gesellschaft auch im Musikkonsum herausbilden könnte. Wer Geld hat, hört Musik, die er möchte und wer kein Geld hat, der lässt sich vom Radio bedudeln und bevormunden. Die Konsequenzen einer solchen Entwicklung können gar nicht drastisch genug dargestellt werden.

Doch ob es so weit überhaupt kommen kann, ist fraglich. Die Unterstützung für DRM-Systeme ist derzeit nicht so weit verbreitet, um entsprechende Technologien wirklich flächendeckend durchsetzen zu können. Außerdem kann jede Technologie zum Schutz von Inhalten früher oder später ausgehebelt werden oder sich gar als geschäftsschädigend erweisen. Am Ende entscheidet wie immer der Kunde, was für ihn akzeptabel ist und was nicht. Einzig ein drastischer Preisnachlass für kopiergeschützte Musik im Vergleich zu offenen Formaten könnte wohl dazu führen, dass aus der scheinbaren Utopie der Industrie schon bald Realität werden könnte.

Wer sich heute kopiergeschützte CDs oder Downloads kauft, unterstützt also das Anliegen der Industrie, das Recht des Einzelnen drastisch einzuschränken. Denn bei diesen ist das Recht auf Privatkopie bereits ausgehebelt.
Dabei gibt es als Alternative zahlreiche Labels und Downloadshops, die auf Kopierschutz und DRM-Bevormundung bewusst vollständig verzichten. Zahlreiche Beispiele finden sich im Musikangebot von Tonspion. Sich zu informieren, lohnt sich. 

Weitere Informationen über DRM-freie Downloadshops gibt es auch in unserem großen Test "Download 2.0 - Was bieten iTunes, Napster und Co.?"

Lesetipp: Urheberrecht Checkliste: Was ist legal? Was ist illegal?
 

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