Radiohead MP3 Album veröffentlicht

Erste Eindrücke von "In Rainbows"
Radiohead haben mit ihrem neuen Album "In Rainbows" ein Ausrufe-Zeichen gesetzt. Mit einem gestreckten Stinkefinger in Richtung Musikindustrie schicken sie ihr Werk direkt in die Mailboxen ihrer Fans. Doch überzeugt es auch musikalisch?  

Für wenige Pfund habe ich mir das neue Album von Radiohead per Vorbestellung online erworben. Wo kein Label, da keine Vorab-Bemusterung. Gleiches Recht für alle. Jeder Käufer kann selbst bestimmen, was er für das MP3-Album ausgeben möchte, es gibt keine Nachfragen oder sonstige Gängeleien. Heute Morgen um 6:41 landete schließlich der Download-Link in meiner Mailbox, über den man ein Zip File mit 10 Songs herunterladen konnte. Alle Songs sind als MP3 mit einer Qualität von 160 kbit/s enkodiert, was nicht ganz CD-Qualität entspricht, aber durchaus ausreichend für die meisten Stereoanlagen und iPods ist. Audiophile können sich im Dezember die Disc-Box für 40 Pfund erwerben, die 2 CDs, zwei Vinyl-Maxis und ein dickes Booklet enthalten wird (wir berichteten).

Los geht es gleich mit fordernden Breaks von "15 Step", die zeigen, dass Radiohead ihren eingeschlagenen Weg konsequent weiter gehen und gar nicht mehr daran denken, Musik fürs Rock-Radio zu produzieren. "Bodysnatchers" kommt überraschend roh zur Sache und erinnert entfernt sogar an die Noiseexperten von Sonic Youth. Auf "Nude" wird das Tempo deutlich gedrosselt und Thom Yorkes Stimme bahnt sich ihren Weg ins Gemüt des Hörers. Geigen, Ooooh-Chöre, Arpeggio-Gitarren: hierfür sind Radiohead berühmt geworden. Gänsehaut. "Weird Fishes" bleibt im ruhigen Fahrwasser und plätschert etwas ziellos vor sich hin.

Auch "All I Need" versandet etwas und hinterlässt beim ersten Hören zumindest wenig Erinnernswertes. Der sechste Track "Faust Arp" verzichtet schließlich komplett aufs Schlagzeug und erinnert ein wenig an die Beatles in ihrer Spätphase. Das ist schön, aber nicht neu, sondern erstaunlich nostalgisch. "Reckoner" hingegen ist wie eine lockere  Jam-Session in der Kirche, auch hier bleibt der Schlagzeuger weitgehend arbeitslos und begüngt sich mit dem Tamburin. Bei "House Of Cards" vermutet man zunächst eine defekte Stereoanlage. Der Gitarrensound ist übermäßig komprimiert und verzerrt und bekommt kaum Raum zum Atmen. Oder ist es das MP3 doch kaputt? Erste Zweifel.

Langsam könnte auch mal wieder was los gehen. Ja, tut es, auf "Jigsaw Falling Into Place" kommt endlich mal wieder ein Uptempo-Schlagzeug zum Einsatz, aber die akkustischen Gitarren dominieren weiterhin. Und Thom Yorkes Stimme schwingt sich in der Mitte des Songs wieder zu einem dieser hysterischen Anfällen empor, die er so perfekt zu inszenieren weiß. Der bisher beste Song neben "Nude", der auch alte Radiohead-Fans für sich gewinnen dürfte. Im letzten Song "Videotape" sitzt Thom Yorke alleine am Klavier und singt uns mit seiner Million-Dollar-Stimme behutsam in den Schlaf.

Es bleibt ein erster kurzer Höreindruck, der sich erfahrungsgemäß nach mehrmaligem Hören von Radioheads Musik nochmal völlig verschiebt. Doch ein bisschen Ernüchterung bleibt zunächst nicht aus. Radiohead haben für Klassiker der jüngeren Popgeschichte gesorgt - und man hofft immer wieder auf ein Werk von ähnlichem Kaliber. "In Rainbows" ist kein schlechtes Album geworden, aber es kommt bei Weitem nicht an ihre besten heran.

Geschichtsträchtig ist hingegen seine Erscheinungsweise, direkt von der Band zu den Fans, ohne Zwischenschaltung einer Plattenfirma. Und zu dem Preis, den die Fans bezahlen möchten. Ein Beispiel das Schule machen dürfte.

Udo Raaf / Tonspion.de

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