Raritäten und Kuriositäten

Fragwürdige Coverversionen von Radiohead im Netz

Das Netz ist eine echte Fundgrube für Raritäten und musikalische Perlen. Doch es ist auch ein ekliger Sumpf aus Trittbrettfahrern und klangtechnischem Sondermüll. Stereogum bietet derzeit 20 Coversongs von Radiohead an, allerdings wirft die Aktion ein paar Fragen auf.

Radiohead haben im Verlauf ihrer Karriere immer wieder Coverversionen gespielt. Ob von Neil Young, Björk, Joy Division oder Can, Radiohead haben nie einen Hehl daraus gemacht, wen sie verehren und haben diese Verehrung nicht selten in Musik ausgedrückt. Nun hat das US-Magazin Stereogum 20 Coverversionen zusammen gestellt, die Thom Yorke mit Radiohead oder anderen Projekten gespielt hat. Dabei handelt es sich in den meisten Fällen um miserabel abgemischte Live-Bootlegs, die vermutlich vom Praktikanten in Tauschbörsen zusammen geklaubt wurden. Jedenfalls kaum anzunehmen, dass ausgerechnet Perfektionisten wie Radiohead das ins Netz gestellt haben.

Was live toll geklungen haben mag, muss in einem schlechten Mitschnitt noch lange nicht gut klingen und so wundert man sich, warum um solche Aktionen so viel Wirbel gemacht wird. Überall wird aktuell darüber berichtet, als sei der heilige Gral der Popmusik gefunden worden. Doch tatsächlich handelt es sich um eine recht fragwürdige Form des Trittbrettfahrens, die im Netz leider immer wieder bestens funktioniert und die vor allem dem Anbieter unzählige Klicks und billige Aufmerksamkeit beschert. Und zwar ohne sich die Mühe zu machen, sich mit dem, was da zu hören ist, auseinander zu setzen.

Ein weiteres Beispiel: Zahlreiche Blogs widmen sich inzwischen Remixen bekannter Hits. Dabei wird dezent verschwiegen, dass es sich bei den Remixen um das Werk von Amateuren handelt, die einem Künstler, der über Jahre hart an seiner Musik arbeitet, nur selten gerecht werden können. Und die auch rechtlich fragwürdig sind: zumindest ein Mitspracherecht bei der Veröffentlichung von Material sollte man den Künstlern schon zugestehen, denn wer sonst sollte die Qualität seines Outputs kontrollieren, wenn nicht der Künstler selbst?

Jeder Maler malt unzählige Bilder für die Tonne, jeder Autor beschreibt stapelweise Papier, bevor ein Bruchteil davon mehrfach korrigierrt und geändert in Druck geht, der Rest wandert ungelesen in den Papiermüll. Und jeder Musiker spielt unendlich viele Songs ein, bevor er ein paar wenige Aufnahmen davon zum Mastern gibt und veröffentlicht. Das ist eine bewährte Arbeitsweise, der ganz normale kreative Prozess, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Ein Filter, der außerdem viel besser funktioniert, als jeder Algorithmus im Netz, wo Musik statt in gut und nicht so gut häufig einfach nur in populär und unpopulär aufgeteilt wird. Und dass Qualität nicht zwangsläufig mit Popularität korrespondieren muss, wissen alle, die versehentlich mal das Radio einschalten.

Tatsächlich haben gerade Bands wie Radiohead, die nur selten den Verlockungen des Populismus erliegen, derartige "Tributes" nicht nötig. Wahre Fans kennen die besondere Qualität ihrer Coverversionen von Live-Konzerten und für alle anderen gibt es sowieso keinen Grund nicht abgemischte Live-Mitschnitte zu hören. So halten wir es zumindest im Tonspion und werden auch künftig auf die Vorstellung rechtlich wie musikalisch fragwürdigen Materials verzichten - auch auf die Gefahr hin, ein paar Klicks weniger zu erheischen.

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