Rockbar - Der Indie-Stammtisch mit Mark Kowarsch und Pleil

Heute mit Death, FFS, Destination Lonely, Jim O'Rourke, Ducktails und Rocko Schamoni

Beim Rockbar-Stammtisch werden jeden Monat neue Platten von Mark Kowarsch (Tortuga Bar, Sharon Stoned, EIektrosushi, Speed Niggs) und regelmäßig wechselnder Musikprominenz aufs Korn und unter die Lupe genommen. Heute zu Gast: Marco Pleil, Sänger, Gitarrist & Songschreiber bei Cloudberry und aktuell mit seinem deutschen Soloprojekt "Pleil" am Start.

CLOUDBERRY - “Hell On Earth”

Marco Pleil und Mark Kowarsch sind schon viele Jahre eng befreundet. Zahlreiche Shows wurden zusammen gespielt, unzählige Biere vernichtet, viele schmutzige Lieder gegrölt! Diese beiden bärtigen Recken kennen sich gut - der eine sagt “Hüsker”, der andere “Dü”, der eine “Eintracht”, der andere “Eff Zeh” - höchstwahrscheinlich würden sich auch ihre “All Time Faves Lieblingsplatten für die einsame Insel” nur unwesentlich unterscheiden (Mark bevorzugt Neil Diamond, Marco hingegen eher Hank Williams). Da war es nur logisch - diese beiden müssen unbedingt zusammen einen “Rockbar Stammtisch” für Tonspion abhalten. Cold Specks musste leider kurzfristig absagen.

Pleil (Foto: Gareth Tynan)
Pleil (Foto: Gareth Tynan)

Pleil in Aktion (Foto: Gareth Tynan)

DEATH – N.E.W. (Drag City)

Pleil: Weia… Musik für Musikjournalisten. Den Blues in der ranzigen Produktion suchen, irgendwas vom Vorläufer des Punk erzählen und die Gibson Les Paul für die geilste Gitarre der Welt halten. Die kuriose Geschichte der Band hin oder her, berührt mich Null! Und über die schlimmen überflüssigen Gitarrensoli mag ich mich gar nicht auslassen wollen.

Mark: Ok, Death sind nicht Bad Brains, auf keinen Fall - ich finde aber, sie stecken andere African-American-Rock-Bands wie 24-7 Spyz oder Living Colour locker in die Tasche! Auch ihre Story ist so süß: 4 schwarze Brüder aus Detroit gründen in den 70ern eine Band, versprechen dann dem einen Bruder auf seinem Totenbett, als Trio weiterzumachen, und sich (zu seinen Ehren) Death zu nennen, obwohl es doch schon eine Metalband mit diesem Namen gibt. Und was noch viel wichtiger ist: das Angebot einer Majorcompany, wenn man sich doch bitteschön einen etwas hübscheren Bandnamen zulegt. Natürlich wird das ausgeschlagen und nun sind die drei Jungs bei Drag City gelandet. Einige Songs, wie “Who Am I?” und “Change” gefallen mir sogar!

FFS – FFS (Domino Records)

Pleil: Komisches Zwitterding. Hat keiner erwartet, aber auch nicht wirklich gefordert. Weil’s so aufregend nun auch wirklich nicht ist. Franz Ferdinand’s Songwriting hat sich schon nach dem ersten Album ausgeleiert und sich mit dem Zusammenschluss mit den Sparks auch nicht weiterentwickelt bzw. aufgefrischt. Und den Kritikern mit einem Song wie „Collaborations don’t work“ den Wind aus den Segeln nehmen zu wollen, hm… grade mal in deren Glastonbury 2015-Performance auf YouTube reingeschaut. Ich bin ja für jeden (gut gemachten) Kitsch zu haben, aber das ist wirklich ganz arg gruselig!

Mark: Irgendwie klingt das Album wie ein schwules Musical, oder? Ist aber unglaublich gut produziert, es steckt auch eine Menge Liebe drin in dieser Produktion! Man kann es hören: den beiden Acts Franz Ferdinand und Sparks hat die Zusammenarbeit viel Spaß gemacht. Dieses Album steckt voller Feinheiten, Überraschungen und einer großen Palette an Ideen und Instrumenten. Das ist aber trotz allem leider auch einfach nicht mein Ding - “Take Me Out” war der einzige Franz Ferdinand Song, auf den ich mich bisher einigen konnte. Ach Pleil - was sind das nur für Zeiten, wo sogenannte “Indie-Rockbands” weiße Oberhemden in ihre Stoffhosen stecken und ihre Gitarren unter’m Kinn spielen? Aber es ist gut für Domino Records, wurde mal wieder Zeit, dass Kohle in die Label-Kasse kommt. Das letzte The Kills Album ist ja schon eine ganz schön lange Zeit auf dem Markt!


DESTINATION LONELY – No one can save me (Voodoo Rhythm Records)

Pleil: Die kommen tatsächlich aus Frankreich?! Ganz schön staubig dort mittlerweile! Musikalisch nicht ganz meine Baustelle, aber konsequent dirty und mit Schmackes produziert. Der Gitarrenzerrer flasht mich total! Gäbe es in Toulouse einen Titty Twister, ich käme auf ein paar Drinks rum!

Mark: Ja, die mussten einfach rein in diese Kolumne - ein supertolles Album! Außerdem ist das auch für den Reverend Beat-Man aus der Schweiz, dem Labelchef von Voodoo Rhythm Records, der mich regelmäßig mit seinen neuen Veröffentlichungen aus meinen Cowboystiefeln bläst! Letztes Jahr schon mit den Wahnsinns-Alben von Becky Lee and Drunkfoot und The Future Primitives - da kann ich mich einfach nur bedanken! Leute, bitte hört euch mal Track 2 “Gonna Break” von diesem Album an - Destination Lonely klingen hier wie “The Hives auf Crystal Meth” und pöhlen mit ihrer Lo-Fi-Cheapo-Produktion alles weg, was nicht bei 3 auf dem Eifelturm ist! Einmal bitte alle den “Jesus Christ Twist” für den Beat-Man pogen jetzt!


JIM O’ ROURKE – Simple Songs (Drag City)

Pleil: Ach ja, der Typ, der bei den späten Sonic Youth immer wie bestellt und nicht abgeholt mit auf der Bühne rumstand. Ganz geil das, auch wenn er sich hier musikalisch unnötig älter macht als er selber ist. Mit seiner Stimme komme ich noch nicht so ganz klar, wird aber bestimmt, und ich werfe freiwillig ein paar Euro ins Phrasenschwein, ein Grower! Der Albumtitel is’ natürlich Quatsch! Alles recht detailfreudig in alle Richtungen gedacht und produziert! Klingt alt, aber schlau und deshalb macht er in seinem Rahmen alles richtig!

Mark: Schon ein richtiger Musiker, der Herr O’Rourke. Neben Wilco und Gastr Del Sol hat er auch noch mit Stereolab und Bill Callahan von Smog gearbeitet. Ich war hier erstmal richtig verwirrt, irgendwas am Sound und Spiel stimmte auf dem ersten Studio Album nach 6 Jahren gar nicht, bis ich es rausgefunden habe: Jim O’Rourke wohnt jetzt in Tokyo, wo auch dieses Album produziert wurde. Natürlich auch mit japanischen Musikern. Und das hört man auch. Besonders der Schlagzeuger spielt und betont so unglaublich merkwürdig - sehr sehr strange! Erinnert mich an damals, wo mir mein verlauster Hippie-Kunstlehrer Frank Zappa und King Crimson vorgespielt hat. Nix gerafft! Aber hier geht mal eben “auf schnell” reinhören nicht, wer aber auf vertrackelte und verschichtete Songs steht, der kann sich “Simple Songs” ruhig zulegen.

DUCKTAILS – St. Catherine (Domino Records)

Pleil: Hat mich nach wenigen Takten schon gepackt, wundervoll! Erinnert mich an die kürzlich erschienene Solo-Platte des Boo Radleys-Gitarristen Martin Carr und/oder an die schluffige Dreampopperei von Wild Nothing. Songwriting, Sounds, Stimme, ich bin verliebt! Spätsommermusik bevor mich der Herbst wieder in seine fürsorglichen Arme nimmt. Volle Punktzahl, trotz dem bisschen doofen Bandnamen. Und „Surreal Exposure“ ist natürlich ein Hit!

Mark: Wow! Der Hammer! Eben habe ich noch geschimpft auf die ganzen “neuen Indie-Bands” und nach nur 3 Akkorden hat mich Ducktails-Mastermind und Real Estate Gitarrist Matt Mondaline total geflasht! Dieses Album ist definitiv und hundertprozentig in meinen Jahrescharts 2015. Was für ein Sound!

ROCKO SCHAMONI & DAS ORCHESTER MIRAGE: Die Vergessenen (Staatsakt/Universal Music)

Mark: Rocko Schamoni ist King und ich werde hier den Teufel tun und nur ein schlechtes Wort über ihn schreiben. Brauche ich natürlich auch gar nicht. Ich sehe Rocko Schamoni auch nicht nur als Musiker, er ist auch Schriftsteller, Lebenskünstler, Veranstalter, Clubbesitzer und vor allem eins: Comedian - vielleicht sogar einer der besten hier in Deutschland. Und wer noch nichts von Studio Braun gehört hat, sollte sich mal schlau machen. Rocko Schamoni’s Musik ist natürlich grandios, sein Majordebut “Der schwere Duft von Anarchie” von 2002 ein Meisterwerk. Darauf übrigens der Song “Der Mond”, eins meiner Lieblingslieder mit einem der besten Bläsersätze, der jemals geblasen wurde. Jetzt und hier der Song “Was kostet die Welt”, Chris Isaak’s “Wicked Game” in der Schamoni-Version. Er ist halt ein Crooner, wohl der Coolste, den wir hier haben in der Bundesrepublik! Pleil, übernehmen sie!

Pleil: Ausser „Was kostet die Welt“, was ich großartig finde, konnte ich leider (noch) nicht mehr vom Album hören. Aber Du hast eigentlich schon alles gesagt: bester Typ! Habe neulich erst die „Dorfpunks“-Verfilmung gesehen, die fand ich allerdings nicht so dolle. Du musst unter den Text auch unbedingt den Studio Braun „Bierchen“-Clip posten! „Bier, Bier, Bierchen“.

Mark: Vielleicht sollte Rocko Schamoni in 20 Jahren sein eigenes “Rat Pack” gründen - neben Rocko schlage ich noch Jens Rachut, Kristof Schreuf, Carsten Friedrichs und Bernd Begemann als weitere Mitglieder vor. Und weil wir hier kein Las Vegas haben, sollten die alten Herren jeden Abend im Phantasialand auftreten, wo man nur für sie den Caesars Palace 1 zu 1 nachbauen könnte - ich würde mir das auf jeden Fall anschauen!

Mark Kowarsch betreibt neben seiner Band Tortuga Bar die Sendung Riot Radio, die es im Netz als Podcast gibt. Außerdem auch als Stream bei Mixcloud.

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