Sisters Of Mercy in Berlin: Mehr untot als live

Rückkehr aus der Gruft

Sie waren Ende der 80er Jahre die ersten MTV-Superstars der alternativen Szene: die Sisters of Mercy spielten am Donnerstag ein schwaches Konzert in Berlin. 

"I don't know, why you gotta be so undemanding
I want more"
(Sisters of Mercy - More)

Als ich die Sisters of Mercy gegen Ende der 80er zum ersten Mal im Fernsehen bei Formel 1 sah, war es wie ein Donnerschlag. Eine so düstere und gefährliche Musik hatte ich bis dahin nicht gehört. Für Punk zu jung und für die Clubs der großen weiten Welt zu tief in der Provinz aufgewachsen, drang zum ersten Mal so etwas wie Rebellion an mein Ohr. Und öffnete mir eine ganz neue Welt, die mir das Radio bis dahin nicht bieten konnte.

Auf lange Sicht könnte man sogar behaupten, dass die Sisters Of Mercy maßgeblich daran beteiligt waren, dass ich anfing Musik zu machen und später den ersten deutschen Musikblog Tonspion gründete. Ich wollte damit genau dieser aufregenden Musik eine Plattform geben, die nicht dem gängigen Massengeschmack entsprach, sondern außer "Kauf mich" auch etwas zu sagen hatte, was man nicht in Worten ausdrücken konnte. So wie "This Corrosion" von Sisters Of Mercy, diese düstere Hymne direkt aus der Hölle.

Fast 30 Jahre später nun erlebte ich Andrew Eldritch und seine aktuelle Band zum ersten Mal live in der Berliner Columbiahalle. Ich erwartete nicht viel, schließlich sind die 80er lange vorbei und viel hatte man nicht mehr von Eldritch und Co. gehört seitdem. Der erste Frage, die wir uns stellten, als wir etwas verspätet in der Columbiahalle eintreffen: wie lang spielt denn diese schreckliche Vorband noch? Erstmal Bier bestellen und ein wenig im Publikum umsehen. Fast niemand ist jünger als 40, was logisch ist, wenn eine Band ihre beste Zeit in den 80ern hatte. Fast niemand hat mehr diese lustigen schwarzen Kostüme an, die damals alle trugen, die diese düstere Musik hörten. Und fast niemand tanzt oder amüsiert sich. Gediegene Langweile beherrscht den Raum. Wir machen Witze über diese aus der Zeit gefallene Vorband, um uns die Zeit zu vertreiben bis der Hauptact endlich anfängt.

Plötzlich ertönt das Riff von "Dominion" und es wird klar: das hier ist gar keine Vorband. Das ist eine Band, die sich so anhört, als spiele sie Lieder von Sisters of Mercy, aber in einer sehr einfältigen Art und Weise und mit miserablem Sound. Auch mit meinen nach wie vor überschaubaren Gitarrenskills hätte ich als Gitarrist oder Keyboarder jederzeit in dieser Liveband einspringen können und der Drumcomputer Boss DR 55 ist seit 30 Jahren noch immer mit demselben steinzeitlichen Preset-Sound programmiert, der die frühen 80er Jahre prägte, als es noch keine Sampler gab.

Foto: Sisters Of Mercy live beim Mera Luna Festival 2005

Andrew Eldritch, drückte sich kaum sichtbar im Nebel mal links, mal rechts von der Bühne herum und grunzte Unverständliches ins Mikrofon. Warum nur hatte er nicht mal eine Background-Sängerin gebucht, die seine heisere, brüchige Stimme hätte verstärken können, so wie er es auch auf seinen Alben getan hatte? Bis auf das neongelbe T-Shirt, das er trug, zeigte der inzwischen glatzköpfige Frontmann kaum physische oder stimmliche Präsenz in der komplett ausverkauften Columbiahalle vor 3500 Leuten.

Seit 30 Jahren ist der Mann mit denselben paar Songs unterwegs, das letzte Album wurde zur Wendezeit 1990 veröffentlicht. Man sollte meinen, er müsste inzwischen wissen, was er da tut. Doch weit gefehlt. Das Publikum quatschte während des gesamten Konzertes hindurch oder starrte wahlweise regungslos auf die Bühne und am Ende des Sets: kein Applaus, keine Zugaberufe. Nichts. Höchstrafe!

Trotzdem quälte sich die Band unaufgefordert nochmals auf die Bühne, schließlich hatte man ja die beiden größten (und einzigen) Hits "Temple Of Love" und "This Corrosion" noch nicht zum Besten gegeben. Doch diese Erinnerung wollte ich mir nicht auch noch zunichte machen lassen von dieser grottigen Cover-Band.

So hart es klingt: die Sisters of Mercy boten 2016 das schlechteste Konzert, das ich seit Jahren mit ansehen musste. Man könnte fast schon Mitleid kriegen, wenn man sich nicht gleichzeitig über das viele Geld ärgern würde, das die Band für diese unambitionierte Darbietung in nur zwei Stunden kassiert hat für ein paar Songs, die 30 Jahre auf dem Buckel haben.

Hoffentlich ist es genug, um endlich in Rente zu gehen und die Musik wieder den Bands zu überlassen, die dafür sorgen, das Musik wild, aufregend und vor allem lebendig bleibt. So wie Iggy Pop zum Beispiel, der Bands wie Sisters of Mercy den Weg geebnet hatte und der noch heute im hohen Alter auf und jenseits der Bühne alles gibt für seine Fans.

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