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Ein Interview mit Prof. Lawrence Lessig, Creative Commons
Freiheit für Kultur, ohne unnötige Beschränkungen? Mehr Selbstbestimmung für Künstler und Rechteinhaber? Creative Commons möchte genau das erreichen. Tonspion-Redakteur Jan Schimmang hat einen der Gründer interviewt.

Eine Lizenzierung unter Creative Commons soll Künstlern als Alternative zum restriktiven Copyright mehr Selbstbestimmung bei der Veröffentlichung ihrer Werke ermöglichen. Der Urheber bestimmt mit einer Creative-Commons-Lizenz selbst unter welchen Bedinungen sein Werk verwendet und weitergegeben werden darf. Rechtlicher Schutz soll dadurch ohne juristischen Beistand möglich sein und dabei die individuellen Ansprüche der Rechteinhaber berücksichtigen. Denn Künstlern soll der Lohn für ihre Arbeit auch in Zukunft nicht vorenthalten werden.

Das Beharren auf einen ausschließlichen, restriktiven urheberrechtlichen Schutz hemmt langfristig die kulturelle Entwicklung, die eigentlich durch ein freies Medium wie das Internet begünstig werden sollte, so die These des amerikanischen Rechtsprofessors Lawrence Lessig, Mitbegründer von Creative Commons. Viele Rechteinhaber haben Interesse daran, ihre Werke unkompliziert zur Weitergabe - etwa über Tauschbörsen - oder Bearbeitung freizugeben. Creative Commons möchte sie dabei unterstützen. Die Bewegung für das alternative Lizenzierungsverfahren wächst stetig: so bringen die Cultural Commons Künstler aus aller Welt zusammen, um Probleme zu diskutieren, die sich aus einem freieren Umgang mit ihren Werken ergeben könnten. Und im Namen der Wissenschaft sollen die Sciene Commons die Arbeit von Forschern, Professoren und Studenten an Universitäten unterstützen.

Vor allen Dingen mit seinem Buch ?Free Culture? hat Lawrence Lessig, der derzeit an der Stanford Law School unterricht, viele Fragen aufgeworfen und auch viele Antworten gegeben. Tonspion hat trotzdem noch mal nachgefragt ...


TONSPION: Prof. Lessig, im November 2004 wurde die ?Wired?-CD des gleichnamigen US-Magazins unter der Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht. Es war das erste Mal, dass Major-Künstler wie die Beastie Boys oder David Byrne derart öffentlichkeits- und medienwirksam für ein alternatives Copyright-Modell geworben haben. Der erste Schritt in eine neue Zukunft?

LAWRENCE LESSIG: Wir hoffen es. Und wir bemühen uns, eine Vielzahl von Künstler zu ermutigen, ihre Songs für Remixe freizugeben. Wenn uns das gelingt, so denke ich, dass es möglich sein wird, die Künstler darüber hinaus zu einem noch freieren Umgang mit ihren Werken zu ermutigen.

TONSPION: Meinen Sie, dass das restriktive Copyright grundsätzlich ? unabhängig in welchem Rechtssystem ? langfristig mit einer Stagnation der kulturellen Entwicklung einhergehen wird?

LAWRENCE LESSIG: Allzu restriktives Copyright würde langfristig wohl in der Tat zu einer kulturellen Stagnation führen. Aber ich glaube prinzipiell an das Copyright und bin der Meinung, dass ein gewisses Maß an beschränkendem Copyright auch notwendig ist.

TONSPION: Wir alle können uns unter dem Begriff Copyright etwas vorstellen. Mittlerweile wird allerdings immer häufiger auch vom ?Copyleft? gesprochen. Was hat es damit auf sich?

LAWRENCE LESSIG: Der Begriff ?Copyleft? wurde zuerst von Richard Stallman verwendet, glaube ich zumindest (dieser hat den Begriff in der Tat im Rahmen seines GNU-Projekts für freie Softwarelizenzen eingeführt ? Anmerkung der Redaktion). ?Copyleft? beschreibt recht genau eine alternative Abwandlung des klassischen Copyright. Beim ?Copyleft? steht die Gewährleistung eines rechtsmäßigen Zugangs auf das geschützte Werk im Vordergrund, währenddessen das uns bekannte Copyright vielmehr auf die Beschränkung von Zugangsmöglichkeiten abzielt.

TONSPION: In der Diskussion zum restriktiven Copyright hat der Begriff ?Remix? eine weit reichende, allgemeine und sehr zentrale Bedeutung (z.B. ?Remixing the culture?). Welcher Gedanke steckt dahinter?

LAWRENCE LESSIG: Mein Ziel ist es nicht, dem Begriff ?Remix? eine neue Bedeutung zu verleihen. Vielmehr möchte ich auf seinen Ursprung hinweisen. Heutzutage besteht die Herausforderung darin, dass wir unsere Kultur weiterin mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln weiterentwickeln können.

TONSPION: Mit Schutzmechanismen wie dem Digital Rights Management (DRM) möchte die Major-Industrie die Kontrolle über digitale Inhalte zurückgewinnen ...

LAWRENCE LESSIG: ... ?die Major-Industrie?? Nun ja, also eigentlich ist das ja im Vergleich zu anderen Industriezweigen nur eine relativ kleine Industrie: nämlich die Content Industry (gemeint ist z.B. die Musik- bzw. Entertainment-Industrie ? Anmerkung der Redaktion). Die Content Industry macht ihr Geld mit der Kontrolle über die Verbreitung von Inhalten. Sie wird sicherlich versuchen, durch die Anwendung von DRM diese Kontrolle zurückzuerlangen. Aber wenn sie damit erfolgreich ist, wird dadurch das Wachstum von anderen Märkten bzw. Industriezweigen geschwächt, die eigentlich sehr viel bedeutsamer für die langfristige Weiterentwicklung unserer Kultur sind als es die Content Industry derzeit ist.

TONSPION: Majorlabel wollen noch nicht einmal über alternative Geschäftsmodelle nachdenken: was halten Sie denn von Downloadshops wie iTunes?

LAWRENCE LESSIG: Ein wichtiges Experiment ? eines von vielen, die wir in den nächsten fünf Jahren im Auge behalten sollten.

TONSPION: Musik steht heutzutage kostenlos zum Download im Internet bereit, ohne dass viele der Rechtinhaber ihre Einwilligung dazu gegeben haben. Was entgegnen Sie dem Argument, dass Modelle wie Creative Commons der Finanzierung von Künstlern und Labels keineswegs zuträglich sind?

LAWRENCE LESSIG: Ich stehe einer Verletzung des Copyright sehr kritisch gegenüber. Ich bin dagegen, dass Leute P2P-Netzwerke nutzen, um gegen den ausdrücklichen Willen der Künstler an bestimmte Inhalte zu gelangen. Das Copyright soll dafür Sorge tragen, dass der Künstler die Kontrolle über seine Werke behält. Eine widerrechtliche Nutzung von Tauschbörsen gefährdet dieses Prinzip. Aber wenn ein Künstler seine Werke unter der Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht, dann verschafft er der Öffentlichkeit in dem Umfang Zugang zu seinem Werk, wie er es für angebracht hält.

TONSPION: Die Creative Commons beinhalten rechtliche, wirtschaftliche und kulturelle Aspekte ... also auch eine politische Botschaft?

LAWRENCE LESSIG: Die politische Botschaft ist sehr begrenzt. Aber das Recht sollte der kulturellen Entwicklung nicht im Wege stehen! Das Copyright ist wichtig. Aber das Copyright ist auch schwerfällig und kompliziert. Wir versuchen es zu vereinfachen und Kreativität zu ermöglichen, die in den komplexen Rechtssystemen sonst nicht überleben könnte.

TONSPION: Wie wollen Sie die Idee von Creative Commons in den nächsten Jahren weiter verbreiten? Was kommt als nächstes?

LAWRENCE LESSIG: Die internationalen Creative Commons bilden die nächste wichtige Etappe für uns. Die Lizenzen müssen an die unterschiedlichen rechtlichen Grundlagen der Länder angepasst werden. Wenn wir das umgesetzt haben, werden sich auch die Science Commons und die Cultural Commons noch schneller weiter entwickeln.

TONSPION: Was würden Sie jungen Künstlern raten, die von ihrer Kunst leben möchten?

LAWRENCE LESSIG: Geht neue Wege, macht neue Sachen. Bringt das Publikum auf die Bühne! Das Zeitalter der frontalen Aufführung ist zu Ende. Steckt eure Energie in eine Zukunft, die auf der Zukunft aufbaut.

(js)

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