Sony BMG ruft CDs mit Kopierschutz zurück

Konzern entschuldigt sich. Bereits verkaufte CDs werden umgetauscht.
„An unsere werten Kunden“ beginnt das Schreiben, mit dem sich Sony BMG nach anfänglicher Trotzphase –Tonspion berichtete – nun doch für den umstrittenen und mittlerweile auch als Sicherheitsrisiko eingestuften XPC-Kopierschutz bei allen CD-Käufern entschuldigte. Doch wirkliche Entschuldigungen sehen anders aus und alle Probleme sind damit noch lange nicht aus der Welt.

Gleich im ersten Satz des an alle Kunden ausgeschickten ?Entschuldigungsschreibens? wird darauf hingewiesen, dass es sich beim umstrittenen Roootkit, das, legt man die CD ein, Verbindung zum Sony-Server aufnimmt, und Infos über Album-ID und IP-Adresse überträgt, um eine Software des britischen Unternehmens XPC handelt. Schuld sind also die anderen, auch wenn die Konzernleitung von ihrem Hardliner-Kurs, wonach die meisten Leute ohnedies nicht wüssten, was ein Rootkit ist und daher auch ausspioniert werden könnten, eingelenkt hat und die Sicherheitsbedenken hinsichtlich der verseuchten CDs inzwischen ernst nimmt. ?Wir teilen die Bedenken der Konsumenten?, hieß es wörtlich. Nach den eindringlichen Expertenwarnungen der letzten Wochen war der Spielraum für Sony BMG auch zusehends eng geworden.

Alle im Handel befindlichen CDs werden nun zurück gerufen, bereits verkaufte XCP-CDs werden gegen Tonträger ohne Kopierschutz ausgetauscht. Und wer nicht so lange warten möchte, der erhält die Musik auch sofort im MP3 Format, was bemerkenswert ist, schließlich herrscht bei der Major-Company ein striktes "MP3 Verbot". Nun erkennt man offenbar auch dort, dass MP3 das beste, weil nutzerfreunlichste Format ist.
Der entstandene Schaden ist dennoch enorm. Mindestens 500.000 Rechner sollen durch den Kopierschutz beeinträchtigt worden sein. Und mittlerweile dürften mit XPC-Software ausgestattete CDs auch in den europäischen Handel gelangt sein. Die umfassende Rückholaktion ist demnach längst keine rein auf den US-Markt beschränkte mehr.

Die Konzernleitung hat zwar eine Liste mit den betroffenen CDs veröffentlicht, gibt sich darüber hinaus aber äußerst einsilbig. So ist etwa unklar, ob es sich bei den auf den europäischen Markt gelangten CDs um reine Importe oder reguläre Lieferungen handelt. Auch unklar ist, ob alle mit XPC ausgestatteten CDs mit einem entsprechenden Warnhinweis ausgestattet wurden, oder ob ? was viele Experten befürchten ? auch verseuchte CDs ohne Hinweis im Umlauf sind. Umgekehrt fand man heraus, dass manche CDs zwar Warnhinweise (etwa bei Produktionen von Bette Midler, Neil Diamond, Ricky Martin und Peter Gallagher) tragen, sich dann aber doch kein XPC-Kopierschutz auf ihnen findet. Die Verwirrung könnte kaum größer sein.

Experte Dan Kaminsky von Doxpara geht, nachdem er in einer rekursiven Analyse alle vom Sony-Rootkit angesteuerten IP-Adressen untersuchte, von 568.200 Nameservern aus, die DNS Queries gespeichert haben. Berücksichtigt man dabei, dass bei Schulen Universitäten und anderen Instituionen gleich mehrere PCs unter eine Anfrage fallen, dürfte die Zahl der kontaminierten PCs in die Millionen gehen. (md)

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