SonyBMG will keine Demo-CDs mehr hören

Nachwuchskünstler sollen sich per Blog bewerben
Kein Zweifel, die CD ist tot. Was eigentlich längst klar ist in Zeiten gigantischer Festplatten und riesiger MP3-Sammlungen auf nahezu jedem Rechner, bestätigen jetzt auch erstmals führende Mitarbeiter des Majorlabels SonyBMG. Sie wollen keine Demos auf CDs mehr hören, sondern nur noch Bewerbungen in Form von Blogs berücksichtigen.

Was für eine 180-Grad-Wendung. "Eine Verschwendung von Plastik", so nennt der SonyBMG Europachef Ged Doherty inzwischen die CD. Stattdessen propagiert er Blogs als das Kommunikationstool für Musiker. Der Vorteil für die A&R-Manager der Plattenlabels liegt auf der Hand. Über einen Blog können die nachwachsenden Superstars sich schon einmal in der Öffentlichkeitsdarstellung üben und Fans sammeln. Denn heute ist es schon die halbe Miete, wenn man einen Act signt, der im Internet bereits geschickt auf sich aufmerksam gemacht hat.

Musik, Fotos, Videos, Konzertmitschnitte - alles, was man haben muss, um das Potenzial eines Künstlers bewerten zu können, kann man auf einem Blog einbinden. Und es spart den Managern das Auftürmen von hässlichen CD-Bergen auf ihren schicken Designer-Schreibtischen. Stattdessen wird nur noch online gesichtet. Faktisch geschieht das längst, nur eben über die ziemlich umständliche Plattform von MySpace. Jetzt haben die SonyBMG Labels Columbia und RCA eigene Demo-Blogs eingerichtet, in denen sich ungesignte Bands und Künstler sich via Blog vorstellen und vernetzen können.

Dadurch soll sich auch das Verhältnis zwischen Label und Künstlern in Zukunft nachhaltig verändern. Ged Doherty, CEO SonyBMG Europe, sagte gegenüber der Times: "Die alten Zeiten sind vorbei. Wir müssen ein neues Verhältnis mit unseren Künstlern aufbauen, damit sie uns als Partner sehen, nicht als Feinde?. Durch die Kommunikation und Vernetzung via Blog erhofft man sich also auch einen besseren Austausch, denn in den letzten Jahren hat sich die Musikbranche durch ihre reaktionäre Haltung gegenüber dem Internet nicht immer einen Dienst erwiesen und ihren Ruf in der Öffentlichkeit stark beschädigt.

Auch das Geschäft wird sich in den nächsten Jahren massiv verändern. Statt nur an Tonträgerverkäufen zu verdienen, wollen die Labels zukunftig zu 50 Prozent an sämtlichen Umsätzen der Künstler beteiligt werden. Erste Verträge dieser Art seien bereits unterzeichnet, so Doherty. Schließlich müsse das Label von seiner Aufbauarbeit für den Künstler auch bei Konzerten, Klingeltönen oder Sponsorings profitieren können.

Netter Nebeneffekt für die Plattenlabels: der ambitionierte Musiker-Nachwuchs kann ganz nebenbei auf den Blogs auch direkt mit Informationen über Neuerscheinungen aus dem eigenen Hause versorgt werden und ist somit auch ohne nachweisliches Talent für das Label nützlich. Schließlich sind Musiker gleichzeitig wohl auch diejenigen, die am meisten Musik kaufen dürften. Man sieht inzwischen also nur Vorteile im Netz und so dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis andere Labels entsprechend nachziehen. (ur)

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