Steve Blame über David Bowie

Ausschnitt aus: Getting Lost is Part of The Journey. MTV, Deutschland und ich

Im Rahmen unserer neuen Reihe "Alben - für immer und ewig" fragten wir Ex-MTV-Moderator und Buchautor Steve Blame nach seinem Lieblingsalbum. Er schickte uns kurzerhand einen Ausschnitt aus seinem aktuellen Buch Getting Lost is Part of The Journey. MTV, Deutschland und ich, den wir hier gerne wiedergeben.

Von Steve Blame

"Bowie war meine erste Liebe. Ich hatte gerade das Teenageralter erreicht, als "The Rise And Fall Of Ziggy Stardust And The Spiders From Mars" erschien. Ich lebte für nichts anderes mehr. Ich wollte Bowie sein. Ich kannte jedes einzelne Wort seiner Songs auswendig. Ich spielte sie ununterbrochen. Ich hatte mir sogar die Haare wie er schneiden lassen. Und ich war sehr stolz auf diese Frisur. Mein Haar hatte von Natur aus einen Orangeton, was mich auf die fixe Idee brachte, dass Bowies Ziggy Stardust-Style mir ganz gut stehen würde. Kaum hatte ich mir samstags die Haare schneiden lassen, konnte ich es kaum noch erwarten, am Montag wieder zur Schule zu gehen und meine neue Frisur zu präsentieren. Jeden Morgen, auf dem Weg zum Gymnasium fuhren wir an der örtlichen Gesamtschule vorbei. Im Bus wurde ich ganz aufgeregt, als im nächsten Dorf einer der Jungs seinen Freund lauthals auf mein Haar aufmerksam machte. Als der andere Junge antwortete, ich sähe aus wie Linda McCartney, hatte sich meine Freude genauso schnell wieder gelegt, wie sie gekommen war. Ich war zutiefst gedemütigt. Dieser Haarschnitt hatte mich mein gesamtes Taschengeld gekostet, und jetzt erntete ich dafür nichts als Spott. Auf dem Rest der Fahrt verkroch ich mich tief in meinen Sitz. Aber es half nichts. Ich war mehr Linda als David.

Bowie war auch mein erstes Konzert. Es muss 1972 gewesen sein, als ein Schulfreund mir erzählte, er hätte zwei Tickets für Bowie in London. Er fragte mich, ob ich mitkommen wollte. Ich erinnere mich lebhaft daran, wie ich im Zuschauerraum saß, hingerissen von diesem androgynen Künstler, dem das Publikum aus der Hand fraß.

Anfang 1990 hatte Bowie gerade ein Greatest Hits-Album veröffentlicht und stand in den Startlöchern zu seiner Sound And Vision-Tour. Er verkündete, es wäre das letzte Mal, dass er seine Siebziger-Klassiker spielen würde. Was glücklicherweise nicht stimmte. Aber damals befürchtete ich, dass es tatsächlich die letzte Gelegenheit sein könnte. Über MTV war ich eingeladen, über eine Pressekonferenz in Finsbury Park im Norden Londons zu berichten. Im Taxi zum Venue, in dem die Pressekonferenz stattfand, war meine Aufregung förmlich mit Händen zu greifen. Als ich dort ankam, fand ich mich in der ersten Reihe der wartenden Journalisten wieder.

Als ich da im Publikum stand, hatte ich das Gefühl, Bowie würde diese Songs nur für mich spielen. Aber so war es nicht. Wie hätte er auch wissen sollen, was für eine enorme Bedeutung sie für mein Leben hatten.

Es war ein fantastisches Erlebnis: Mein Idol spielte in einer so intimen Atmosphäre und beantwortete Fragen über sein Leben und seine Karriere.

Und Jahre zuvor, in den frühen Siebzigern bei diesem ersten Bowie Konzert im Hammersmith Odeon, da war es nicht bloß Ziggy, der einen bleibenden Eindruck hinterließ. Es war das Publikum. So viele interessante, unterschiedliche Gesichter, Männer und Frauen, aufgedonnert mit Make-Up und aufregenden, schrillen Klamotten. Männer, ganz offen Hand in Hand mit anderen Männern, Frauen mit anderen Frauen, das erste Mal, dass ich andere Homosexuelle zu Gesicht bekam.

In Chelmsford war ich schwulen Menschen bloß im Fernsehen begegnet, zumeist in tristen Dokumentationen. Männer, die Männer liebten, mussten Aversionstherapien und endlose Diskussionen überstehen, in denen Leute dominierten, die Homosexualität an den Pranger stellen, sie für eine Perversion hielten, etwas, für das man sich schämen musste.

Das etablierte Unterhaltungsprogramm wurde von einer Gruppe tuntiger, alter englischer Komiker beherrscht, die, ungeachtet ihrer Beliebtheit, ihre Homosexualität verleugneten, um ihre Karriere nicht zu gefährden. Rückblickend hat natürlich die komplette britische Gesellschaft immer schon gewusst, dass sie schwul waren. Aber meine Gefühle fürs gleiche Geschlecht führten damals noch dazu, dass ich mich als Außenseiter fühlte. Da war niemand, mit dem ich mich hätte identifizieren können. Ich dachte, ich wäre der Einzige, der so fühlte. Das blieb so, bis ich auf das Bowie-Konzert ging und all diese schönen Menschen sah. Keiner von ihnen entsprach dem Bild, das ich mir von Schwulen gemacht hatte. In diesem Moment spürte ich zum ersten Mal, dass ich dazugehörte. Ich fühlte mich verbunden, gleichermaßen durch die und mit der Musik. Ziggy konnte mich verstehen. Er veränderte mein Leben. Gut zwanzig Jahre später sollte ich eine weitere persönliche Begegnung mit dem Mann haben, der meine Welt verändert hat.

1994 organisierte ich für Viva 2 ein Interview mit Bowie. Für eine Sendung namens Celebration Day, die jeden Freitag lief, hatte ich viele große Namen kontaktiert. Interviews, Videos, Konzertmitschnitte, alles, was man an Material bekommen konnte, kamen darin zum Einsatz und wurden von einem Moderator miteinander verknüpft. Es war ein klassisches Musikfernseh-Format, das dem entsprach, was Woody Allens Figur Alvy Singer in Annie Hall über Los Angeles sagt: »Sie werfen den Müll nicht weg, sie machen Fernsehen daraus«, und genau das taten wir in Köln. Aber das Format erlaubte uns auch, ungewöhnliches und in Vergessenheit geratenes Archivmaterial zu spielen, das für die Fans einen enormen Reiz hatte.

Also schrieb ich Bowie einen Brief, in dem ich ihm erzählte, welchen gewaltigen Einfluss er auf mein Leben und meine Sexualität hatte und was für eine wichtige Figur er für mich war. Den Brief ließ ich ihm über die Plattenfirma zukommen. Binnen einer Woche flog ich nach London, um ihn zu interviewen. Als er den Raum betrat, zitierte er aus meinem Brief, ganz offensichtlich beeindruckt, einen solchen Einfluss auf das Leben eines anderen Menschen gehabt zu haben. Und mir schien, dass er den Respekt wirklich zu würdigen wusste, den ich vor ihm und seiner Musik hatte. Bowie ist einer der intensivsten Charaktere der Popwelt, er hat einen Charme, eine Ausstrahlung, die einen gnadenlos vereinnahmt. Nur wenige Popstars besitzen eine Aura, die sich ankündigt, noch bevor sie überhaupt den Raum betreten haben. Bowie trägt sie eimerweise mit sich herum.

Am Ende des Interviews war ich davon überzeugt, Bowie verstanden zu haben. Ich wusste zu dem Zeitpunkt mehr über ihn als über mich."

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Ausschnitt aus: "Getting Lost is Part of The Journey. MTV, Deutschland und ich." von Steve Blame. Soeben erschienen im Verlag Bastei Lübbe als Taschenbuch. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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