Studie: Beatles, Rolling Stones oder The Who sind überbewertet

Was die Musikkultur wirklich nachhaltig beeinflusste

Bahnbrechende Erkenntnisse oder überflüssige Verwissenschaftlichung der Musik? Eine Studie aus England spaltet und erregt die Gemüter. 

Es exisitieren etwa 10000 Publikationen zum Thema Beatles und ihren Einfluss auf die Popmusik. In Liverpool können sich Studenten seit 2009 in den Masterstudiengang "The Beatles: Popular Music & Society" einschreiben. Glaubt man aber einer gestern veröffentlichen Studie, ist der Einfluss der vier Pilzköpfe aus Liverpool, vor allem vom musikalischen Standpunkt aus, eher zu vernachlässigen. 

The Beatles - Rubber Soul
The Beatles - Rubber Soul

The Beatles Album "Rubber Soul" - weniger einflussreich als Public Enemy?

Mit Hilfe eines Computerprogramms wurden 17.000 Musiktitel auseinander genommen und auf Instrumentierung, Akkordstrukturen und weitere stilistische Eigenschaften hin untersucht. Studienleiter Matthias Mauch: "Erstmals können wir musikalische Eigenschaften in Aufnahmen im großen Umfang messen. Wir können nun über das hinausgehen, was uns Musikexperten sagen oder was wir selbst darüber wissen, indem wir direkt in die Songs hineinschauen, ihre Aufmachung und wie sie sich geändert haben." 

Als ausschlaggebend stellten sich dabei vor allem die Jahre 1964, 1983 und 1991 heraus. The Rolling Stones, Beatles oder The Who nur als Fußnote des musikalischen Wandels? Ja. Laut der Studie wurden die eingesetzten Mittel in den USA bereits weit vor Beginn ihrer Karrieren in der Musik etabliert. Die viel gepriesene Brit-Invasion sei schon von Rock-'n'-Roll-Pionieren wie Elvis Presley über Chuck Berry bis hin zu Little Richard kreiert worden. 

Einen wirklich revolutionären Einfluss hingegen werden Rap und Hip-Hop Acts der Neunziger Jahre zugeschrieben. Von LL Cool J bis hin zu Public Enemy, das Genre und die Songs, die ab 1991 die Charts eroberten, veränderten die Popkultur am nachhaltigsten. Gleichzeitig feierte das Sampling seinen Siegeszug, es kann also gut sein, dass das was die Wissenschaftler da aufwendig "gemessen" haben schlicht und ergreifend der Wandel durch die neuen digitalen Technologien war.

Kritik

Musik wird als Konstrukt einzeln aufgebrochener Elemente betrachtet. Diese Herangehensweise stößt bei Musikexperten auf ein eher geteiltes Echo. Der Liverpooler Musikprofessor Mike Brocken steht den Ergebnissen der Studie eher skeptisch gegenüber: "Populäre Musik kann nicht auf diesem Weg 'gemessen' werden – was ist mit der Rezeption, der Volkswirtschaft und Subkulturen?"

Die Kritik richtet sich aber eher auf die Herangehensweise der britischen Wissenschaftler. Die Beatles als Innovationsschmiede zu bezeichnen, auf die Idee würde auch er niemals kommen: "Die meisten Forschenden in Popmusik werden zustimmen, dass die Beatles eher Nachahmer als Innovatoren waren aber das ist keine Kritik. Sie haben alle mögliche Musik angehört, so wie jeder von uns, und fühlten sich dadurch inspiriert."

Die Resultate mögen vielleicht einen oberflächigen Überblick über gewisse Trends offenlegen. Die Analyse der US-Charts bringt es aber mit sich, dass weniger die Entwicklung des Pop, als viel mehr die des US-Musikmassengeschmacks unter die Lupe genommen wurde.

Matthias Mauch und seine Forscherkollegen wollen nun aber noch einen Schritt weiter gehen. 1955, das Jahr des Rock'n'Roll steht nun auf dem Prüfstein. Dafür werden sie noch weitere zwei Jahrzehnte zurückgehen und wahrscheinlich bald wieder für "Aufsehen" in der Musikwelt sorgen und möglicherweise heraus finden, dass Elvis Presley den Rock'n'Roll gar nicht erfunden hat, sondern auch er nur geschickt geklaut hat. 

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