Tidal: Der Streamingdienst von Jay-Z bringt exklusive Downloads und Streams

Exklusive Musik von Rihanna, Kanye West und Beyoncé startet Wettrüsten der Streaminganbieter

Nach der seltsamen Präsentation des "neuen" Streamingdienstes Tidal als "Zukunft der Musik" vor gut einer Woche wird Tag für Tag klarer, was das heißen soll: Musik soll künftig wieder hermetisch abgeriegelt werden. "Exklusiv" nennt man das im Marketingsprech. Profitieren werden von dieser uralten Strategie vor allem ein paar reiche Superstars - und Musikpiraten.

Die Zukunft der Musik? 

Nicht weniger als die "Zukunft der Musik" sehen Jay-Z und seine Superstar-Gesellschafter in ihrem neuen Streamingdienst Tidal. Sechzehn steinreiche Stars, darunter Madonna, Rihanna, Daft Punk und Chris Martin von Coldplay hatten sich letzte Woche als Teilhaber von Tidal vorgestellt.

Der ist nichts technisch nichts weiter als der neu angemalte Streaminganbieter Wimp, den Jay-Z kürzlich für schlappe 50 Millionen Euro vom norwegischen Konzern Aspiro gekauft hatte. Zum Vergleich: Apple legte für Beats von Dr. Dre, einen weithin unbekannten Streamingdienst (inklusive Hardwaresparte), ganze 3,2 Milliarden Dollar auf den Tisch. Und dürfte selbst entsprechend große Ambitionen haben, das Streaminggeschäft aufzumischen.

Tidal
Tidal

Musik als Wegwerfprodukt

Was Tidal von allen anderen Streamingdiensten unterscheiden soll, untermauert Jay-Z nun mit exklusiven Veröffentlichungen von Rihanna und Beyoncé. Beide hatten über Ostern neue Songs auf Tidal veröffentlicht und Videos der Songs bei Youtube und Co. umgehend sperren lassen. 

Wer das neue Material anhören oder sehen will, muss Tidal-Kunde werden und ein Abo für mindestens 10 Euro im Monat abschließen. Alle anderen müssen draußen bleiben. Auch wir, die Medien und Blogs. Wer ein Abo bei Spotify hat, muss wechseln, um auch die "exklusiven" Veröffentlichungen der Tidal-Stars hören zu können.

Bereits jetzt wird gemutmaßt, dass auch Kanye Wests kommendes Album - auch er ist Teilhaber von Tidal - exklusiv auf Tidal zu hören sein wird genauso wie Rihannas achtes Album. Fans dieser Künstler werden somit recht unsanft gezwungen ein Tidal-Abo abzuschließen, ihre bisherige Musiksammlung bei anderen Streamingdiensten aufzugeben und nochmal bei Null anzufangen. Oder woanders danach zu suchen. Auf illegalen Kanälen zum Beispiel, die es nach wie vor massenhaft gibt.

Das eröffnet nicht nur Piraten ganz neue Chancen. Es offenbart auch die große Schwäche der Streamingdienste: Musik ist immer nur geliehen, sie gehört einem nicht und ein Anbieterwechsel kommt dem Verlust der kompletten Musiksammlung gleich. Musik als Wegwerfprodukt. Selten war Musik so wertlos wie heute.

Die Rückkehr von DRM

Bisherige Versuche, Musik im Netz abzuriegeln, haben zu nichts geführt. Je weniger Musik online zu haben ist, desto mehr blühen die unzähligen illegalen Netzwerke auf, die letztlich kaum zu stoppen sind. Anfang der 00er versuchte man mit so genanntem Digital Rights Management (DRM) das Brennen von CDs zu verhindern. Jetzt versucht man, Musik gar nicht mehr auf CD zu verkaufen, sondern nur noch als Stream zu verleihen. 

Ob die Strategie von Jay-Z mit exklusivem Material von drei Handvoll Superstars den Großteil der Musikfans auf Tidal einzuschwören aufgeht, darf also stark bezweifelt werden.

Auch Superstars sind im Internet-Zeitalter, wo jeder alles jederzeit hören kann, ein Auslaufmodell. Es kommen keine mehr nach! Solche Methoden können sich nicht viele Künstler erlauben, alle anderen, vor allem Newcomer sind dringend darauf angewiesen, dass ihre Musik überall erhältlich ist. Die Marktführer Apple, Youtube und Spotify werden dem Treiben von Tidal nicht tatenlos zusehen und ihrerseits auch Künstler exklusiv an sich binden.

Aber die Musikfans hören wen sie wollen, wann sie wollen, wo sie wollen und werden sich ein gegenseitiges "Wettrüsten" kaum gefallen lassen. Prince hat vorgeführt, wie man sich mit einer derart exzentrischen Veröffentlichungspolitik karrieretechnisch komplett ins Aus spielen kann. Kaum jemand weiß  überhaupt noch, was er in den letzten Jahren veröffentlicht hat. Und wo.

Stars übernehmen die Rolle von Major-Plattenfirmen - und machen die gleichen Fehler

Lily Allen kritisierte via Twitter: "Die Leute werden wieder massenweise auf irgendwelche Piratenseiten ausschwärmen". Tatsächlich werden vermutlich nur die als Teilhaber ausgewählten Stars von Tidal profitieren. Jeder von ihnen ist angeblich mit 3% am Unternehmen beteiligt und verdient damit künftig an jedem einzelnen Stream mit. Nicht nur an eigenen, sondern auch an denen von kleinen Indiebands.

Damit übernehmen die Stars einfach nur die angestammte und höchst umstrittene Rolle der Majorplattenfirmen, die über die breite Masse der Streams ordentlich verdienen, während einzelne Bands weitgehend leer ausgehen. Wo künftig der Nachwuchs herkommen und Geld verdienen soll, ist weiterhin völlig unklar. An diesem grundlegenden Problem der Musikbranche hat Tidal trotz großer Ankündigungen bislang nichts geändert, eher im Gegenteil.

Jay-Z präsentierte mit Tidal kein neues Konzept und nicht die Zukunft der Musik, sondern meldet lediglich mit viel Getöse Anspruch auf die Weltherrschaft im Musikgeschäft an. 

Was ist Tidal? Der neue Streamingdienst im Überblick

Nachtrag:
Fans von Rihanna und Beyoncé haben mit dem Hashtag #fucktidal einen Shitstorm eröffnet und beschweren sich massenhaft über die "exklusiven" Releases auf der neuen geschlossenen Plattform. Ob das Image der Stars auf Dauer nicht einen größeren Schaden nimmt, als Gewinn eingespielt wird? 

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