Tim Renner: Musik-Flatrate rettet die Musikbranche

Musikmanager beschreibt Weg aus der Krise

In den letzten zehn Jahren hadert die Musikindustrie mit den Umwälzungen, die das MP3-Format und schnelle Internetleitungen mit sich gebracht haben: überall wird Musik geladen, aber kaum dafür bezahlt. Jetzt beschreibt der ehemalige Universal-Chef Tim Renner einen - den einzig möglichen - Weg aus der anhaltenden Krise.

Tim Renner hat leidvolle Erfahrungen mit Download-Geschäftsmodellen: als Universal-Chef initiierte er vor sieben Jahren  einen Downloadshop unter dem Namen "Popfile", der mit Pauken und Trompeten von Bundeskanzler Schröder eröffnet und nur kurze Zeit später klang- und sanglos eingestellt wurde. Kein Mensch wollte kopiergeschützte Musik von nur einer einzigen Plattenfirma kaufen und die auch noch in schlechter Audioqualität. Aus Erfahrung aber wird man eben doch klug.

Keiner weiß also besser, wie es nicht geht, als Tim Renner. Seit er sich mit Motor Music unabhängig vom großen Konzern gemacht hat und auf seinem Label Bands wie Polarkreis 18 oder Virginia Jetzt! zum Durchbruch geführt hat, macht er sich grundlegende Gedanken über die Zukunft seiner Branche und nutzt jeden Anlass diese zu äußern. Anders als viele Kollegen kritisiert er aber nicht nur das Internet im Allgemeinen oder stellt krude Forderungen an die Politik, sondern versucht konstruktiv einen Weg aus der Krise zu finden.

In einem Artikel auf seinem Blog schreibt er, dass eine anbieterübergreifende Musikflatrate bei allen Internet-Serviceprovidern und Mobilfunkanbietern die einzige Option sei, die der Musikbranche noch bleibe. Man müsse die Realitäten anerkennen, wie die Menschen die neuen technologischen Möglichkeiten nutzen und entsprechende Angebote unterbreiten. Er zieht bei seinem Fazit einen Vergleich zur Krise der Musikbranche durch Aufkommen des Radios vor rund 75 Jahren. Eine Krise, die viel schwerwiegender war und die Umsätze auf 6% schrumpfen ließ - und dennoch überwunden wurde:

"Offensichtlich waren es drei Faktoren, die der Musikwirtschaft den Wandel zum Guten brachten: Preis, Darreichungsform und Rechtssicherheit. Wendet man diese auf die aktuelle Situation an, kommt man ziemlich schnell zu dem Modell Flatrate. Diese bietet einen anderen, potentiell geringeren Preis pro Titel; eine neue Nutzungform und so es gesetzliche Regelungen mit den ISPs (also den Anbietern von Internetanschlüssen) gibt, auch eine neue Form der Rechtssicherheit." (Tim Renner)

Forderungen nach umfassender Kontrolle des Internet, wie sie einige Industrie-Hardliner immer noch aufrecht erhalten, erteilt der Brancheninsider eine ebenso klare Absage, wie der Forderung nach einer  Freigabe sämtlicher Internetinhalte über eine so genannte "Kulturflatrate". Erstes kollidiere mit dem Recht der Freiheit und zweites wäre nur mit dramatischen Änderungen im Urheberrecht umsetzbar. Schließlich hat ein Urheber ein Recht auf sein geistiges Eigentum und ist frei in der Entscheidung, was damit passieren soll.

Durch eine anbieterübergreifende unbegrenzte Download-Flatrate ohne Kopierschutzeinschränkungen bei allen Internet- und Mobilfunkanbietern in Höhe von 9,99 Euro pro Monat könnte sich der Umsatz durch Downloads nach Schätzungen von Renner auf über 663 Millionen Euro vervielfachen. Vorausgesetzt jeder, der sich heute noch Musik kauft, wäre bereit, so ein Angebot anzunehmen und damit jederzeit aus dem Vollen schöpfen können ohne lange suchen oder umständlich einzelne Tracks kaufen zu müssen.

Mit seiner scharfen Analyse bringt Renner eine durch verhärtete Fronten etwas erlahmte Diskussion um die Zukunft dessen, was uns allen am Herzen liegt, wieder in Gang. Denn welche weitreichende kulturelle Veränderung uns bevorsteht, wenn nur noch etablierte Rockopas ihren Lebensunterhalt mit Musik bestreiten können, lässt sich heute schon erahnen. Die Lage ist dramatischer als man gemeinhin denkt: Selbst viele bekannte Bands können mit dem Verkauf ihrer Musik heute kaum noch ihre Miete bezahlen, geschweige denn ein Tonstudio. Es wird Zeit, zu handeln.

Zum Artikel von Tim Renner

 

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