Tonspion beim Festival Internacional de Benicassim pt. III

Und im Chor: Der Tonspion macht Urlaub. Der Tonspion schaut Festival. Der Tonspion schickt Berichte. Mit entschuldbarer Verspätung: Der letzte Teil unseres Benicassim-Berichtes für alle, die unsere Zaunpfähle ignorierten.

FIB TAG ZWEI - Nachtrag
Ich schiebe es auf das Superplus an Sinneseindrücken. Ich schiebe es auf die Hitze. Eventuell schiebe ich es sogar auf Sangria oder ähnliches. Doch eine Entschuldigung gibt es eigentlich nicht. Den Tonspion-Liebling Louie Austen sehen, begeistert sein und trotzdem nichts drüber schreiben - Uncoole Kombination. So sei an dieser Stelle der fantastisch aufgelegte Herr Austen gelobt, der zwischen "The Lady Is A Tramp" und "My Way" feinste eigene Perlen zum Tanzen und auch Schmelzen zelebrierte. Viel Gefühl, viel Tanzen. Viel Routine, sicher, doch Austens Routine hat Charme und Stil. Im Überfluss.
Wiederhole: Ich schiebe es auf die Hitze.

FIB TAG DREI
Hui, Heimat oder so. Die Gewinner des deutschen "Proyecto Demo"-Wettbewerbs folgen ihren spanischen und italienischen Kollegen und bestreiten das Vorvorabendprogramm des FIB-Sonntags. Aus welchem Grund auch immer wurden alle Nachmittagskonzerte von der kleineren Clubbühne in das weit größere Motorola-Zelt verlegt. Und so können John Maynard zwar fast die gleiche Sicht wie Moloko und Daniel Johnston genießen, verausgaben sich dafür aber eine halbe Stunde vor einem recht spärlich erschienenen und vorwiegend sitzenden Publikum. Trotz dieser undankbaren Situation sorgte das Duo mit Elektrozackigkeit und deutschem Text für feine Abwechslung und verschenkte verschwitztes Heimatgefühl. Mehrere tausend Menschen haben vor der Bühne Platz, ein Bruchteil war da - der resultierendere Gefühlsmix aus Erfolgsstolz und Irgendwie-dann-ja-doch-Enttäuschung sorgte dafür, dass die Band mitunter etwas steif und verloren wirkte. Aber dennoch: Beim Demowettbewerb durchgesetzt, nach Spanien chauffiert, Benicassim bespielt. Respekt und so. Und weitermachen, bittesehr.

Selbe Bühne mit mehr Menschen darauf und davor. Calexico sind ohne Mariachi-Begleitband erschienen und vor dem dadurch etwas trockenen Sound wirken Joey Burns` Anfeuerungsgeräusche im Latinostyle mitunter etwas übertrieben. Wer jedoch darüber hinaus etwas zu meckern hat, ist relativ doof. Sehr schön vor allem: "Quatro" und "The Crystal Frontier". Sehr aus dem Häuschen: das Publikum, das spanische. Noch viel mehr fuera de la casita: das Publikum, das spanische, als sich Manu Chaos "Desaparecido" ins Calexicoprogramm schleicht. Ein großes Fest, dieser Auftritt.

Hoggboy sind eine der wenigen Bands im Line-Up, die voll und ganz auf die gute alte Sau Gitarrenrock setzen. Das funktioniert recht gut, auch wenn vor der großen Hauptbühne schon wesentlich mehr Leute standen. Solider Auftritt, okay ungestümer Start in ein Hauptbühnenprogramm, das im weiteren Verlauf des Abends leider etwas fußlahm daherkommt.

Lieber ins Clubzelt, wo Ms. John Soda und Múm warten. Ms. John Soda reißen sanft mit, wenn sie zwischen flächig-looporientiertem Klanggefrickel und straightem Indierock pendeln. Ein schönes Konzert, gegen das Múm nur anfangs recht gut bestehen können. Dann verlieren sich ihre Songs und Sounds zunehmend in dem Durcheinander auf der Bühne, und was als beeindruckende Massenhypnose beginnt, verliert kontinuierlich an Wirkung. Was geht denn sonst so?

Die Super Furry Animals gehen. Ab nämlich. Auf ausdrückliches Drängeln meiner Begleiter sehe ich mir diese mir seit langem sehr sympathische Band an. Komme aber trotz feinster Darbietung und schönem Mohrrübenwerfen leider doch nur zu der Erkenntnis, dass zum Livekennenlernen ein Konzert im kleinen Rahmen wesentlich schicker wäre. Den Glanz in den Augen der Begleiter und Drängler will ich nämlich auch irgendwann mein Eigen nennen.

Währenddessen, woanders: Jori Holkkunen. der finnische Most-Wanted in Sachen House setzt im FIB-Programm weitere schöne Elektroakzente. Mit überaus angenehmem und beruhigendem Programm lädt er zu einem Sonntagabend mit ausgiebigem Tanzen ein, bei dem weder Manie noch Drogen im Spiel sein müssen. Aber müssen muss ja nichts.

Suede und Moby im Escenario Vere aka Hauptbühne. Wohl recht gut. Klassiker und neue Songs und so. Chicks On Speed im Escenario Motorola. Der Hammer. Nicht weniger. Auch hier: Klassiker. Und Krach. Und Schminke, Action, Wasser, Show, Zugabe. "We Don`t Play Guitars". Danke dafür.

"Ausgiebiges Tanzen" bei Jori Hulkkonen. Tanzoverkill bei den Brüdern Dewaele aka 2 Many DJs. Hier geht nichts mehr, hier geht alles. DJ Shadow, The Prodigy, die Chemical Brothers, Benny Benassis "Satisfaction", Beyoncé, Nirvana, Beastie Boys. Der Mix so gut wie ohne Pause und ohne Pause gut. Ich sollte mir hinterher eigentlich ein neues T-Shirt kaufen, aber der FIB-Shop hat schon zu. Das hier, gerade eben: Mein persönliches Festivalhighlight. Neben und doch weit vor so vielen anderen.

Und wenn es am schönsten ist oder zumindest gerade war, soll man dann auch aufhören. Goldfrapp sind auch gerade am Ende eines, wie man mir berichtet, enorm lustlos durchgezogenen Auftritts. Todd Terry sorgt für gehobenen Standardtanz, ganz unchilloutig beschallt das Morr-Music-Team das Chill-Out-Zelt und es ist viel zu kühl für derart nasse T-Shirts.

FIESTA DE LA PLAYA
Festival am Ende. Party noch lange nicht. Für umsonst und am Strand wird gefeiert. Mit viel Elektronik, ein bisschen Indie und dem guten Gefühl, mindestens drei fantastische Tage erlebt zu haben. Und damit schlafe ich dann auch langsam ein, während um mich herum ewig weitergefeiert werden könnte. Der Strandsand ist sehr fein und weich.

NACHSPIEL
Machen wir uns nichts vor: 28 Stunden Rückfahrt im Bus sind doch eher nicht so geil. Lassen wir uns nicht irre machen: Die letzte Woche war die insgesamt 60 Fahrstunden aber locker wert. Wir haben vieles nicht gesehen, aber alles erlebt. Wir haben uns entspannt und verausgabt. Wir haben interessiert die Drogenelektroparties im nächtlichen Nebenanprogramm beschaut, sind dann aber doch lieber ins Zelt gekrochen. Wir haben kühlen Orangensaft aus der Naranja Mechanica getrunken. Wir haben Leute kennengelernt. Freundschaftsfundamente gelegt. Wir haben uns ziemlich cool gefühlt und waren es wohl auch. Wir bringen Sand und Geschichten mit, Freunde. Holt die Kleiderbürste raus und setzt Tee auf. (sc/jw)

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