Tonspion exklusiv: Die Grundgebühr für geistiges Eigentum - ein Interview

Pünktlich zu Napsters Beinahe-Pleite meldete sich der Konkurrent KaZaA mit einem ungewöhnlichen Vorschlag zu Wort: Tauschbörsen und Provider sollen nach KaZaAs Auffassung Geld dafür bezahlen, dass ihre Nutzer Songs zukünftig legal tauschen dürfen. Tonspion wollte mehr zu dieser IPUF genanten Grundgebühr für geistiges Eigentum wissen und interviewte dazu Philip S. Corwin von der Washingtoner Anwaltskanzlei Butera & Andrews. Corwin versucht in Washington als Lobbyist, den Gesetzgeber von KaZaAs IPUF-Vorschlag zu überzeugen.

Tonspion: Worin sehen sie die Gründe für Napsters jetziges Straucheln?

Philip Corwin: Die Hauptgründe dafür liegen in der einstweiligen Verfügung, die Napster zum Schließen seines Angebots gezwungen hat und in der späteren Weigerung der Labels, Napster Lizenzen zu geben. Ich bezweifle, dass die Labels ihre Musik überhaupt an Napster lizenziert hätten. Ihre Hauptanliegen scheinen die Bewahrung der physischen Distributions-Modells und die maximale Kontrolle über Online-Musik zu sein, anstatt Musik an dritte zu lizenzieren und die Bedürfnisse der Online-Konsumenten zu befriedigen. Ich glaube das Napsters Schicksal in dem Moment besiegelt war, an dem Bertelsmann die Möglichkeit zur Übernahme der Firma bekam. Die vier anderen Labels haben kein Interesse daran, das Überleben einer Website zu sichern, die von einem Konkurrenten kontrolliert wird.

Tonspion: Halten sie Napsters Scheitern für ein Ende der kommerziellen Tauschbörsen?

Corwin: Auf keinen Fall. Peer to Peer ist das effektivste Mittel, digitale audiovisuelle Inhalte zu vertreiben und dabei die Vorteile des viralen Marketing auszunutzen.

Tonspion: Welche Alternative bietet die von KaZaA jetzt vorgeschlagene Intellectual Property Use Fee (IPUF) denn gegenüber solchen Modellen wie dem Bertelsmann-Napster?

Corwin: IPUF basiert auf der Idee, dass eine große Zahl von Firmen in der Medien-Verwertungskette - die Hersteller von Computern und Consumer Electronic-Geräten, Internet-Provider und Telekommunikationsunternehmen, Hersteller von Instant Messaging-, Media Player- und Tauschbörsen-Software, Hersteller von optischen Speichermedien - von Tauschbörsen profitieren, da die Nutzung frei verfügbarer digitaler Inhalte die Nachfrage nach ihren Geräten und Angeboten steigert. IPUF würde all diese Nutznießer darum bitten, einen kleinen Teil ihrer Einnahmen in einen Tantiemenpool einzuzahlen, der zur Kompensation von Musikern und Rechteinhabern genutzt würde. Im Gegenzug würden sie dann Schutz vor Prozessen wie auch vor unüberlegten Gesetzen wie etwa dem von Senator Hollings vorgeschlagenen Kopierschutz-Zwang bekommen.

Tonspion: In den letzten Tagen hat der US-Telefonanbieter Verizon seine Unterstützung für ihren Vorstoß angekündigt. Wo sehen sie weitere Verbündete für die IPUF?

Corwin: Verizon ist nur eine von einer ganzen Reihe von Computer- und Telekommunikations-Firmen, die ihre eigenen Vorschläge für eine Zwangslizenz für digitale Medien entwickelt haben. Außerdem haben Musiker-Interessenvertretungen trotz früherer Berührungsängste gegenüber Peer to Peer-Technologie erklärt, dass IPUF eine ernsthafte Prüfung verdient. Sie stellen fest, dass ihre Mitglieder andere Interessen haben als die Plattenfirmen.

Tonspion: Wie soll das IPUF-Geld genau aufgeteilt werden?

Corwin: Mit Tracking-Technologie wie etwa Audio-Fingerprinting ließen sich sehr genaue Daten über Medientausch und CD-Brennen zusammenstellen. So könnten angemessene Tantiemenzahlungen an die Rechteinhaber zurückfließen. Diese Daten sollten jedoch nicht persönlich identifizierbar sein, so dass die Privatsphäre der Nutzer gewahrt bliebe.

Tonspion: Wenn IPUF allen Beteiligten Vorteile bietet - warum lehnen die großen Plattenfirmen diese Idee dann dennoch so vehement ab?

Corwin: Auch wenn IPUF einen beträchtigen Teil zu den Einnahmen der Plattenfirmen beitragen könnte, und obwohl neueste Studien belegt haben, dass P2P Filesharing ein Netz-Promotion-Mittel ist und kein Ersatz für CD-Verkäufe, werden die großen Plattenfirmen ihre Abwehrhaltung wohl beibehalten. Eine gesetzliche Billigung von Peer-to-Peer-Tauschbörsen würde das Ziel der Majors untergraben, den Online-Musikhandel zu kontrollieren. Es würde sowohl unabhängigen Musikern als auch als auch Indie-Labels Möglichkeiten geben, ihre eigenes Publikum und ihr eigenes Geschäft zum Nachtteil der Majors aufzubauen. (jr)

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