Too slow to disco, too young to rock'n'roll

Interview mit DJ Supermarkt über seinen Sampler "Too Slow To Disco 2"

Der Berliner Marcus Liesenfeld aka DJ Supermarkt ist ein Musikverrückter. Letztes Jahr setzte er dem Westcoast-Softrock der 70er mit seiner Compilation "Too Slow To Disco" ein Denkmal. Es wurde die "Compilation of the year" bei den Rough Trade Plattenläden in London und New York - und ein überraschender Verkaufshit! Heute veröffentlicht er den zweiten Teil der Reihe. Wir haben ihn dazu befragt.

 

DJ Supermarkt - Too Slow To Disco
DJ Supermarkt - Too Slow To Disco

 

Tonspion: "Too slow to disco" - woher kommt der Titel deiner Sampler-Reihe?

Marcus Liesenfeld: „Too Slow To Disco“ ist ein Song vom amerikanischen Westcoast Musiker Paul Davis. Hat er 1980 aufgenommen und das geht so: „I’m too slow to disco baby, too old to rock'n'roll“ . Ich brauchte einen griffigen Titel - und besser geht's nicht. Ewiger Dank an Herrn Davis, der übrigens mit einem anderen tollen Song „Medicine Woman“ auf Volume 2 drauf ist.

Wie waren die Reaktionen auf den ersten Sampler?

Besser als gedacht. Wir betreten mit der Kompilation ja sehr gefährlichen Grund. Alleine für das Erwähnen des Wortes „Softrock“ oder „AOR“ (Adult Orientated Rock) wäre man vor nicht allzu langer Zeit ja noch von der Musik-Polizei gelyncht worden. Den entspannten und ausladenden Westcoast-Vibe der Songs können aber offensichtlich sehr viele Menschen ab und zu mal gebrauchen, um runterzukommen. Natürlich hat auch geholfen, dass gleichzeitig Bands wie Daft Punk, Ariel Pink, Haim, Breakbot, Chromeo, Father John Misty, Tobias Jesse Jr. etc… aktuelle Musik veröffentlichten, deren Wurzeln man auf "Too Slow To Disco" nachhören kann.

Planst du noch weitere Teile?

Die Compilation-Serie „Kuschelrock" ist jetzt wahrscheinlich bei Teil 176 angekommen, das heisst, wir haben noch ne Menge Platz für weitere Teile, bevor der Karren weiterzieht. Nein, eigentlich glaube ich nicht, dass das Interesse an entspannter, gleichzeitig grössenwahnsinniger und extrem soulfuller Musik aus Kalifornien jemals aufhört. Braucht jeder Mensch irgendwann mal in seinem Leben. Grosse Zielgruppe von TSTD sind ja z.B. Deejays, die am Tag danach was Warmes für die Seele brauchen.

Auf welche Fundstücke bist du besonders stolz?

Bei Volume 2 ist es eindeutig der Musiker Jimmy Gray Hall. Ein trauriges, wahnsinnig talentiertes Genie, das nur 4 längst vergessene Songs veröffentlicht hat, die es auf extrem raren Promo 7 inches gibt. Er geriet in den Achtzigern drogenmässig auf die schiefe Bahn, um dann - festhalten - bei einem Banküberfall beim Fahren des Fluchtwagens von der Polizei erschossen zu werden. Ich habe nach 2 Jahren Suche den sehr netten Sohn aufgetrieben und den Produzenten, mit deren Hilfe der unglaubliche Song „Be That Way“ zum ersten mal in guter Qualität veröffentlicht werden konnte.

Was sind die Schwierigkeiten beim Kuratieren eines solchen Samplers?

Das fängt damit an, dass einige der Majors schon bei der ersten Anfrage behaupten, dass sie den Song nicht besitzen: „computer says no“! Man muss die also erstmal davon überzeugen (mit Fotos vom Logo auf der Platte z.b.), dass ihnen die Rechte gehören. Oftmals sind dann die Master im Keller verschwunden und die Verträge nicht aufzufinden. Dann wird’s interessant, denn ich kann nur noch mit Hilfe von dem Künstler selbst, oder seinen Angehörigen, oder Produzenten oder dem Praktikanten im Studio damals die Sache rekonstruieren und dann schauen, ob’s klappt. Das Tolle ist, dass die Songs auf der Compilation damals oft eher Flops waren, die Musiker aber fast ohne Ausnahme in den folgenden Jahren als Songschreiber für andere Musiker zu Millionären geworden sind. Trotzdem freuen die sich wie Bolle, wenn jemand wegen ihrem aufgenommenen und verschollenen Songs anfragt und quälen ihre Labels ganz grossartig für uns.

Deine Compilation sollte man natürlich nur stilecht auf Vinyl hören. Wird der aktuelle Vinyl-Hype sich noch vestärken oder werden am Ende doch alle nur noch streamen und Playlisten zusammen klicken?

Ach, wer weiss das schon. Auf jeden Fall ist die Plattenindustrie mal wieder fleissig dabei sich selber ins Knie zu schießen, indem sie jede bereits 80 Milliarden mal verkaufte LP nochmal als Doppel-Vinyl mit Autogrammkarte und anderen schwachsinnigen Extras für richtig viel Kohle raushaut. Speziell zum Record Store Day. Ich liebe MP3s und ohne von irgendwelchen irren Sammlern im Internet hochgeladene, rare LPs aus den Siebzigern wäre mein Interesse an der Musik und so ein Sampler gar nicht möglich. Ich kaufe mir immer noch neue Alben, die ich wirklich mag als Vinyl (falls möglich), ansonsten bevorzuge ich mp3s für Songs (bei meinem Blog Howdoyouare geht’s nur um legale MP3s.) Irgendwie glaube ich aber, dass die CD demnächst total „in" sein wird, weil die gerade jeder Scheisse findet und zum Tode verurteilt.

Review: Too Slow To Disco 2

Too Slow To Disco Homepage

amazon music unlimited

Tonspion Newsletter

Alle wichtigen Neuigkeiten aus der Welt der Musik einmal wöchentlich in deine Mailbox.
Kein Spam, versprochen! Du kannst dich in jedem Newsletter wieder abmelden.
* Pflichtfeld

Tonspion präsentiert täglich die beste neue Musik mit Streams, Videos und kostenlosen Downloads sowie die wichtigsten Neuheiten aus dem Netz.
Folge uns auf Facebook:

Aktuelles Album