Über den Umgang mit dem Tod von Stars

Was wir uns nach dem Tod von Lemmy, Bowie und Prince wünschen

2016 hat Musikfans hart getroffen. Einige Legenden sind von uns gegangen, die man für unsterblich hielt. Doch was haben wir aus der massiven medialen Konfronation mit dem Tod in den letzten Monaten gelernt? 

"Look up here, I'm in heaven" (David Bowie - "Lazarus")

Es ist schrecklich, wenn ein Mensch stirbt, der uns nahesteht. Popstars gehören zu dieser Kategorie, weil viele mit ihrer Musik aufgewachsen sind, die erste Liebe erlebt haben, den ersten Liebesschmerz oder andere prägende Erfahrungen mit der Musik eines bestimmten Künstlers oder einer Epoche durchlebt haben.

Der Tod von Menschen, die irgendwie schon immer da waren, erinnert uns auch an die Endlichkeit unserer eigenen Existenz. Und daran, dass Stars vom Schlag eines Bowie oder Prince wohl kaum mehr nachwachsen werden. Sie sind Geschöpfe einer anderen Zeit. Diese Zeit ist definitiv vorbei.

Deshalb ist es verständlich und auch völlig in Ordnung, wenn man um Künstler öffentlich trauert, die man zwar persönlich nicht kannte, die einem aber trotzdem gefühlt viel näher sind als die eigene Verwandtschaft.

Im Social Media Zeitalter wird vieles heiß gekocht und auch die Trauer um lieb gewonnene Stars kann schnell in eine Hysterie umschlagen, die besorgniserregende Rückschlüsse auf das Seelenleben mancher Zeitgenossen zulassen. In dem Fall sollten Freunde einschreiten und ihre Hilfe anbieten. Aber auch so manches Medium suhlt sich geradezu im Tod eines Künstlers.

Aktuell zum Beispiel das Musikmagazin Rolling Stone aus dem Hause Springer. Nicht nur die sinkende Auflage dürfte dank der prominenten Toten des laufenden Jahres schlagartig in die Höhe geschossen sein. Auch bei den Klickraten scheinen sich Bowie, Prince und Co als "totsichere" Bank herauszustellen. 

Die Beiträge sind allerdings von Klatschmagazinen teilweise nicht mehr zu unterscheiden. Jeder Informationskrümel, jedes Gerücht wird medial verwertet und ausgeschlachtet und das von einem Magazin, das einst für den "guten alten Rock'n'Roll" stand und für alles, was er verkörpert: Lebensfreude, Haltung, Sex, Rebellion.

Nun sind die Stars der Rolling Stone-Generation allesamt über 70. Bob Dylan, die Rolling Stones, Pink Floyd, The Who, Neil Young, Paul McCartney. Sie alle werden nicht ewig leben, auch wenn sie derzeit offenbar ein gemeinsames Konzert planen. Und auch wenn wir allen ein langes, gesundes Leben wünschen, müssen wir uns darauf einstellen, dass wir uns immer häufiger mit dem Tod von den Helden unserer Jugend auseinandersetzen werden müssen.

Auch wir tun das selbstverständlich und ja, die Beiträge zum Tod eines prominenten Künstlers werden sehr häufig gelesen. Es gibt einen seltsamen Bedarf, sich mit einem Menschen oder einem Künstler zu beschäftigen, wenn er plötzlich nicht mehr da ist. Was man häufig auch an stark steigenden Chartplatzierungen seiner Alben feststellen kann.

Aber gerade Künstler, die ihr Privatleben und ihr Umfeld so sehr geschützt haben wie Bowie oder Prince, haben auch nach ihrem Ableben ein Recht darauf, dass dieses Privatleben nicht in Magazinen ausgeschlachtet wird, die jahrzehntelang sehr gut von ihrer unerschöpflichen Kreativität und musikalischen Qualität gelebt haben.

Es geht allerdings noch schlimmer: Trauernden Menschen ihre Trauer absprechen zu wollen ist so ziemlich das letzte, was man tun kann. "Ich kannte den nicht, also nerv mich nicht mit deiner Trauer", mit dieser merkwürdigen Logik argumentiert der Schreiber von Jetzt.de in seinem weinerlichen Aufsatz darüber, dass seine Generation ja gar keine Stars vom Format eines Prince oder David Bowie mehr habe. Alleine das wäre schon ein Grund kräftig mitzutrauern. Oder einfach mal die Klappe zu halten und sich ein paar Platten zu besorgen, um zu lernen und zu verstehen, warum musikalische Genies wie Prince auch noch in 100 Jahren relevant sein werden. 

Jedenfalls sollte man gerade im Todesfall immer über der Gürtellinie bleiben und nicht in den Bereich der reinen Spekulation oder puren Fantasie abdriften. Und man sollte sich auch ab und zu mal wieder Themen zuwenden, die quicklebendig sind und zeigen, warum sich das Leben lohnt. Schließlich ist die Musik unsterblich. 

Das Internet ist dazu geeignet, Menschen in die Depression zu treiben, wenn man nicht verantwortlich damit umgeht. Schon jetzt merken wir ganz konkret die politischen Auswirkungen von der klickgeilen Dauerbestrahlung mit Schlagzeilen, die Menschen Angst machen. Diese Schlagzeilen machen Auflage, das darf man nie vergessen! Egal, wie wahr oder falsch sie sind. Der Focus ("Fakten, Fakten, Fakten") spekulierte gleich mal wild über einen Drogentod, obwohl bisher keinerlei Berichte zur Todesursache vorliegen. Aber klar, ein Rockstar kann natürlich nur an Drogen sterben.

In Österreich, wo die rechtsextreme FPÖ gerade 35 Prozent für ihren Präsidentschaftskandiaten geholt hat, gibt es bereits ein Online-Magazin, das komplett nur aus Fantasienachrichten besteht. Schlagzeilen, die zwar keinerlei Realität mehr beinhalten, aber dafür so knallen, dass die Leute klicken und den Unterschied gar nicht mehr merken. Und nie wieder aus der Welt zu kriegen sind. Solche Medien, die Nachrichten erfinden, einfach nur um Geld zu verdienen, sollten als das gebrandmarkt werden, was sie sind: ein riesiger Haufen eklig stinkender Scheiße. 

Wir jedenfalls verzichten auch künftig gerne auf ein paar Klicks und Likes von der "falschen Seite", nämlich Leuten, die nur sensationsgeil sind und konzentrieren uns auch bei tragischen Todesfällen auf das, was uns wirklich wichtig ist: die Musik und den Respekt für ein Lebenswerk, das so vielen Menschen etwas bedeutet.

Tonspion präsentiert täglich die beste neue Musik mit Streams, Videos und kostenlosen Downloads sowie die wichtigsten Neuheiten aus dem Netz.

amazon music unlimited

Tonspion Newsletter

Alle wichtigen Neuigkeiten aus der Welt der Musik einmal wöchentlich in deine Mailbox.
* Pflichtfeld

Ähnliche News

Bon Iver The Revolution

Justin Vernon singt mit der Band von Prince "Erotic City"

Kurioser Auftritt bei Rock The Garden Festival in Minneapolis
"The Revolution" hieß die Backing Band von Prince zu seiner besten Zeit zwischen 1982 und 1986. Bei einem Festival in Prince Heimatstadt Minneapolis spielten Wendy, Lisa und ihre Bandkollegen mit einem prominenten Gastsänger.
Alexa Feser (Foto: Sven Sindt)

Der Soundtrack meines Lebens: Alexa Feser

Eine musikalische Rundreise durch das Leben von Alexa Feser
Jeder von uns verbindet bestimmte Musik mit besonderen Lebensphasen und oft sagt ein Song dabei mehr über eine Person aus als tausend Worte. In unserer Serie begeben wir uns mit Künstlern auf eine musikalische Reise durch ihr Leben. Heute mit Alexa Feser.

Aktuelles Album

Purple Rain

Prince - Purple Rain

Artist: 
Redaktionswertung: 
schlimm
schwach
mittelmäßig
gut
sehr schön
herausragend
Meilenstein
"Purple Rain" ist das sechste Studioalbum von Prince und festigte seinen Status als Superstar der 80er Jahre. Der gleichnamige autobiografisch angehauchte Spielfilm wurde zum Gassenhauer.