Universal-Chef: "Jede gebrannte CD ist eine gute CD"

Neue Töne aus der Musikindustrie: wenige Tage vor Beginn der Popkomm schreibt Tim Renner, junger Chef des Plattenkonzerns Universal, im Berliner Tagesspiegel über den schlechten Zustand seiner Branche und das Gute am Musik-brennen.

In seinem Essay der Sonntagsausgabe des Tagesspiegels vom 11. August widerspricht er sogar deutlich dem branchenüblichen Krisengerede vieler seiner Kollegen. Der Musikmarkt befinde sich nicht in einer Krise, im Gegenteil, "unser Markt boomt", schreibt Renner. Nur habe man das komplett verschlafen. "Insofern ist jede gebrannte CD eine gute CD. Denn sie beweist, dass unsere Stars und unsere Musik nichts von ihrer Faszination eingebüßt haben."

Vor allem das boomende Geschäft mit Klingeltönen und mit Musikdownloads habe die Musikbranche völlig ignoriert. Renner mahnt seine Kollegen, nicht alten Zeiten hinterherzujammern, als die CD noch das allein selig machende Medium war. Heute finde eine Individualisierung statt, auf die die Branche flexibel reagieren müsse. Und das könne man nicht durch strenge Hierarchien innerhalb der Tonträgerfirmen, sondern durch kleine kreative Zellen mit viel Freiraum und Eigenverantwortung.

Zu den neuen technischen Entwicklungen über Internet oder Handy kramt Renner in der Musikgeschichte: schon immer sei es so gewesen, dass Technologien das Verhältnis einer Generation zu ihrer Musik bestimmt haben. Nur wurden diese Technologien selten im Sinne der Erfinder gebraucht. Oft wurden sogar Fehler und Lücken dieser Technologien von den Kreativen genutzt, um neuartige Musik zu machen; elektrische Gitarren, Scratching oder die Enstehung von Dub-Reaggae über die neuartige Nutzung der Mehrspurtechnik führt er dabei als Beispiele an. In diesem Sinne müsse man auch die erweiterten Möglichkeiten durch den Computer begreifen und entsprechend damit umgehen. Man müsse diese neuen Technologien konsequent selbst kreativ nutzen.

Vor allem weist Renner seine Kollegen darauf hin, dass der übersättigte Musikmarkt für 10-19 jährige nicht mehr der wichtige Markt sei. Nur 14 Prozent des Umsatzes werde in diesem Marktsegment gemacht, während die viel anspruchsvolleren 20-39 jährigen heute schon 53 Prozent ausmachten. Dieses Marktsegment sei wesentlich qualitätsbewusster und habe zudem auch selten die Zeit, sich Downloads mühsam im Internet zu suchen und zu brennen. Insofern sei es Aufgabe der Industrie den 40 jährigen Gelegenheitskäufer durch attraktive Angebote zu aktivieren. Und das setze auch voraus, dass man Künstler wieder langfristig aufbaut, positioniert und vermarktet. Nur so entstehe das Gefühl von Qualität, das der Konsument erwarte.

Abschließend fordert Renner seine Kollegen auf zu kämpfen und darauf zu vertrauen, dass Popkultur unsere Gesellschaft wesentlich prägt.
Die strategischen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zukunft der Branche, werden gerade eben erst festgelegt.

Mit diesen deutlichen Worten dürfte Renner dafür gesorgt haben, dass es auf dem weltgrößten Treffen der Musikbranche, der Kölner Popkomm, in der kommenden Woche wieder einiges an Gesprächsstoff zum Thema Internet und MP3 geben wird. Und das ist auch gut so. (ur)

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