Universal Music will exklusives Streaming beenden

Das Problem: Majors kontrollieren den Streamingmarkt

Gute Nachricht für Musikfans: das weltgrößte Musiklabel Universal Music will künftig keine Alben mehr exklusiv auf dem ein oder anderen Streamingdienst zulassen. Aber die Geschichte hat auch einen Haken.

"Most people don’t give a crap about the new Frank Ocean album. We’ve got an industry that promotes marginal products that appeal to few and makes them unavailable to most people? That’s hysterical!" (Bob Lefsetz)

Es ist ein Irrweg der digitalen Musikgeschichte, dass manche Künstler ihre Musik nur noch auf dem ein oder anderen Kanal veröffentlichen. Ist man kein Abonnent des jeweiligen Dienstes, schaut man in die Röhre und wird gezwungen, sich anzumelden oder sich die Musik auf illegalen Plattformen zu holen. "Exklusive Releases" wie die Musikbranche solche dreiste Erpressungsversuche schönredet, lassen viele Fans außen vor und sind langfristig schlecht fürs Geschäft. 

Frank Oceans neues Album "Blonde" ist derzeit nur bei Apple zu haben.

Das hat nun offenbar auch Universal Music bemerkt. Nach Aussagen des Business-Insiders Bob Lefsetz hat Universal-Chef Lucian Grainge am Montag eine Mail an alle Mitarbeiter geschickt, dass diese inzwischen gängige Praxis künftig nicht mehr erlaubt sei. Hintergrund ist die Veröffentlichung von Frank Oceans neuem Album "Blonde" auf Apple Music. Und nur dort. Spotify-Abonnenten schauen also in die Röhre. Und Frank Oceans Label gehört Universal Music, das wiederum an Spotify beteiligt ist.

Es ist aber auch kompliziert: Auf der einen Seite ist der ehemalige Univeral-Musikguru Jimmy Iovine heute Chef von Apple Music. Diese Verbindung schürt den Verdacht von internen Absprachen zwischen Universal und Apple. Auf der anderen Seite ist Universal Music, wie alle großen Plattenfirmen Mitinhaber von Spotify (und auch bei allen anderen Streamingplattformen bis hin zu Soundcloud beteiligt) und verdient nicht nur mit seinen Künstlern, sondern auch mit dem allgemeinen Wachstum dieser Dienste.

Die Labels leben also nur noch zu einem Bruchteil vom Aufbau neuer Künstler, sondern in erster Linie von der Vermarktung ihres gesamten Katalogs. Ihr Interesse ist also ein grundsätzlich anderes als das der Künstler. Die Musik ist nur noch Massenware. Jeder einzelne Play erwirtschaftet Geld. Was gespielt wird, spielt keine Rolle. Deshalb sind sogar die Kronjuwelen der Musik, die Alben der Beatles (im Besitz von Universal Music), inzwischen bei Spotify zu hören. Wofür also noch teuer junge Talente aufbauen, so lang der alte Kram massenhaft gespielt wird ohne einen Cent zu investieren?

Kanye West veröffentlichte "The Life Of Pablo" exklusiv bei Tidal, einem Dienst der in Deutschland kaum Abonnenten hat.

Alles, was den Erfolg von Spotify oder Streaming als wichtigste neue Einnahmequelle beeinträchtigen könnte, soll nun also konsequent unterbunden werden - und dazu gehören exklusive Veröffentlichungen entweder auf der einen oder der anderen Plattform. Frank Oceans Veröffentlichung über Apple hat für Universal Music finanziell keinerlei Relevanz, schadet aber Spotify.

Aus gutem Grund hatte Jay-Z nach dem Kauf des Streaminganbieters Tidal einige Stars exklusiv an sich gebunden und veröffentlicht dort in schöner Regelmäßigkeit Musik von Superstars wie Beyconcé, Rihanna oder Kanye West - unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Rihanna ist die populärste Pop-Künstlerin unserer Zeit und ihr letztes Album "Anti" hatte in der ersten Woche nur 460 Einheiten verkauft. Ein komplettes finanzielles Desaster aufgrund eines verzweifelten Promostunts von Tidal, mit dem Jay-Z den Marktwert von Tidal steigern wollte. Nennenswerte Nutzerzahlen kann der Dienst aber weiterhin nicht vorweisen und Kanye West bettelte Apple Music neulich sogar öffentlich an, Tidal (und damit die Streamingrechte einiger namhafter Stars) endlich zu kaufen. 

Rihannas Album "Anti" wurde von Tidal "exklusiv" verschenkt.

Der ehemalige Apple-Mitarbeiter und Label-Betreiber Sean Glass hält exklusive Releases jedoch gar nicht für das Problem. In einem Artikel schreibt der Insider, man könne sie sowieso an einer Hand abzählen. Das weitaus größere Problem für die Zukunft der Musikbranche sei, dass die Streamingdienste und alle Playlist-Funktionalitäten inzwischen den Major-Plattenfirmen gehörten.

Nach seinen Angaben kommen 60-90 Prozent aller Plays auf Spotify von Playlisten, die von Universal Music erstellt und betreut werden. Und ausschließlich Universal Katalog enthielten. Unabhängige Labels oder Künstler hätten künftig möglicherweise gar keine Chance mehr, auf den Streamingdiensten gespielt zu werden, schließlich entscheidet Spotify, welche Playlisten gut sichtbar sind - und welche nicht. Die Folge sei, dass früher oder später alles gleich klingen werde.

Dass Indies oder einzelne Künstler sich in Scharen von Spotify und Apple abwenden und so diese Entwicklung noch stoppen können ist nicht zu erwarten. Dienste, die nicht das komplette Repertoire im Angebot haben, erreichen nicht genügend Kunden. Denn Musikhörern ist es völlig egal, was für ein Label hinter der Musik auf ihrer Playliste steht. Das ist schon lange nicht mehr sichtbar. Hauptsache Musik. Die Auswahl ist groß genug.

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