Unklare Beweislage für P2P-Klagen

261 Tauschbörsen-Nutzer hat die US-Musikindustrie Anfang September verklagt. Ein anonymer Autor behauptet jetzt, dass die dazu genutzten Beweise gar nicht so stichhaltig sind, wie sie scheinen.

Der nur unter einem Pseudonym auftretende Autor hat jetzt einen ausführlichen Aufsatz zur Beweisführung der Musikwirtschaft auf einem australischen Webserver veröffentlicht. Die Essenz des Papiers: Es ist durchaus möglich, dass einige der angeblichen Copyright-Verletzer von Hackern reingelegt wurden und nie die ihnen zur Last gelegten Inhalte zum Download angeboten haben. Der Autor konzentriert sich bei seiner Untersuchung auf das Gnutella-Netz und die Software Gnucleus, auf deren Grundlage er zahlreiche solcher möglichen Tricks erklärt. Dazu gehören Szenarien, in denen Suchergebnisse während der Übermittlung verfälscht werden und das Unterschieben von belastenden Dateien unter falschem Namen.

Nicht alle in dem Papier genannten Beispiele sind völlig hypothetisch. So ist bekannt, dass im Gnutella-Netzwerk seit geraumer Zeit Spammer Suchergebnisse mit individuell generierten Resultaten beantworten. Wer dort beispielsweise nach ?Musikvideo? sucht, bekommt häufig Suchergebnisse gelistet, die ihm genau das versprechen ? ein Musikvideo, das aber interessanterweise nur 67 Kilobyte groß sein soll. Tatsächlich handelt es sich dabei um eine manipulierte Video-Datei, die beim Abspielen mit dem Windows Media Player eine Verbindung zum Web aufbaut und mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Porno-Website öffnet.

Das gleiche kann einem Nutzer aber natürlich auch passieren, wenn er nach ?Metallica? sucht. Da die meisten Tausch-Programme heruntergeladene Inhalte automatisch auch wieder zum Upload anbieten, könnte eine solche falsche Datei Ermittler der Musikindustrie zu der Annahme verleiten, dass der betreffende Nutzer tatsächlich ein Metallica-Musikvideo zum Download anbietet ? obwohl es sich dabei in Wirklichkeit nur um eine Trick-Datei eines Porno-Anbieters handelt.

Den meisten verklagten Nutzern werden diese Erkenntnisse aber kaum etwas nutzen. Die von der RIAA verlangten Schadensersatzsummen sind so hoch, dass sich kaum jemand darauf einlässt, tatsächlich gegen die Vorwürfe vorzugehen. Nur in einem Fall konnte eine Beschuldigte bisher eindeutig belegen, dass die Grundlage der Anklage einer Verwechslung sein musste. Der 66-jährige Seniorin war vorgeworfen worden, über Kazaa zahllose Hip Hop-Songs zum Download angeboten zu haben. (jr)

Tonspion Newsletter

Alle wichtigen Neuigkeiten aus der Welt der Musik einmal wöchentlich in deine Mailbox.
Kein Spam, versprochen! Du kannst dich in jedem Newsletter wieder abmelden.
* Pflichtfeld

Tonspion präsentiert täglich die beste neue Musik mit Streams, Videos und kostenlosen Downloads sowie die wichtigsten Neuheiten aus dem Netz. Folge uns auf Facebook:

▶ Du möchtest einen Beitrag bei Tonspion veröffentlichen? Schicke uns deine Idee!

Ähnliche News

Interview: Sind MP3-Blogs legal?

Interview: Sind MP3-Blogs legal?

Rechtsanwalt Till Kreutzer über die rechtliche Situation in Deutschland
Immer mehr MP3-Blogs sprießen auch in Deutschland aus dem Boden. Dort veröffentlichen Musikfans Musik ihrer Lieblingsacts als MP3s, sorgen so für eine rasante Verbreitung im Netz und helfen möglicherweise auch dabei einen Künstler bekannt zu machen. Doch wer Musik im Netz anbietet, geht grundsätzlich ein hohes Risiko ein. Wir befragten Rechtsanwalt Till Kreutzer über die Rechtssituation für MP3-Blogs in Deutschland.

Tauschbörse verklagt Musikindustrie

Limewire wirft der RIAA Verstöße gegen das Kartellgesetz vor
Das Spiel Musikindustrie verklagt Tauschbörse, bis diese pleite ist, ist hinreichend bekannt. Jetzt drehen die Betreiber von Limewire den Spieß um und verklagen kurzerhand den Verband der Musikindustrie RIAA. Der Vorwurf: die RIAA wolle alle Kanäle, die sie nicht kontrolliere, zerstören.
Musiker gegen Tauschbörsen-Klagen und Kopierschutz

Musiker gegen Tauschbörsen-Klagen und Kopierschutz

Der Tonspion Wochenrückblick
Prominente kanadische Musiker machen sich gegen Kopierschutztechnologien und Klagen gegen Tauschbörsen-Nutzer stark, Mick Jagger geht zum Fernsehen und die absoluten Tiefpunkte der Popgeschichte.
Tauschbörsennutzung verdoppelt

Tauschbörsennutzung verdoppelt

Klagen steigen ebenfalls
Der Kampf um die Tauschbörsen wird immer härter. Während die US-Musikindustrie die zehntausendste Klage eingereicht hat, meldet die Internetorganisation slyck.com eine Verdopplung der Nutzerzahlen in den letzten zwei Jahren.
"Filesharing ist unter Kontrolle"

"Filesharing ist unter Kontrolle"

Musikindustrie setzt unerschrocken auf Abschreckung
Der Chef der deutschen Phonoverbände Gerd Gebhardt sieht sich bestätigt. Nach der aktuellen Brennerstudie GfK ist die Zahl der illegalen Downloads im Jahr 2004 um knapp 200 Millionen auf 382 Millionen gegenüber dem Vorjahr gesunken. Deshalb sollen die Klagen gegen Tauschbörsen-Nutzer nun weiter intensiviert werden.

Empfehlungen