Unser Star für Baku: Die letzte Casting-Show

Der Eurovision Vorentscheid und die Blitztabelle

Sie wurde von Pro7 gefeiert, wie die größte Erfindung der Menschheit: die Einführung der Blitztabelle in die Castingshow. Und trotzdem zog sich der erste Vorentscheid für den Eurovision Song Contest gestern weitgehend höhepunktfrei in die Länge. Am Ende lag ein ehemaliger DSDS-Teilnehmer ganz vorne und dürfte wohl auch schon als Gewinner feststehen.

"Glaubt ihr an Liebe auf den ersten Blick?", fragte Jurypräsident Thomas D, als nach der ersten Vorstellungsrunde der zehn Teilnehmer bereits die ersten Anrufe mit den Favoriten des Publikums eingingen, bevor auch nur ein Ton gesungen wurde. Ganz vorne lag da die Einmannboyband Roman Lob, der 2007 bereits im Alter von 16 Jahren bei DSDS teilnahm, von Dieter Bohlen dickes Lob erhielt, dann aber wegen einer Kehlkopfentzündung nicht mehr am Finale teilnehmen konnte. Und auch am Ende der Show gestern lag der Junge mit seiner smarten Version von "After Tonight" von Justin Nozuka immer noch ganz vorne in der Gunst des Publikums und der Jury. Eigentlich könnte man also nun aufhören und sich freuen, dass es nicht schlimmer kam, doch es soll noch weitere 7 Ausgaben von "Unser Star für Baku" geben, um noch mehr Pop-Hits in der Karaokeversion von jungen Freizeitsängern darzubieten, die darauf hoffen, die neue Lena zu werden - und Pro 7 noch mehr Geld in die Kasse zu spülen. 50 Cent kostet ein Anruf oder eine SMS, um am Voting teilzunehmen. 

Als große Neuerung und Unterscheidung zu allen anderen Castingshows wurde die Blitztabelle gefeiert. Sie schaffte es zwischenzeitlich in die "top trending topics" bei Twitter und dürfte im Ausland Verwirrung gestiftet haben, schließlich ging das Wort "Blitzkrieg" als typische deutsche Erfindung in den englischen Wortschatz ein. Doch die von Raab selbst als sensationell angepriesene Neuerung ist in Wirklichkeit die Einführung von 9live in den Vorentscheid des Grand Prix, der weltweit größten Musikshow. Zwei Stunden lang sollen die Zuschauer genötigt werden, für ihre Favoriten anzurufen, das Ergebnis der Umfrage ist ständig blinkend am linken Bildschirmrand eingeblendet und so haben auch Menschen was von der Show, die lieber Sportwetten schauen als Musik hören. Am Ende ist es aber einfach nur Abzocke wie beim notorischen Anrufsender 9live, der sich komplett über die Telefonrechnung benachteiligter Menschen finanzieren ließ.

Doch damit nicht genug, die zehn Songs der Kandidaten wurden derart in den Werbeblöcken versteckt, dass man zwischenzeitlich vergaß, welche Castingshow man sich da eigentlich gerade ansah. Kommt gleich Nena? Oder Dieter Bohlen? Und irgendwie war das auch egal. Denn auch die Jury gab nicht viel Anlass, dem altbekannten Prinzip der Show neue Facetten abzugewinnen. Da wurde wahlweise gefühligsduselig drumherumgelabert (Frida Gold-Frontfrau Alina Süggeler), das "Gesamtpaket" gelobt (Thomas D) oder halbwegs unfallfreie Karaokeeinlagen als "künstlerisch hervorragend" aufgebauscht (Stefan Raab). 

Dass nun ein Kandidat als Favorit in die kommenden sieben Sendungen geht, der bereits zuvor bei einer anderen Castingshow erfolgreich vorsang, legt den Verdacht nahe, dass Deutschland so langsam die willigen Castingteilnehmer ausgehen. Und das ist eigentlich die gute Botschaft des Abends. Vielleicht hat es dann ja endlich bald mal ein Ende mit der ewigen Casterei. Und es werden Künstler ins Fernsehen geholt, die wirklich Vollblutmusiker sind und die nicht nur so tun als ob. Schließlich gibt es auch in Deutschland genügend Talente, man braucht nur mal in die Clubs und Konzerte nebenan zu gehen. Und da muss man noch nicht mal anrufen, sondern kann sich voll und ganz auf die Musik konzentrieren. 

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