Urheberrecht: Fotograf mahnt Bild in Nachruf ab

Kostenfalle Creative Commons

Ein Fotograf ließ uns kürzlich eine Abmahnung von seinem Anwalt zukommen. Unser Vergehen: wir hatten das Foto eines verstorbenen Musikers in dessen Nachruf verwendet, ohne den Namen des Fotografen zu nennen. Streitwert für dieses Versehen: läppische 6000 Euro.

Eines vorab: wir respektieren das Urheberrecht und finden es wichtig, dass Urheber wie Musiker, Künstler oder Fotografen für ihre Arbeit entlohnt werden. Aber manchmal möchte man in die Schreibtischplatte beißen, wie manche Leute ihr "Business" aufziehen. 

Zum plötzlichen Tod des Schlagzeugers von Crystal Fighters Andrea Marongiu, hatten wir uns erlaubt, ein Bild von der Fotogalerie seiner offiziellen Homepage zu verwenden. Monate später mahnte der Fotograf uns für die Verwendung des Fotos ab, obwohl er es via Creative Commons Lizenz für die kostenlose Nutzung im Netz frei gegeben hatte. Die Lizenz besagt, dass der Name des Fotografen genannt werden müsse. Da dieser Hinweis auf der Galerie des verstorbenen Künstlers fehlte, konnten wir den Namen des Fotografen auf unserer Seite nicht nennen. 

Der Streitwert für diesen Lapsus wurde vom Anwalt auf schlappe 6000 Euro festgesetzt, außerdem verlangt der Fotograf ein Honorar in Höhe von 300 Euro für die Nutzung eines Bilds von einem Festival. 

Kosten der Abmahnung für uns insgesamt: 871,44 Euro, wobei der größte Teil an den Anwalt für den Versand eines läppischen Standard-Briefes ging. Eine einfache Mail hätte auch gereicht und wir hätten den Namen des Fotografen und sogar noch einen Link zu seiner Homepage ergänzt, wie das eigentlich üblich sein sollte.

Ein wenig Recherche zeigt, dass der Fotograf regelmäßig Fotos auf Wikipedia unter Creative Commons Lizenz zur kostenfreien Nutzung veröffentlicht. Dadurch erreichen seine Bilder eine große Reichweite und werden von diversen Seiten verwendet. Wobei manchmal die Nutzungslizenz abhanden kommt. Es scheint offenbar ein interessantes Geschäftsmodell zu sein, mit vermeintlich "freien" Bildern und der Creative Commons Lizenz Honorare einzutreiben, die man auf anderem Weg niemals erhalten hätte. Eine bewusst aufgestellte Falle?

Erst kürzlich hatte Jan Böhmermann für eine Diskussion ums Urheberrecht gesorgt, weil er von einem Fotografen für die Verwendung eines Bildes in gleicher Höhe abgemahnt wurde. Allerdings handelte es sich dabei tatsächlich um ein berühmtes Dokument der Zeitgeschichte von einem renommierten Fotografen. Und die Kosten der Abmahnung zahlt im Zweifel das ZDF aus seiner Portokasse, also die Gebührenzahler. Ganz anders als in unserem Fall. Der Fall Böhmermann wurde vom SZ-Autor Dirk von Gehlen in seinem Blog so kommentiert:

"Um es im Duktus des Abendblatts zu sagen: Wenn sogar ein Medienmensch wie Böhmermann nicht mehr richtig durchsteigt, was geht und was erlaubt ist, sollten wir vielleicht mal über die Ausgestaltung des Urheberrechts sprechen – statt einfach nur darauf hinzuweisen, dass es existiert."

Auch der Satireblog Schleckysilberstein hatte kürzlich eine Abmahnung bekommen für die Verwendung eines Fotos von einem öffentlichen Aushang. Mehrere deutsche Blogs mussten bereits schließen, da sie das Risiko für die absurden Kosten einer Abmahnung nicht mehr tragen wollten.

Unser Vorschlag für die nächste Reform des Urheberrechts: Fotos dürfen erst nach vergeblicher Kontaktaufnahme abgemahnt werden. Schließlich werden Honorare üblicherweise auch direkt zwischen den Parteien verhandelt - und nicht über einen Anwalt. Hätte der Fotograf uns einfach eine angemessene Rechnung geschickt: er wäre wohl im Recht gewesen. Er hätte uns natürlich auch einfach einen freundlichen Hinweis schicken können, um das Andenken an einen Verstorbenen nicht in den Dreck zu ziehen.

Die Rechtslage ist klar geregelt, aber Fehler sind menschlich. Nirgendwo wird das Gesetz so gnadenlos und ohne Augenmaß ausgelegt wie im Netz. Es muss auch für Publisher endlich eine Rechtssicherheit geben, sofern es sich nicht um die geschäftsmäßige Ausnutzung von Kreativen geht. Honorare für Netzbildchen in Höhe von 300 Euro und Streitwerte in Höhe von 6000 Euro für ein einzelnes Bild in der Größe von 450x300 Pixeln sind absurd. Es sollte endlich darüber diskutiert werden, was Fotos im Netz heute überhaupt noch wert sind. 

Das Bild ist inzwischen gelöscht, der Nachruf auf Andrea Marongiu muss bis auf Weiteres ohne sein Bild auskommen. R.I.P.

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