The Voice of Germany 2016: Vier gewinnen

Wie die Jury die Castingshow für ihre Promo nutzt

The Voice of Germany gilt allgemein als die "gute" Castingshow. Die Talente werden fair behandelt und mit Lob überschüttet. Leute, die unter hoffnungsloser Selbstüberschätzung leiden, erst gar nicht eingeladen. Aber am Ende gewinnt nur einer: die Jury.

The Voice of Germany 2016
Sie haben es geschafft und bestreiten die Battles bei The Voice of Germany 2016 (Bild: Homepage Pro 7)

In der vierten Staffel von "The Voice" hat es Publikumsliebling Samu Haber hat es mit seiner Band Sunrise Avenue auf Platz 1 der Albumcharts geschafft, pünktlich zum Start der Castingshow. Dabei ist der Finne nicht etwa Gewinner der Staffel, sondern Jurymitglied. Gleichzeitig veröffentlichte Kollege Rea Garvey sein neues Video "Oh My Love" und bewarb seine Tour in der Werbepause bei Pro 7. Die Fantastischen Vier brachten ihr neues Album "Rekord" heraus und waren in der Werbepause im Spot von "Sky Go" zu sehen. Und Silbermond brachten noch während der Staffel ihr Best-Of-Album heraus.

Wenn man auf die Charts schaut, geht es bei Castingshows nur selten um die Talente, sondern um die Coaches, die von langer Hand geplant jede Woche vor einem Millionenpublikum kostenlos Werbung für ihre aktuellen Releases machen können.

Für die Jury läuft es also wie geschmiert, "The Voice Of Germany" hat sich für sie zur lukrativen Promomaschine entwickelt, die zahlreiche Möglichkeiten eröffnet, von der medialen Dauerpräsenz zu profitieren. Viele Künstler würden wohl sogar dafür zahlen, um in der Jury dabei sein zu dürfen.

Die Jury von "The Voice Of Germany" 2016: Samu Haber, Yvonne Catterfeld, Smudo und Michi Beck und Andreas Bourani.

So massiv wie ausgerechnet bei "The Voice of Germany", der Show bei der es doch angeblich nur um gute Stimmen geht, haben sich Jurymitglieder einer Castingshow noch nie in den Vordergrund gespielt. Immer wieder werden Songs der Jury-Mitglieder performt und danach - natürlich ganz spontan - nochmals im Duett dargeboten.

All das findet auf dem Rücken der Castingteilnehmer statt, die zu Randfiguren einer Personality-Show degradiert weden. Viele davon sind professionelle Musiker mit langjähriger Bühnenerfahrung, die sich von der Show endlich den ganz großen Durchbruch erhoffen. Aber der wird wohl ausbleiben. So wie bei den meisten Gewinnern der Show.

Die Karrieren der bisherigen Gewinner von The Voice of Germany:

Ivy Quainoo, Siegerin der ersten Staffel konnte mit ihrem Debütalbum zwar einen Erfolg erzielen, doch das zweite Album verkaufte sich kaum mehr und war nur 3 Wochen in den Top 100 der Charts und das trotz unzähliger TV-Auftritte. 

Nick Howard, Gewinner der zweiten Staffel, hat seinen Major-Plattenvertrag direkt nach der Show wieder verloren und bringt nun wieder in Eigenregie seine Platten heraus, von denen allerdings nur noch die beinharten Fans erfahren. 

Andreas Kümmert, Vollblut-Blueser und Sieger der Staffel 2013, tingelte nach seinem Sieg weiter durch Bars und Cafés bis er den Vorentscheid zum Eurovision Song Contest 2015 mit haushoher Mehrheit gewann, aber noch während der Show seine Teilnahme absagte. Offenbar spürte er, dass es bei den TV-Shows eben doch nicht nur um seine Stimme ging, sondern um ein reines Medien-Spektakel.

Charley Ann Schmutzler, die Gewinnerin aus 2014 war mit ihrem Siegersong "Blue Heart" 5 Wochen in den deutschen Charts (Top-Platzierung: 3) und hat sich anschließend wieder auf ihre Schauspielkarriere konzentriert. Eine damals geplante Tour sagte sie kurzerhand ab. Offenbar war sie sich darüber klar, dass nach der Show nicht viel bleibt vom schnellen Ruhm.

Jamie-Lee Kriewitz durfte nach ihrem Sieg 2015 mit ihrem Siegersong auch beim Eurovision Song Contest antreten und landete auf dem allerletzten Platz. Ein vorhersehbares Debakel, denn das lahme "Ghosts" war auch direkt nach seiner Erstveröffentlichung kein Hit. Warum also sollte es dann beim Grand Prix was reißen können? Offenbar wurde sie von ihren erfahrenen Coaches Smudo und Michi Beck nicht gut beraten. Ihre Karriere dürfte damit wohl beendet sein, bevor sie richtig begann. Die Coaches durften bleiben.

In Deutschland sind Castingshows nicht der Anfang einer Karriere, sondern Teleshopping-Sendungen für die Jury

Auch in der aktuellen Staffel sind wieder einige herausragende Stimmen zu hören. Der gestandene Schweizer Bluesman Marc Amacher könnte den Erfolg von Andreas Kümmert wiederholen und sich so immerhin eine größere Öffentlichkeit für seine Band erspielen.

Der hübsche Danyal Demir wird sich zweifellos in die Herzen der Mädchen singen und würde sich auch gut auf dem Titel der Bravo machen. Die Soul-Sängerin Jayla Brown sieht in "The Voice" eine letzte Chance auf eine Karriere als Solosängerin.

Doch all diese Hoffnungen dürften sich am Ende genauso in Ernüchterung umschlagen, wie bei den Gewinnern der vergangenen Staffeln. Wer bereits professionell auf der Bühne steht wird sein Publikum möglicherweise erweitern können. Alle anderen sollten sich überlegen, ob sie nicht im falschen Format gelandet sind.

Wer an einer Castingshow teilnimmt, muss sich darüber im Klaren sein, dass der Erfolg solcher Shows nur eine sehr kurze Halbwertszeit hat. Das große Geld machen andere. Und wer nicht gewinnt, hat meistens auch gar keine Chancen mehr auf eine Musikkarriere, denn die Teilnahme an einer Castingshow vor Millionenpublikum und der zwangsläufige Fall danach, wenn die Show vorbei ist, gilt in der Branche und beim Publikum als Makel.

Es sei denn man tingelt als Klatschspalten-Star weiter durch die Gegend, so wie Pietro und Sarah Lombardi. Einzig Alexander Klaws konnte sich mit einiger Hartnäckigkeit seit der ersten Staffel DSDS halten und sich eine Karriere als Musical-Darsteller aufbauen.

Bill Kaulitz kann von Glück reden, beim Casting für "Star Search" bereits in der Vorrunde sang- und klanglos gescheitert zu sein, so dass sich keiner mehr daran erinnern konnte, als Tokio Hotel ganz groß raus kamen. Dass er wenige Jahre später selbst in einer Jury saß und über heute längst wieder vergessene Talente urteilte, die ihm stimmlich haushoch überlegen waren, ist eine Ironie der Castingshow-Geschichte. Und bezeichnend für das Format "Castingshow".

"Stay away from drugs…. and talent judges!"

Man sollte sich also genau überlegen, ob man als ambitionierter junger Künstler wirklich bei einer Castingshow mitmachen sollte oder nicht lieber wartet, bis man bekannt genug ist, um gleich in der Jury zu sitzen.

Wie zum Beispiel Tim Bendzko, der selbst nie an einer Castingshow teilgenommen hat und trotzdem rasend schnell aufstieg, dem Radio und seinem cleveren Management sei Dank. Man braucht heute keine Castingshow, um mit Musik den großen Durchbruch zu schaffen. Die Chancen auf langfristigen Erfolg sind sogar besser, wenn man seine Karriere langsam und schrittweise aufbaut anstatt sich von einem TV-Sender innerhalb nur einer Staffel verheizen zu lassen. Das Internet eröffnet talentierten Künstlern heute eine Vielfalt an Möglichkeiten, sich selbst Gehör zu verschaffen und seine eigene Musik zu promoten

Hört lieber auf Iggy Pop, der auf seinem Vortrag anlässlich der John Peel Lecture dem Nachwuchs folgenden wichtigen Satz mit auf den Weg gab: “stay away from drugs…. and talent judges”!

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