Wahre Fans wollen Originale

Ein Interview mit André Alpar, dem Betreiber der CD-Tauschbörse Hitflip
Tauschbörsen haben im Netz nach wie vor Hochkonjunktur. Nachdem zahlreiche Filesharing-Anbieter dicht machen mussten, kommen nun mehr und mehr CD-Tauschbörsen auf den Markt. Neben Tauschticket.de und Lala.com eröffnete vor kurzem Hitflip.de ein weiteres Tauschportal für CDs und DVDs. Udo Raaf befragte den Betreiber André Alpar zu dem neuen Angebot.



[Herr Alpar, sind sie dabei, der Musikbranche ihr Geschäft mit Tonträgern endgültig zu ruinieren?]

Sicherlich nicht! Kein neues Geschäftsmodell wird die Musikbranche ?ruinieren?. Musik ist sehr wichtig im Leben vieler Menschen und solange das so ist, werden Plattenlabels gutes Geld mit Musik verdienen. Wir sind eher eine effiziente und internetbasierte Version des Musik-Second-Hand-Ladens um die Ecke. Es ist doch so, dass sich der Musikgeschmack mit den Lebensjahren ändert. Früher habe ich vielleicht Heavy Metal gehört und heute vielleicht eher Reggea oder Jazz. Meine Musiksammlung tausche ich dann eben bei Hitflip. Zudem sehe ich Hitflip als einen Weg, Nutzer, die bislang illegale Tauschbörsen nutzten, in die Legalität zu verhelfen. Insofern teilen wir die gleichen Interessen wie die Musikindustrie.

[Was bietet Hitflip seinen Kunden?]

Hitflip bietet seinen Mitgliedern eine einfache, sichere, kostengünstige und legale Peer-2-Peer-Tauschplattform für Musik-CDs, Hörbücher, Spiele, Bücher und DVDs. Der Tausch ist ganz einfach, denn um Artikel zum Tausch anzubieten muss man lediglich die EAN (Zahl unter dem Barcode) eingeben. Der Rest geht automatisch. Das Erstellen einer Internetauktion oder das Verkaufen auf einem Internet-Gebrauchtmarkt ist immer deutlich komplizierter.

[Und was kostet das?]

Pro Tausch zahlt man 99 Cent an Hitflip. Darin ist eine Versicherung enthalten. Sollte der Artikel schadhaft sein, bekommt man Flips erstattet und kann sich damit etwas Neues ertauschen. Wo sonst kann man für 99 Cent ein komplettes Album bekommen? Klar, man muss dafür auch noch selbst eine Musik-CD auf eigene Kosten verschicken, aber wenn man die bei Hitflip eingestellt hat, mag man sie wahrscheinlich ohnehin nicht mehr. Aus subjektiver Perspektive ist der Wert dessen, was ich verschicke, verschwindend gering im Vergleich zu dem, was ich bekomme. Übrigens gibt es bei uns keine Einstellgebühren. Solange ich also meine Artikel nur anbiete, bezahle ich nichts. Erst bei erfolgreichem Tausch fällt die Gebühr an.

[Wie stellen Sie sicher, dass die getauschten CDs auch verschickt werden und es sich um legale Original-CDs handelt?]

Zunächst einmal muss man klarstellen, dass mehr als 99% der Tauschtransaktionen problemlos verlaufen, d.h. es wird Originalware verschickt, die problemlos ankommt. In wenigen Fällen gibt es Probleme und vereinzelt versenden Mitglieder wider unsere AGB Fälschungen. Unsere Mitglieder stellen selbst sicher, dass das auffällt. Wenn bei jemandem eine Fälschung ankommt, meldet er sich umgehend beim Hitflip-Support. Man schickt uns die Musik-CD, wir checken sie und gehen dann den User an, der sie versendet hat, falls es wirklich eine Fälschung ist. Dann findet sich meistens recht schnell eine Lösung, denn derjenige möchte bestimmt nicht, dass der Vorgang an die Behörden weitergeleitet wird. Es ist eine Art soziale Kontrolle der Hitflip-Mitglieder untereinander.

[Künstler und Labels gehen bei Hiflip allerdings leer aus. Werden durch Ihr Angebot zukünftig nicht deutlich weniger CDs verkauft werden, weil sich der Second-Hand-Markt immer mehr vergrößert?]

Ein funktionierender Zweitmarkt senkt immer die Kaufschwelle im Erstmarkt. Wenn man etwas einfach weiter verkaufen kann, hat man viel weniger Hemmungen, zuzugreifen. Aber die Frage zielt meiner Meinung nach in eine falsche Richtung und verkennt das Potential von Hitflip. Hitflip als Tauschplattform kann nie bei aktuellsten Musik-Bestsellern besonders gut sein, sondern eher im Long-Tail-Bereich, d.h. in der Tiefe und Vielfalt des Angebots. Dadurch, dass wir kein Lager haben wie ein Onlineshop, sondern die Artikel bei den Mitgliedern daheim lagern, werden wir früher oder später das größte Angebot an Musik-CDs bieten ? im Idealfall alle Alben, die es überhaupt gibt. Das ist das besondere an Hitflip. Alte und ausgefallene Sachen sind bei uns immer gut verfügba. Die neuste CD eines berühmten Künstlers ist meist häufig nachgefragt und wenig angeboten. Das gilt natürlich für DVDs und andere Artikel auf Hitflip ebenso. Das kann eigentlich kein anderer Markt so gut hinbekommen wie Hitflip.

[Nicht wenige Künstler und kleinere Labels leben aber doch gerade von ihrem Backkatalog.]

Im Gegenteil. Das meiste Geld wird mit aktuellen Titeln gemacht. Gerade bei Künstlern sind die Plattenverkäufe doch nur eine der verschiedenen Einkunftsquellen. Der Markt für Konzerte ist heutzutage größer als der der Plattenverkäufe. Dann gibt es da auch noch Merchandise. Und nicht zu vergessen die GEMA. Diese anderen ? für Künstler von Plattenverkäufen völlig unabhängigen ? Einkunftsquellen bleiben von möglichen verminderten Absatzzahlen ihrer alten Titel völlig unbeeinflusst.

[Was sagen Sie einem Label, das Ihnen vorwirft, ihr Geschäftsmodell auszuhöhlen und von der Arbeit der Künstler zu profitieren?]

Das Musikalbum, das ich für 15 Euro gekauft habe, gehört doch mir. Was ich damit mache ist allein meine Sache. Ob ich die bei eBay versteigere, bei Amazon als Gebrauchtartikel verkaufe, einem Freund schenke oder bei Hitflip tausche. Wenn jemand anderes die Musik-CD nicht neu kaufen will, dann wird er einen anderen Weg finden und Hitflip ist hierzu nur eine weitere von vielen Alternativen.

[Nach MP3-Tauschbörsen nun also CD-Tauschbörsen. Musik wird heute immer weniger neu gekauft, sondern kopiert und schließlich weiter verkauft. Wie sehen sie die Zukunft der Musikbranche? Womit können Künstler und Label ihre Arbeit zukünftig überhaupt noch finanzieren?]

Illegale MP3-Tauschbörsen kann man nicht mit der legalen Tauschplattform Hitflip vergleichen. Unsere Mitglieder behalten keine Kopie der Musik-CD sondern verschicken das Original weiter. Es wird auch weiterhin ausreichend Nachfrage nach aktuellen Titeln geben. Diese werden entweder auf dem klassischen Wege erworben oder über legale Download-Angebote herunter geladen. Wir denken, dass für Neuware auch noch Preisspielraum nach oben besteht. Wer haben möchte, was gerade ?in? ist, bezahlt auch mehr dafür. Gerade kleinere bzw. unbekannte Künstler können Hitflip auch als Plattform sehen, auf der sie im Rahmen von Diskussionsforen und Interessengruppen, die in Vorbereitung sind, ihre Fangemeinde erweitern können.

[Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang den CD-Kopierschutz, der inzwischen von einigen größeren Labels eingesetzt wird? Ist dieser für einen Anbieter wie Hitflip nicht schädlich?]

Wir möchten nicht, dass unsere Mitglieder CDs kopieren und verbieten dies in unseren AGB ausdrücklich. Insofern begrüßen wir diese Schritte. Allerdings muss sich die Musikbranche auch fragen, ob sie mit solchen Bemühungen nicht Hemmschwellen zum Kauf von CDs aufbaut und damit illegalen Downloads Auftrieb verschafft.

[Kopierschutz und hohe Preise schrecken also die Käufer ab und CDs ohne Kopierschutz werden massenhaft vervielfacht über ausgeklügelte Systeme wie zum Beispiel ihres ? droht nun also das Ende der Musikindustrie wie wir sie kennen?]

Wahre Fans werden immer das Original haben wollen, ob mit oder ohne Kopierschutz. Solange das so ist, werden Plattenlabels immer an der Musik verdienen können.

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