Warum Facebook sich schon bald erledigt haben könnte

Weniger geteilte Inhalte, mehr Hass und Zensur

Facebook wurde schon häufiger mal der baldige Tod vorhergesagt, doch die Zahlen zeigen, dass die Aktivität auf dem größten Social Network dramatisch nachlässt. Der Anfang vom Ende?

Das Misstrauen gegen Facebook wächst

Zugegeben, ich war noch nie ein großer Fan von Facebook. Eine angeblich soziale Plattform, die per Algorithmus entscheidet, welche meiner Nachrichten meine Freunde zu sehen bekommen und welche nicht, ist so ziemlich das Letzte, was man im Leben braucht. Man wirft ja auch keine Postkarte in den Briefkasten und lässt die Post dann entscheiden, ob sie sie gnädigerweise zustellt. 

Aber nicht nur die private Seite, auch die Facebookseite von Tonspion wird derart reguliert, dass letztlich nur lustige Gifs und Themen jenseits der Musik bei Facebook wirklich sichtbar werden, während Posts mit Musik von Facebook weitgehend ausgeblendet werden. Von 22.000 Fans bekommen häufig nicht mal 500 sie überhaupt zu sehen. Klar, die Leute sind natürlich nicht wegen Musik auf Facebook. Und was nur einen kleinen Teil der Leute interessiert, interessiert wiederum Facebook nicht. 

Inzwischen ist die gesamte Musikpresse auf Facebook fast unsichtbar geworden, außer sie veranstaltet eine dieser letztlich komplett verzweifelten Clickbaits um Aufmerksamkeit, während sich einige ehemalige Musikblogs inzwischen vollständig auf das Sammeln von Gifs verlagert haben. Zehnmal so viel Klicks für einen Bruchteil der Arbeit. Easy money. Das mag zwar alles manchmal recht lustig sein, ist aber vor allem eins: überflüssig wie ein Kropf.

Dramatischer Rückgang der Aktivitäten bei Facebook

Wer auf lustige Bildchen und Filmchen steht, findet diese überall im Internet, dafür braucht man kein Facebook. Tatsächlich sind die User-Aktivitäten von Facebook vom Jahr 2014 bis zum Jahr 2015 um rund 21 Prozent zurückgegangen, wenn man dem Tech-Blog The Information glauben darf. Über 60 Prozent aller Facebook Nutzer teilen demnach in einer Woche inzwischen keinen einzigen Inhalt mehr und signalisieren damit, dass sie eigentlich kein interesse daran haben, ihr Privatleben auf Facebook öffentlich zu machen. Möglicherweise, weil sie der Plattform nicht trauen. 

Wissenschaftler aus Princeton prognostizierten 2014 sogar einen Rückgang der Facebook-Nutzerzahlen um 80 Prozent bis zum Jahr 2017. Bei ihren Berechnungen verglichen sie die Entwicklung bei MySpace mit denen einer Epidemie und zogen daraus ihre - möglicherweise gewagten - Schlüsse. Natürlich kann Facebook auf solche Studien reagieren. 

So hat Facebook etwa private Posts im vergangenen Jahr deutlich aufgewertet und professionelle Posts von Unternehmensseiten mehr und mehr ausgeblendet. Die können ja Werbung buchen, so die Milchmädchenrechnung. Also noch mehr Katzenbildchen. Noch mehr von den immer gleichen hyperaktiven Freunden. Noch weniger Überraschungen.

Hauptsache keine Musik!

Für uns als Musikmagazin rechnet sich das Engagement auf Facebook nicht wirklich. Nur rund 5 Prozent unseres Traffics kommt aktuell von Facebook, über 65 Prozent kommt nach wie vor und das seit vielen Jahren von Google und zwar von Menschen, die ganz gezielt nach Musik suchen. Nicht nach lustigen Gifs.

Unser redaktioneller Aufwand für Google: 0,0. Google indiziert unsere Beiträge und zeigt sie auf bestimmte Suchbegriffe an. Fertig. Unser Aufwand für Facebook: mehrere Stunden täglich muss man als Redaktion schauen, welche Artikel sich für ein schnelles "Like" eignen, einen Text dazu formulieren, der auf keinen Fall mehr als sechs Wörter haben darf, weil man mehr auf Facebook einfach nicht liest und wenn möglich, etwas mit Katzen oder einem aktuellen Aufregerthema zu tun hat. Hauptsache keine Musik! Denn die ist natürlich immer Geschmackssache und erreicht eben nur einen Bruchteil der Nutzer, die auf Facebook aktiv sind.. 

Facebook als Plattform für populistische Meinungsmache und Verschwörungstheorien

All das spielt aber auch gar keine Rolle, denn ein Argument wiegt am Ende viel schwerer als irgendwelche persönlichen Meinungen: in einer Zeit, in der ein mächtiger US-Konzern alleine entscheiden kann, was öffentlich gezeigt und was zensiert wird und sich diese Zensur bei nackter Haut oder dem F-Wort (in Deutschland völlig legal) einfach herausnimmt, aber grölende Nazi-Horden ihren Hass systematisch im Netz verbreiten lässt, dann ist das soziale Netzwerk endgültig zum asozialen Netzwerk degeneriert, das uns mehr schadet als nutzt. 

Wer heute einen Artikel von Spiegel Online auf Facebook lesen möchte, bleibt am Ende in der Kommentarspalte hängen mit offenem Mund, baff erstaunt wie radikal und unreflektiert die Menschen hier inzwischen ihren Hass absondern dürfen - ohne dass irgendwer einschreitet. Jeder kann auf Facebook seine ganz persönliche Verschwörungstheorie in Windeseile ungeprüft in die Welt befördern und verbreiten. 

Nach wie vor verbringen junge Leute über eine Stunde täglich auf Facebook, doch man fragt sich mehr und mehr: womit eigentlich? Es gibt inzwischen sogar Magazine, die Nachrichten nur noch erfinden. Einfach nur, weil diese haarsträubenden Pseudo-News auf Facebook besser klicken als die echten Nachrichten. Und viele Menschen den Wahrheitsgehalt anscheinend nur noch halb so wichtig finden, wie den schnellen Kick einer kreischenden Headline im endlosen Newstream. 

Aber irgendwann werden auch mehr und mehr Menschen merken, dass Facebook letztlich nichts als eine riesengroße Zeitverschwendung ist, verlorene Lebenszeit. Wie eine Sucht, die man nicht mehr hinterfragt. Irgendwann wird es sinnvollere Angebote geben, mit denen man seine Zeit besser verbringen kann. So war es bei MySpace, so wird es auch bei Facebook kommen. Es ist nur eine Frage der Zeit. 

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