Web 2.0: Don`t believe the hype!

Wer braucht eigentlich ein Web 2.0?

Es ist erst ein paar Jahre her, seit das Internet Einzug in fast jedes Büro und jede Privatwohnung gehalten hat. Während der Großteil der Bevölkerung gerade noch mühsam lernt, wie man sich darin eigentlich zurechtfinden soll, faseln einige Experten schon von einem Web 2.0. Warum das Quatsch ist - ein Kommentar.

RSS, Podcast, Blogging, Social Software, Wiki... wie viele neue Begriffe musste man in den letzten Jahren mühsam erlernen, nur um immer wieder fest zu stellen, dass der neueste Netz-Hype vielleicht ja ganz nett und hilfreich, dann aber auch nicht wirklich etwas weltbewegendes war.

MP3 hat die Welt bewegt! Zum ersten Mal konnte man Musik in CD-Qualität in kürzester Zeit durchs Netz schicken. Filesharing war auch etwas weltbewegend und hat dafür gesorgt, dass heute zwar jeder Musik hört, aber kaum noch einer dafür bezahlt. Weil die Musikindustrie tatsächlich so blöde war, ihr Geschäftsmodell nicht rechtzeitig auf die neuen Gegebenheiten umzustellen. Das waren wirkliche Paradigmenwechsel.

Doch die Weiterentwicklungen des so genannten Web 2.0 sind bei näherer Betrachung eigentlich gar nichts so furchtbar Neues. Podcasts sind Radiosendungen, die im MP3-Format veröffentlicht werden. Na und? Muss jetzt wirklich jeder ein Radiomoderator werden und über seine spannenden Erlebnisse vor dem heimischen Rechner berichten? Och nö, lass mal.
Blogs hießen früher "Homepage" und sahen zwar meistens hässlicher, dafür aber auch irgendwie individueller aus. RSS-Feeds bieten einen Nachrichtenüberblick über individuell zusammengestellte Webseiten. Früher hieß das "Bookmarks" oder "Lesezeichen" und war bzw. ist auch nicht viel uneffektiver.

Über so genannte Social Software kann man angeblich den Partner fürs Leben, für Sex oder fürs Business treffen. Ja sicher, man kann aber auch einfach mal wieder ausgehen und seinen Arsch in die Realität 1.0 bewegen. Denn dort sind die Chancen, Geschäfte zu machen oder die richtigen Leute kennenzulernen mindestens dreimal so hoch. Wer will schon mit jemandem zu tun haben, dessen Stimme man noch nie gehört oder mit jemandem knutschen, dessen Atem man noch nie gerochen hat?
Okay, vielleicht hat heute schon so mancher sein Glück im Internet gefunden, aber da gab`s auch schon früher eine Erfindung namens Partnervermittlung. Dort konnte man wenigstens noch sehen, wem man seine persönlichen Daten überlassen hat. Ganz im Unterschied zu den unzähligen Anbietern, die jetzt neben dem Wohnort, Mailadressen, Kontonummern, Geburtsdaten jetzt auch noch die sexuellen Vorlieben ihrer Schäfchen kennen.

Nichts wirklich Neues also im Web 2.0 und das ist wohl auch der Grund, warum man wohl noch lange auf dieses Update wird warten müssen. Schließlich gibt es ja auch im "ganz normalen" wildwild Web auch noch viel zu tun. Vernünftige Inhalte mit Sinn und Verstand sucht man oft noch vergeblich. Zum Beispiel Musik. Wohl dem, der weiß, wo im Netz er diesen oder jenen neu erschienenen Remix zum Download findet. Und zwar legal und ohne Kopierschutzquatsch. Da kann man schon mal eine Stunde da sitzen, willig anderen Menschen sein Geld zu geben und dann doch nicht fündig werden. (Wer übrigens "Young and Beautiful" von Kid Alex im Egoexpress-Remix oder den Balearic-Remix von Depeche Modes "Precious" irgendwo legal gefunden hat, der schreibe mir bitte einen Brief!).

"Orientierung" heißt das Zauberwort, das, was in der noch jungen Netzwelt immer noch so dringend gebraucht und doch kaum geboten wird. Schließlich sind die meisten professionellen Seiten dazu gemacht, die Leute auf irgendwelche Shopangebote zu locken, also eigentlich zu des-orientieren, um ihnen bei dieser Gelegenheit hinterrücks das Geld aus der Tasche zu ziehen. Und das funktioniert erstaunlich einfach, wenn man nur dreist genug ist. Wie die frustrierten Kunden von simsen.de, Firstload.de oder Probenexpress.de leidvoll erfahren mussten.

Andere, etwas menschenfreundlichere Firmen wiederum, die sich im trendigen Licht des Web 2.0 sonnen möchten, lassen einfach durch die User ihre Inhalte erstellen, um allerdings die Werbeeinnahmen der aufgerufenen Seiten selbst einzustreichen. Das ist zwar ein elegantes Geschäftsmodell, aber nicht wirklich die Lösung für die Probleme und Kinderkrankheiten des Internt. Das ist doch noch so jung und braucht unsere Pflege, damit es groß und stark wird. Übrigens benutzen nach wie vor die allermeisten Nutzer das Internet hauptsächlich dazu, um - ganz oldshool - E-Mails zu verschicken.

Das Web 2.0 kann also warten, so lange die Leute noch damit beschäftigt sind, das Potenzial von Web 1.0 zu begreifen und so langsam lernen, sich darin fort zu bewegen. Wir haben doch Zeit!

Auch auf der Web 2.0-Musterseite Wikipedia (hieß früher Lexikon und war irgendwie zuverlässiger) tobt ein heißer Kampf um den Begriff Web 2.0. Er wurde zur Löschung vorgeschlagen. (ur)

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