Welchen Wert hat Musik?

Zwischen steigenden Umsätzen und Endzeitstimmung - Musikbranche 2008
Auch im Jahr 10 nach Napster hat die Musikindustrie die Flut von kostenloser Musik im Internet nach wie vor nicht unter Kontrolle. Sämtliche Versuche sind gescheitert. Jetzt stellt sich die Frage: Wie geht es weiter?



Die fetten Jahre sind vorbei
Eines ist klar: nichts wird mehr, wie es mal war. In den Neunziger Jahren erlebte die Musikbranche einen Boom durch den Massenmarkt für CDs. Jeder wollte seine alten Lieblingsplatten auch im digitalen Sound erleben und war gerne dafür bereit, Geld auszugeben. Und davon war reichlich vorhanden, schließlich war damals weder die DVD ein Thema, noch der iPod, ganz zu schweigen von Spielen, deren Umsatz sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht hat. Und Musik gab es in erster Linie im Laden. Entsprechend wurde die Branche groß, satt und aufgebläht und machte es sich in ihrem Wohlstand gemütlich. Doch der sollte nicht lange andauern.

Musik im Überfluss
Heute stellt sich die Situation ganz anders dar. Die MP3-Revolution war keine klangtechnische. Kein Mensch sieht sich genötigt, MP3-Dateien zu kaufen, die ja - seien wir ehrlich - doch eher schlechter klingen als Musik auf CDs. Die MP3-Revolution hat vielmehr die Schleusen geöffnet: Musik ist im Überfluss verfügbar und kann überall und von jedem bereit gestellt werden. Jeder pumpt seine Musik in den großen Strom von Bits und Bytes, der durch die Leitungen rauscht und die Leute suchen sich ihre eigene Wege, wie sie diese Unmengen an Daten filtern und für sich verwerten. Eine hoch komplexe Angelegenheit, die viele Leute schlichtweg überfordert und mit viel Arbeit und Zeit verbunden ist. Musik, die kostenpflichtig in Shops bereit gestellt wird, ist eben nur noch einer von vielen Wegen, an Musik zu gelangen. Dass trotzdem inzwischen immer mehr Leute Musik bei iTunes und Co. kaufen, ist fast schon verwunderlich, wenn man sich überall viel günstiger Musik besorgen kann.

Hat "umsonst" gewonnen?

Trotzdem herrscht momentan in Branche und Medien ein schlichtes schwarz-weiß Denken vor. Während die einen unaufhörlich nach neuen Gesetzen rufen, um den technischen Fortschritt künstlich zu stoppen, rufen die anderen das Ende der Musikbranche aus und basteln an ihrem ganz persönlichen Endzeitszenario. "Umsonst hat gewonnen!" betitelt das Deutschlandradio etwa seinen Beitrag, in dem mehrere Macher der Musikbranche befragt werden, wie es nun weitergeht. Dass selbst alte Hasen nicht mehr daran glauben, dass man mit Musik jenseits der Top 10 noch etwas verdienen kann, ist kein Wunder, wenn man sich die aktuellen Verkaufszahlen anschaut. Viele kleinere Labels und Vertriebe, die ihr hoch riskantes Geschäft mit Leidenschaft und Herzblut betreiben, blicken seit Jahren täglich der drohenden Insolvenz ins Auge und sind inzwischen zermürbt, durch das, was da im Netz mit der Frucht ihrer Arbeit passiert. Denn sie können es nicht ändern.

Der Markt hat sich verändert, der Hörer auch
Und trotzdem: Musik wird geliebt, gehasst und gesammelt wie eh und je. Vielleicht sogar noch mehr, als früher, weil der Hörer heute nicht mehr nur hört, was ihm das Formatradio, MTV oder der NME vorsetzen, sondern weil er heute viel schneller und einfacher zu der Musik vorstößt, die ihn wirklich interessiert und berührt. Weil der Normalouser heute um ein vielfaches besser informiert ist, was es überhaupt so gibt. Weil jeder im Bekanntenkreis mindestens einen vertrauenswürdigen Spezi mit bestens sortierter Festplatte hat, die man sich in ein paar Minuten kopiert hat. Jeder DJ kann heute erstaunt feststellen, dass die Leute nicht mehr nach irgendwelchen altbekannten Hits fragen, sondern Bandnamen kennen, die vor ein paar Jahren vielleicht nur ein paar Eingeweihten ein Begriff gewesen wären.

Klangtechnischer Schrott bei YouTube & Co.
Die Aufgabe, die sich heute stellt, ist bestimmt schwierig, aber nicht unmöglich. Es geht nicht darum, den technischen Fortschritt einzudämmen und es geht auch nicht darum, aufzugeben und sich neue Geschäftsfelder zu suchen. Denn nach wie vor ist es heute schwierig, einfach und günstig an qualitativ hochwertige neue Musik zu kommen. Die unglaubliche Masse, das bunte Rauschen im Netz ist in Wahrheit das Problem unserer Zeit, denn Qualität ist auch heute noch Mangelware. Die Tauschbörsen und iPods sind überschwemmt von minderwertigen Musikfiles, die irgendjemand irgendwo in der Welt in fragwürdiger Qualität möglicherweise per Radiorekorder aufgenommen und ins Netz gestellt hat. Für den Hörer ist das kaum mehr nachzuvollziehen. Ob bei YouTube, Last.FM oder MySpace: überall klangtechnischer Audio-Schrott, der von den Massen mangels hochwertiger Alternativen konsumiert wird. Am besten noch über billige Plastik-Lautsprecher-Boxen, die man an den Rechner klemmt. Angebote, die für geprüfte Qualität stehen, die dem Nutzer das umständliche Suchen erleichtern und die gleichzeitig eine erstklassige und breite Auswahl in ihrem Repertoire haben, werden auch künftig Menschen erreichen, die für ihre Leidenschaft Musik und ihre Lieblingskünstler gerne auch Geld ausgeben.

Willkommen in der Normalität!
Es gibt noch kein solches Angebot, auch zehn Jahre nach Napster! Kein einziger Downloadshop bietet umfassend qualitativ hochwertige MP3-Downloads von allen relevanten Labels und darüber hinaus ein entsprechendes Serviceangebot an Information und Technik, so dass sich der potenzielle Kunde einfach zurecht findet und wohl fühlt. Es hilft also kein (Ver-)Klagen, sondern nur die Ärmel hochzukrempeln und solche Angebote aufzubauen, die Musikfreunden eine echte Alternative zu Tauschbörsen, fragwürdigen Radiorekordern oder fremden Festplatten bieten. Leute, die sich damit zufrieden geben, kann man als Kunden getrost vernachlässigen, schließlich gab es auch früher schon Kassettenrekorder und CD-Brenner, auch zu Zeiten, als die Musikbranche noch optimistischer in die Zukunft schaute als heute. Übrigens: die Umsätze der Musikindustrie befinden sich heute in etwa auf dem Niveau vor der höchst lukrativen Einführung der CD. Willkommen in der Normalität!

Udo Raaf / Tonspion.de

Danke an Swen für seinen interessanten Beitrag zum Thema.

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