Wie Adblocker das Internet verändern

Nach Bild-Aktion: Aufwind für Adblocker

Mit einem Adblocker-Blocker hat Bild.de letzte Wochen für Aufsehen - und viel Häme - gesorgt. Doch Adblocker sind dabei unser Netz zu verändern. Und das geht uns alle an, meint Tonspion-Gründer Udo Raaf. 

Rund 30 Prozent blocken Online-Werbung, Tendenz steigend

Auch wir sind als rein werbefinanziertes Online-Magazin von der massiven Verbreitung von Adblockern, die sich vor allem in Deutschland großer Beliebtheit erfreuen, betroffen. Ausgerechnet hier bei uns werden Adblocker weltweit am häufigsten genutzt. Rund 30 Prozent unserer Nutzer tragen inzwischen nicht mehr zur Re-Finanzierung unserer Seite bei, in dem sie Werbung kategorisch blocken und zwar jegliche, egal ob nerviges Banner oder dezenter Textlink.

Es gibt also für uns entweder die Möglichkeit 30 Prozent mehr Werbung auf die Seite zu packen oder auf das Geld zu verzichten, das in unserem Fall direkt in redaktionelle Inhalte oder die Weiterentwicklung unserer Seite fließt. Und so geht es allen, die im Netz publizieren und nicht von einer großen Marke im Rücken subventioniert werden.

Auch Wired.com ist auf Werbung angewiesen.

Dass die Preise für Online-Werbung aufgrund der großen Konkurrenz im Netz seit Jahren im Keller sind, dürfte sich längst herum gesprochen haben. Für 1000 Seitenaufrufe bekommt man bei Google nicht mal mehr einen Euro, was heißt, dass wir bei den allermeisten Beiträgen, die nicht direkt den Mainstream ansprechen, sogar drauf zahlen müssen. 

Die Adblocker sind also nicht alleine dran schuld, dass sich in Deutschland jenseits des Mainstream und der etablierten Medien, im Netz keine Nischen mehr herausbilden können. Blogs sind selbst hier im wirtschaftlich so starken Deutschland immer noch nur als zeitaufwendiges Hobby denkbar und selbst die bekanntesten Blogger des Landes verdienen ihre Brötchen entweder als Berater oder durch andere Dienstleistungen für öffentlich-rechtliche oder private Medien und in den seltensten Fällen direkt mit ihrem Blog.

Seiten, die nicht nur mit Katzencontent und lustigen, im Netz zusammengeklauten Bildchen möglichst einfach Klicks generieren wollen, sondern auch etwas zu sagen haben, entstehen so nicht. Tonspion war vermutlich einer der ersten Blogs in Deutschland, der sich selbst über 15 Jahre lang wirtschaftlich getragen hat, aber es kommt nichts mehr nach. Und auch für uns wird die Luft immer dünner, was unmittelbar mit Adblockern, aber auch mit der Verlagerung aufs Smartphone zu tun hat, wo der Raum für Werbung noch enger wird.

Abb. Bild.de Adblocker-Blocker

Die Entwicklung ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Denn tatsächlich experimentieren viele Verlage damit, wie sie auch im Netz endlich Geld verdienen können. Nicht nur für Bild.de, auch alle anderen ist es lebensnotwendig, entweder über Werbung oder direkte Verkaufseinnahmen Umsatz zu machen. Eine dritte Möglichkeit ist, um Spenden zu betteln, wie es die Adblocker selbst machen. Was bei 40 Millionen Nutzern weltweit wesentlich einfacher ist als bei 200 000 Lesern eines Musikblogs. Aber letztlich sind auch Spendenaufrufe nichts anderes als Werbung. Ziemlich nervtötende dazu.

Auch der Blogger, der viele Stunden pro Tag Zeit in seinen Blog investiert, muss am Ende seine Miete zahlen. Das Prinzip ist exakt dasselbe wie bei den Verlagen, nur die Größenordnung ist eine andere. Niemand von uns kann und sollte ohne Bezahlung arbeiten. 

In den USA haben sich die Adblocker-Blocker schon weit verbreitet

Ein werbefreies Internet ist eine Illusion

Und so experimentierte Bild.de letzte Woche mit einem Adblocker-Blocker, nach dem Prinzip: schalte deinen Adblocker ab, um den Artikel lesen zu können oder zahle dafür und lies werbefrei. Grundsätzlich ist das der richtige, weil absolut logische Ansatz. Irgendwer muss den ganzen Spaß im Netz bezahlen. Wir reden hier weder über große Summen, noch ist die Werbung im Netz so unfassbar schlimm, wie viele immer tun. Beim privaten Fernsehen wird in Kauf genonmmen, dass der Bildschirm für 10 Minuten am Stück mit Werbespots belegt wird, die man nicht einfach wegklicken kann.

 

Spendenaufkommen Adblocker
Spendenaufkommen Adblocker

 

Ob der Schritt von Bild.de klug war oder nicht viel mehr die Existenz von Adblockern überhaupt erst ins Bewusstsein vieler User gerückt hat, wie das sprunghaft gestiegene Spendenaufkommen zeigt, sei dahin gestellt. Vielleicht hätten besser seriösere Medien wie Zeit.de oder Spiegel.de diese wichtige und wegweisende Aktion gemacht, um sie nicht auf ein billiges Bild-Bashing schrumpeln zu lassen. 

Aber am Ende ist das auch (fast) egal, denn Werbung wird es trotz Adblockern immer geben. Wenn alle sie blocken, wird sie sich andere Wege suchen und direkt in den Inhalt fließen. Die Texte werden zunehmend zu Werbetexten, die unblockierbar mit dem eigentlichen Inhalt verschmolzen sind. Weder für Adblocker erkennbar, noch für den Nutzer. Diese Entwicklung ist längst im Gange und viele experimentieren bereits damit. Auch alle seriösen Medien.

Wer Adblocker nutzt, beschleunigt diese Entwicklung letztlich nur und sorgt so nicht für die Abschaffung der Werbung, sondern für eine andere Form der Werbung: Native Advertising heißt dieses Zauberwort. Es stellt sich also grundsätzlich die Frage, was wir lieber haben: Werbung, die klar vom Inhalt abgegrenzt ist und jederzeit weggeklickt werden kann? Oder Werbung, die komplett mit dem Inhalt verwoben ist, und die letztlich kaum noch als solche erkennbar ist. 

Es ist unsere Wahl. Es ist deine Wahl. 

Udo Raaf ist Gründer von Tonspion.de, dem ersten Musikblog Deutschlands und Geschäftsführer von ContentConsultants und berät seit 2001 Firmen und Verlage zum Thema Online Marketing.

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