Wie das Akkordeon zum Volks-Instrument wurde

"Laut, leicht zu lernen, transportabel und billig"

Das Akkordeon ist aus der Pop- und Folk-Musik nicht mehr wegzudenken und konnte schon zu Zeiten seiner Erfindung rasend schnell die Welt erobern und war damals so hip wie das iPhone heute. Und das hat ganz einfache Gründe.

Akkordeon
Akkordeon

Die Anfänge des Akkordeons liegen in Wien

Das Akkordeon vereint viele wichtige Eigenschaften in einem einzigen Instrument. So ist es handlich und robust, überzeugt mit einem mächtigen Klang und kann auch rhythmisch einiges leisten. Selbst im Freien übertönt es bei Bedarf gekonnt den Wind und sorgt auch auf Festen dafür, dass jeder Ton gehört wird. 

Das Licht der Welt erblickte es im Mai 1823, als der Klavier- und Orgelbauer Cyrill Demian in Wien ein Patent beantragte. Seine Erfindung war ein kastenförmiges Gerät, das aus zwei Bodenplatten und einem Blasebalg bestand. Durch das Zusammendrücken ließ sich ein Luftstrom erzeugen, der die metallenen Stimmzungen in Schwingung brachte und Töne erzeugte. Weiterhin waren insgesamt fünf Tasten am Akkordeon angebracht, die während des Auf- und Zudrückens des Akkordeons verschiedene Töne von sich gaben. Für damalige Verhältnisse war das Akkordeon in der Tat eine geniale Erfindung und damit ein gleichermaßen sehr beliebtes Instrument, welches noch dazu leicht zu erlernen war – denn bei gerade einmal fünf Tasten konnte kaum etwas schief gehen.

Mittlerweile gilt das Akkordeon als eines der wichtigsten Instrumente der Volksmusik in vielen unterschiedlichen Ländern, was laut Musikjournalist Christoph Wagner vor allem an folgenden Faktoren liegen dürfte: „Das Ding war laut, leicht zu lernen, transportabel und billig.“ Für die Dörfler brachte dies den einfachen Vorteil mit sich, dass sie künftig nicht mehr auf die fahrenden Musikanten angewiesen waren, stattdessen reichte bei Bedarf ein einziges Akkordeon, um für Stimmung zu sorgen – und dabei konnten sowohl die leisen als auch lauten Stücke überzeugen. In dieser Zeit war das Akkordeon in Europa bereits in etlichen Regionen und Ländern im Einsatz, in Amerika sollte es jedoch erst etwas später Fuß fassen. Dorthin gelangte es im 19. Jahrhundert, als die Europäer in Scharen über den Atlantik fuhren und der robuste Musikkasten vielerorts mit von der Partie war. Gerade in Nordamerika wurde er schnell zu einem Dauerbrenner, aber auch Kolumbien, Argentinien und Mexiko zählten künftig zu den wichtigsten Absatzmärkten, in die europäische Akkordeon-Hersteller ihre Kreationen exportierten.

Etliche bekannte und berühmte Musikstile wurden in den folgenden Jahren durch das Akkordeon geprägt und mitbegründet:

• In Buenos Aires trafen die italienischen Einwanderer mit ihren Zugorgeln und die landflüchtigen Gauchos mit ihrem improvisierten Liedgesang aufeinander. Sie schufen den berühmten Tango Argentino, der aus einer Mischung aus Kultur, Einsamkeit und Verzweiflung ob der schlechten Lebensbedingungen und einem extremen Frauenmangel entstand.

• Deutsche Braumeister sorgten hingegen dafür, dass die Handorgel in der Stadt Monterrey im Norden Mexikos Fuß fasste und von dort aus in die ländlichen Regionen floss. Später traf dieser Rhythmus auf die amerikanische Folklore, woraus schließlich Texmex und Conjunto entstanden.

Ganz gleich, wo das Akkordeon in den kommenden Jahren und Jahrzehnten auch auftauchen sollte, sein Lied erzählte stets von Wehmut und brachte eine gewisse Schwere mit sich. Trotz allem konnte das Instrument jedoch niemals zu den ganz Großen aufschließen, sei es die Geige, das Klavier oder die Trompete. Gerade die klassische Musik wehrte sich immens gegen den Einsatz der „Schweineorgel“ und konnte die keuchende, schnaufende Melodie nur schwer mit den edlen Klassikinstrumenten vereinen. Das fehlende Notationssystem tat sein Übriges. Und so scheiterten letztendlich alle Versuche, das Akkordeon zu einem anerkannten Kunstinstrument zu machen. Den letzten Gnadenstoß erhielten die Fabrikanten schließlich in der Nazizeit, als das Akkordeon von den Nazis offiziell für den geselligen Bereich akzeptiert wurde, ihrer Meinung nach für die Kunst aber schlichtweg nicht tauglich sei.


Der Niedergang des Akkordeons?
Nachdem der Krieg vorbei war, begann eine neue Ära, in der vor allem die Rockmusik und mit ihr die elektrischen Gitarren oben auf waren. Dieser Trend hat sich erst in den letzten Jahren wieder geändert, nachdem die Quetschkommode im Pop-Genre abermals von sich Rede machte. Seinen erneuten Durchbruch hatte das Akkordeon zunächst bei Paul Simon, der 1986 die Platte „Graceland“ veröffentlichte und dort den südafrikanischen Sotho-Akkordeonisten Forere Motloheloa vorstellte – seitdem galt das Akkordeon als interessanter Zusatz in Popsongs, der außergewöhnliche Klänge mit sich brachte und dabei stets ein wenig Folklore im Sound mitschwingen ließ. Es folgten etliche weitere Künstler, die dem Akkordeon ungeahnte Aufmerksamkeit zukommen ließen, darunter beispielsweise: Bruce Springsteen, Tom Waits oder die Talking Heads.


Das war vor allem seinem ursprünglichen und bodenständigen Sound zu verdanken, bei dem Gefühle einfach noch authentisch und immer auch ein wenig melancholisch klingen. Und so scheint das Akkordeon auch in der heutigen Zeit einfach nicht totzukriegen, wenngleich es immer noch nicht die Beachtung findet, die es laut vieler Experten verdient.


„Die Vorzüge eines Blasinstrumentes in Verbindung mit den Möglichkeiten eines zweimanualigen Tasteninstrumentes, das außerordentlich große dynamische und klangliche Spektrum, sowie die dem Bogen eines Streichinstrumentes vergleichbaren Charakteristiken der Balgführung machen das Akkordeon zu einem enorm faszinierenden und neue[n] „Instrument des 20. Jahrhunderts.“
Stefan Hussong, Akkordeoninterpret und -dozent

Das Akkordeon heute
Im Gegensatz zum Modell des 19. Jahrhunderts ist das heutige Akkordeon sehr vielschichtig und verfügt über weit mehr als die damaligen fünf Tasten. Mittlerweile gibt es außerdem unterschiedliche Grundtypen und zahlreiche Varianten, die sich bezüglich des Gewichts, Tonumfangs, Klanges oder der Bauart unterscheiden.

Gerade Einsteigern wird es so ermöglicht, das doch recht exotische Instrument auf viele verschiedene Weisen kennenzulernen, wenngleich die pure Masse an Auswahlmöglichkeiten den einen oder anderen auch verwirren mag. Kirstein empfiehlt Neulingen beispielsweise das Nutzen von Akkordeons mit geringerem Tonumfang, selbiges gilt auch für Kinder, die den Einstieg in das Musizieren wagen wollen. Gerade das Gewicht des Instruments ist bei Kindern nicht zu unterschätzen, denn ein großes Tastenakkordeon kann bis zu 13,5 kg auf die Waage bringen – auch Menschen mit Rückenschmerzen sollten hier mitunter besser auf ein leichteres Modell zurückgreifen.


Das Akkordeon in der Pop-Kultur
Auch heute greifen noch immer viele Künstler auf das Akkordeon zurück, insbesondere dann, wenn ihre Songs einen volkstümlichen Touch erhalten sollen. Ein aktuelles Beispiel dafür ist unter anderem die Pop-Folk-Band Katzenjammer. Auch der Punk hat von dieser spannenden Mischung profitiert, ebenso wie viele andere Musikrichtungen und nicht zuletzt etliche Solokünstler.

• Flogging Molly
Flogging Molly setzt auf das klassische irische Line-up, welches aus Akkordeon, Geige, Tin-Whistle und Mandoline besteht. Hinzu kommen Gitarren und Schlagzeug, sodass ein wilder Mix aus Hardcore Punk und Folk entsteht. Die Band selbst ist bereits seit ihrer Gründung 1997 in L.A. aktiv und war mit Alben wie „Within a Mile of Home“ oder „Drunken Lullabies“ in den Charts platziert. Dave King, Sänger der Band, beschreibt seine Musik folgendermaßen:
„Wenn man die Gitarren und das Schlagzeug wegnimmt, wäre Flogging Molly eine nette kleine irische Folk-Band … nimmt man aber die Violine, Mandoline und das Akkordeon weg, dann wäre Flogging Molly eine Hardcore Punk-Band.“

• Koorpiklaani
Koorpiklaanie bedeutet so viel wie „Klang der Wildnis“ und ist eine finnische Folk-Metal-Band. Die Band beschäftigt sich in ihren Songs vor allem mit mythologischen Themen und der Natur – neben Gesang sind auch viele reine Instrumentalstücke im Repertoire enthalten. Beeinflusst wird die Musik unter anderem auch vom Humppa, einer finnischen Variante des Foxtrotts. Neben dem Akkordeon kommen außerdem Instrumente wie die Violine, die Flöte oder die Jouhikko vor. Letzteres beschreibt ein Instrument, welches in der Volksmusik in Finnland beheimatet ist und aus einer Leier besteht, die mit einem zwei- oder dreisaitigen Bogen bespannt wurde.

• Fiddler's Green
Fiddler's Green stammen aus Erlangen und haben sich dem Folk-Rock verschrieben. Die Band beschreibt ihre Stücke teilweise auch als „Irish Independent Speedfolk“ und kombiniert die typischen Folklore-Parts gern mit anderen Musikrichtungen wie Ska, Punk, Metal oder Reggae. Neben den Eigenkompositionen spielt Fiddler's Green auch irische Jigs, Reels und Traditionals. Zum Einsatz kommen dabei neben dem Akkordeon die Mandoline, das Banjo, die Geige und die Bodhrán, eine irische Rahmentrommel. Ferner sind außerdem klassische Instrumente wie Gitarre, Schlagzeug und Bass vertreten.

• Berühmte Akkordeonisten
Abgesehen von vielen unterschiedlichen Genre-Bands und Stars gibt es außerdem eine ganze Reihe an reinen Akkordeon-Spielern, die ebenfalls durchaus bekannt sind. Sie arbeiten vor allem in Ensembles mit unterschiedlichen Besetzungen, in Sinfonieorchestern oder am Theater. Einige bekannte Namen sind beispielsweise Grayson Masefield, Friedrich Lips, Alexander Krupin oder Lydie Auvray.

Bild 1: Straßenmusiker
Bild 2: 75899466 - Image of musician playing on accordion closeup © strixcode
Bild 3: 76029677 - old accordion © remaka211
 

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Rockland

Katzenjammer - Rockland

Auf der Bühne zu Hause
Obacht vor naheliegenden Wortspielen, die irgendetwas mit Jammern und Niveau zu tun haben. Was die Norwegerinnen aber live zu bieten haben, gleicht nach zwei tollen Alben das okaye dritte aus, weil: extrem unterhaltsam. Katzenjammer touren im Dezember noch einmal ein paar Städte in Deutschland ab und ihr könnt dabei sein. Für lau.  

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