Wie war´s eigentlich auf dem Berlin Festival 2009?

Dank zwei Tage Pop-Prominenz wurde ein still gelegter Flughafen wieder wach gerüttelt

Pete Doherty, Jarvis Cocker, Zoot Woman und viele andere Künstler fanden sich zu einem Festival zusammen, das mit dem ehemaligen Flughafen Tempelhof in der Hauptstadt eine mehr als würdige Kulisse gefunden hat. Und dort sehr wahrscheinlich nicht zum letzten Mal stattfand, auch wenn noch ein paar Dinge nicht ganz so rund liefen.

Große Festivals haben grundsätzlich den Vor- und Nachteil, dass man nicht alles, was dort geboten wird, sehen bzw. würdigen kann. Weil das Angebot schlichtweg oft zu opulent ist, um sich einen abschließenden Eindruck zu verschaffen. Wohl aber kann man sich gezielt Aufritte heraus picken:

Bodi Bill

Ein spannender Act am frühen Abend: Bodi Bill verschmelzen Songwriting und Techno mit einer Leichtigkeit, als hätte man es hier nicht mit völlig unterschiedlichen Musiktraditionen zu tun. Die musikalische Sozialisation zwischen den Eckpunkten Radiohead und Berghain vereint in einer Band und - ja - das klingt tatsächlich alles wie aus einem Guss. Hut ab!

Saint Etienne

Die Grand Dame des englischen Pop Sarah Cracknell versprühte Charme und Eleganz im ehemaligen Flugzeug-Hanger. Auch wenn manche ihrer  Hits aus den 90ern doch inzwischen wie aus einer anderen Zeit klingen und nicht jeder Festivalbesucher mit ihrem betörenden Easy-Listening-Pop etwas anfangen konnte: ein schöner Kontrast zum ansonsten recht electropunkigen Festival.

Junior Boys

Fast zeitgleich mit Saint Etienne spielten die Junior Boys, die vor allem durch die zartschmelzende Stimme ihres knuffigen Frontbären Jeremy Greenspan und ein paar heimliche Hits im Programm zu überzeugen wissen. Warum aber bitteschön wird das Licht von der Bühne aus andauernd auf das Publikum gerichtet, während viele Bands im Halbdunkel versauern? Fragen über Fragen.

Bonaparte

In Berlin längst eine feste Größe, auf die Dauer aber dann doch recht eintönig. Die Punkskaprotestrocker von Bonaparte machten mit griffigen Slogans und bunten Verkleidungen ihr eigenes Remmidemmi.

Aeroplane

Das gefeierte DJ- und Remixer-Duo legte zur besten Zeit ein paar CDs auf. Wer sich auf einen richtigen Live-Auftritt und ein paar mehr Ausblicke aufs kommende Debütalbum erhofft hatte, sah sich enttäuscht.

Dendemann

Ein schwieriger Auftritt. Und zwar nicht wegen des Hamburgers unbestrittenen Live-Qualitäten, sondern wegen des äußerst schlechten Sounds unter dem Dach in der großen Hangarhalle: wenn man bei Dendemann kein Wort versteht, stimmt was nicht. Unter anderem standen Stücke seines kommenden Albums auf der Setlist.

Peter Doherty

Die gute Nachricht: er war pünktlich auf der Bühne. Eine schlechte gibt es nicht. Denn Doherty und zwei Tänzerinnen konnten mit ihrem Charme punkten. Es bleibt also dabei, dass Peter Doherty ein toller Songwriter ist, der sein Repertoire auch live vermitteln kann. Dass er seine Stücke akustisch reduziert darbot, kam dem widrigen Sound-Umständen sehr zu Gute. 

1000 Robota

Man kann sich über ihre Attitüde echauffieren, man kann sie aber einfach auch mal ausblenden und anerkennen, dass diese junge Band ziemlich abgeklärte und explosive Songs schreibt. 1000 Robota werden mit ihrem zweiten Album viel Erfolg haben.

Health

Eine echte Überraschung des Festivals. Eine ziemlich Lautstarke übrigens. Alles aufdrehen was geht, die Rechnung der Noise-Rock-Band aus Los Angeles mit ihrer deutschen Labelheimat City Slang ging auf - sie hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Zoot Woman

Bemerkenswert an der routinierten Perfomance war, wie sehr Johnny Blake stimmlich überzeugen konnte. Das war ihm bei seinem vorherigem Auftritt in Berlin nur sehr bedingt gelungen. Eine Dreiviertelstunde schillernder Pop.

Jarvis Cocker

Erstaunlich mit welcher Spielfreude sich der charistmatische Ex-Pulp-Sänger präsentierte. Für ihn anscheinend alles andere als nur ein schnöder Festival-Auftritt. Er punkte vor allem mit seinen Entertainerqualitäten und hat während seines Aufenthalts anscheinend etwas dazu gelernt: die Vokabel "Nuttendiesel" ist jetzt neu in seinem Wortschatz. Ein würdiges Finale für das Festival - so dass man gerne vor Deichkind nach Hause ging. Denn ihr post-pubertär gefeiertes Dauer-Remmidemmi für die Neo-Rave-Generation ist nach drei Jahren dann doch irgendwie ausgelutscht. 

Fazit

Es ist außergewöhnlich, dass ein Festival dieser Größenordnung dank der überdachten Hangar komplett regenfest ist. Eine Art Hallen-Event mit großzügigem Blick nach draußen auf das ehemalige Rollfeld. Allerdings besteht so ein Flughafen Terminal eben auch aus viel kaltem Stahl und Beton, so dass die Athmosphäre insgesamt trotz perfekten Sommerwetters etwas unterkühlt blieb. Größtes Problem jedoch war der Sound - vor allem an der Hauptbühne. Daran wird für nächstes Jahr noch gearbeitet werden müssen. Dann könnte sich das noch recht kleine, dieses Jahr auch sehr gut besuchte Berlin Festival endlich zu einer festen Größe im Festivalkalender mausern.

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