Wie war´s eigentlich ... beim Konzert von Sébastien Tellier?

Frankreichs Eurovision Song Contest Teilnehmer und die schönste Sache der Welt
Das Wichtigste zuerst: es war wie erwartet ein extravaganter Auftritt. Und viel mehr als nur das. Der Sound-Avandgardist, der in diesem Jahr Frankreich beim Eurovision Song Contest vertritt, überzeugte (fast) bis zur letzten Note.

Sein aktuelles Werk „Sexuality“ könnte auch als erotische Filmmusik durchgehen, ein Konzeptalbum zur schönsten Sache der Welt. Warme Synthesizer für heiße Gefühle, produziert von Guy-Manuel de Homem-Christo (Daft Punk), eine Hommage an den Klang der Achtziger, allerdings modern inszeniert. Für die Live-Umsetzung hat der extrovertierte Song-Entertainer mit dem großen Talent angeblich spleenige Pläne. Angedacht war, ein Playback vorzutäuschen, dass in Wirklichkeit gar keines ist. Eine Band hinter einem Vorhang? Ein Mann am Klavier, ein zweiter am Notebook?

Nichts dergleichen am letzten Freitag im Berliner Club Cookies. Tellier präsentierte sich mit drei Musikerkollegen von der ersten Minute an gewohnt charismatisch auf der Bühne. "Hoho, der steht ja unter Drogen", raunte es im Publikum. Aber nicht doch, der Mann weiß zwischen den Stücken einfach nur mit improvisierten Ansagen zwischen Dadaismus und Albernheit zu unterhalten. Und spielt jedoch auch musikalisch auf hohem Niveau. Seinem elektronischen Album hauchte er on stage instrumentellen Live-Appeal ein, spielte fast jedes Stück davon und spannte dabei den Bogen von Space-Rock bis zum Pianomann der sich ironisch auf seinem eigenen Flügel räkelt. Spätestens nach seinem Klassiker "La Ritournelle" hatte jeder im Saal die Vielseitigkeit des Autodidakten begriffen: Genie und Wahnsinn. Plus Humor.

Zum Finale funktionierte die aktuelle Single "Sexual Sportwear" ohne Vocals - nicht aber ohne den Meister, der als Übersprungshandlung währenddessen einen Fellatio am Mikrofon zelebrierte. Anschließend ließ sich Tellier nochmals auf die Bühne bitten, sang zwei Zeilen, merkte schnell, das der Sound bereits nicht mehr seiner Performance würdig war - das einzige Manko des Abends - und verließ unverzüglich und wortlos seinen Platz. Ein Abgang der synonym für das ganze Konzert stehen darf: Unberechenbar. Oder eigentlich: unberechenbar gut.

Jan Schimmang / tonspion.de

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