Wired News sagt das Ende von MP3 voraus

Und wir meinen: etwas voreilig
Das US-Magazin Wired sieht das Ende des Audiostandards MP3 heraufziehen. Eine Zukunft werde MP3 nur in Form von Weiterentwicklungen, etwa als Surround-MP3 haben. Doch die Thesen, die der Autor des Artikels aufstellt, lassen sich einfach widerlegen.

MP3 klinge schlecht, meint der Wired-Autor Eliot van Buskirk etwa. Zumindest schlechter als die Files die man bei iTunes oder all den anderen Shops kaufen könne. Doch diese Behauptung lässt sich nur mit einem klaren "Jein" beantworten. Es kommt nämlich ganz darauf an. Natürlich klingen MP3 mit 128 kbit/s bei konstanter Bitrate nicht annähernd wie von CD, aber bei 192 kbit/s mit variabler Bitrate und dem neuesten Lame-Encoder gerippt, lässt sich ein Unterschied mit normal begabten Ohren wohl kaum mehr ausmachen. Auf jeden Fall klingen die komprimierten Dateien der großen Shopanbieter nicht per sé besser als MP3. Sie sind aber mit unangenehmen Kopierschutztechnologien ausgestattet. 1:0 für MP3.

Zweites Argument: die Software der großen Firmen wie Apple oder Microsoft habe die User seit Jahren dazu erzogen, ihre CDs in den jeweils hauseigenen Formaten zu rippen, also AAC+ oder WMA. Ein Blick in die Tauschbörsen oder in MP3 Blogs genügt, um festzustellen, dass selbst MP3-Dummys schnell gelernt zu haben scheinen, wo sie die Eintstellungen der Programme einfach so ändern können, dass Musik im MP3-Format gerippt wird. Schließlich ist das mit allen Hardware-Playern kompatibel, ganz im Gegensatz zu den Files der Monopolisten Apple und Microsoft. 2:0 für MP3.

Drittes Argument des Autoren für das nahende Ende von MP3: In den USA bietet nur der Aboshop von Emusic.com Downloads im MP3 Format an. In Deutschland gibt es diverse kleinere Shop-Anbieter wie Finetunes, Beatport oder Tonspion, die überwiegend ausgesuchte Musik von Indielabels im nicht-kopiergeschützten MP3-Format anbieten. Große Umsätze sind mit solchen Shop-Angeboten für musikalische Nischen allerdings nicht zu erzielen, da erstens die großen Hits und zweitens die dicken Marketing-Budgets fehlen. Aber: Musik verbreitet sich inzwischen auch auf so vielen anderen Kanälen (Festplatten von Freunden kopieren, illegale russische MP3 Shops, Tauschbörsen, CDs rippen, etc.pp), so das man dieses Argument gelassen kontern kann: wer kauft denn schon Downloads? Es ist eine Minderheit und die kauft noch nicht einmal besonders viel, angesichts der mannigfaltigen Quellen für Musik. Dass sich das noch einmal ändern wird, ist wohl eher unwahrscheinlich, es sei denn wir bekommen politische Verhältnisse wie in China. Und auch das ist momentan zum Glück recht unwahrscheinlich. 3:0 für MP3.

Viertes Argument kontra MP3: Ogg Vorbis wird als Open-Source-Projekt entwickelt und verbreitet, zumindest für Spezialisten ist Ogg zudem das eindeutig besser klingende Format. Ist es auch, dennoch hat es in den letzten paar Jahren keine massenhafte Verbreitung gefunden. Und den meisten Usern genügt ein einziger Audiostandard auf der Festplatte, deshalb fangen viele gar nicht erst an, auf Ogg Vorbis umzustellen. Auch wenn das politisch gesehen viel korrekter wäre, schließlich liegen die Lizenzen für MP3 in der Hand eines Unternehmens, ganz im Gegensatz zu Ogg Vorbis. Aber politische Korrektheit sorgt noch lange nicht für massenhafte Verbreitung. Nicht einmal die Weiterentwicklung von MP3 unter dem Namen "MP3 Pro" konnte sich nennenswert verbreiten. Ganz schlicht deshalb, weil es offenbar keinen Bedarf auf Konsumentenseite und keine Unterstützung von der Industrie dafür gab. 4:0 für MP3.

Und last, but not least: neue Audioformate wie z.B. FLAC bieten heutzutage absolut verlustfreie Codecs. Die Files sind allerdings auch wesentlich schwerer. Zwar werden die Netzleitungen immer schneller und die Festplatten immer größer, dennoch bleibt das Problem der massenhaften Verbreitung dieser neuen Formate, siehe Ogg Vorbis. Auch Ogg konnte seinen eigentlich großen Vorteil bisher nicht so nutzen, sich zum Standard aufzuschwingen. Ob es neuen Formaten in absehbarer Zeit gelingen wird, so lange die meisten Musikhörer mit der Qualität und der Handhabung von MP3 überwiegend zufrieden sind, ist wohl eher fraglich. 5:0 für MP3.

Matchball.

Und den verwandelt der Autor gleich selbt. Mit Weiterentwicklungen könnte das weit verbreitete MP3 Format auch für den nächsten Evolutionsschritt sorgen. Sollten die Hörgewohnheiten der Menschen sich in Zeiten von Dolby-Surround-Hifi-Anlagen in jedem Wohnzimmer so weit ändern, dass normaler Stereoklang für zwei Ohren nicht mehr ausreicht, dann wäre mit Surround-MP3, einem Ende 2004 vom Fraunhofer Institut veröffentlichten neuen Standard, bereits die nächste Stufe der MP3-Revolution gezündet. (ur)

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