"In zehn Jahren ist die CD tot"

Die Musikindustrie blickt auf der Musikmesse Midem in die Zukunft
Seit 1999 sind die Umsätze im weltweiten Musikgeschäft um 20 Prozent zurückgegangen. Auch im vergangenen Jahr musste die Musikindustrie Verluste hinnehmen. Beim alljährlichen Branchentreff in Cannes herrschte dennoch Optimismus. Die Branche setzt vor allem auf starkes Wachstum im digitalen Vertrieb.

Eine "Explosion in der digitalen Verbreitung" von Musik erwartet etwa der Chef des britischen Musikkonzerns EMI zum Auftakt der Musikmesse Midem, die noch bis 26. Januar in Cannes stattfindet und die nun ihr vierzigstes Jubiläum feiert. In Europa war die Anzahl der in Online-Musikshops verkauften Tracks im vergangenen Jahr von 14 auf 62 Millionen gestiegen.

Auch die Zahl der Nutzer von Abodiensten, die für eine monatliche Grundgebühr Zugriff auf ein breites Repertoire an Musik bieten, nahm rasant zu. Weltweit abonnierten Ende 2005 fast 2,8 Millionen Menschen Services wie Napster, Rhapsody oder Yahoo Music. Dies verleitet zu Euphorie. "Spätestens in zehn Jahren ist die CD tot", prophezeite etwa Dave Goldberg, der beim US-Internetdienst Yahoo die Musiksparte leitet. Mit seinem Abodienst will er, ebenso wie der Konkurrent RealNetworks, auch den europäischen Markt erobern.

Ein großes Thema beim Branchentreff an der Cote D`Azure war auch der Verkauf von Musik über Mobiltelefone. Der finnische Hersteller Nokia stellte einmal mehr sein Musikhandy N91 vor. Das verfügt über eine Speicherkapazität von vier Gigabyte (3.000 Songs), die direkt - ohne Umweg über den Computer - auf das Handy geladen werden können. Bloß woher? Marktbeobachter vermuten, dass bald auch die Mobilfunkhersteller Musik über mobile Netze anbieten werden und so zur unliebsamen Konkurrenz für die Labels werden könnten.

Natürlich sorgten auch Tauschbörsen auf der weltgrößten Musikmesse für Gesprächsstoff. Deren Nutzung ist trotz Klagen der Musikindustrie nicht zurückgegangen. Der Vorsitzende der internationalen Phonoverbände (IFPI), John Kennedy, beklagte, dass die Anzahl der in den Filesharing-Netzwerken verfügbaren Tracks mit rund 870.000 in den vergangenen beiden Jahren stabil geblieben ist.

Auch die Flatrate für Musik aus dem Netz, für die sich das französische Parlament kurz vor Weihnachten ausgesprochen hatte, wurde auf der Midem heftig diskutiert. Während Künstler und Komponistenverbände im Einklang mit den Labels gegen die Pauschalabgabe für die Nutzung von Online-Tauschbörsen wetterten, wurde die mögliche Einführung einer Kulturflatrate in Frankreich von den Verwertungsgesellschaften begrüßt. Sie rechnen mit monatlichen Einnahmen von fast 27 Millionen Euro - offenbar jedoch nicht mit der Sympathie der Branche: Zu ihrer Pressekonferenz waren die Vertreter der Vertwertungsgesellschaften in kugelsicheren Westen erschienen. (dax)

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