Zukunftsvisionen gesucht: Christof Ellinghaus im Tonspion-Gespräch

TONSPION spricht in der Interview-Reihe "Zukunftsvisionen gesucht" mit den Köpfen der Musik- und Internetbranche - Musiker, Chefs von kleinen und großen Plattenfirmen, Consultants und Software-Entwickler - über Gegenwart und Zukunft der Musikbranche. Heute: Christof Ellinghaus, Labelchef.

TONSPION: Wie wird die Musikwirtschaft deiner Meinung nach in 20 Jahren aussehen?

Christof Ellinghaus: Bin ich Jesus? Wächst mir Gras aus der Tasche? Das kann ich nun wirklich nicht beantworten. Aber ich glaube sie wird (hoffentlich) schlanker sein, vernünftiger agieren und aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben.

TONSPION: Wer ist schuld am jetzigen Zustand der Branche?

Ellinghaus: Die Branche selbst und die Entwicklung der Medienlandschaft in Deutschland. Wenn die Öffentlich-Rechtlichen ihrem Auftrag nachkommen würden, wäre die Lage tatsächlich nicht ganz so schlimm, aber stattdessen hecheln sie den Privaten hinterher im Rennen um Quote und Verflachung. Diese Entwicklung geht einher mit der Übernahme der Musikkonzerne durch die "Controller" als verlängerter Arm der "Shareholder". Alles Wörter, die in einem Atemzug mit "Musik", "Kunst", "Künstler" und "Kultur" nichts zu suchen haben.

TONSPION: Welchen Einfluss haben MP3s und CD-Brennerei deiner Meinung nach ganz konkret auf dein Label?

Ellinghaus: Schwer zu sagen. Die Leute kaufen halt nur noch die Platten, die sie als "zwingend" empfinden. Ich denke natürlich, dass alle meine Platten "zwingend" sind, aber ich bin nicht mein Kunde. MP3s und Brennerei bieten schlicht und ergreifend einen alternativen und meist billigeren Weg an Musik zu kommen. Die Generation, die meine Musik kauft ist noch mit dem physischen Tonträger groß geworden und die ideelle Bindung an das jeweilige Format (LP bzw. CD) ist eher groß. Die nächste Generation (also z.B. mein Sohn, der jetzt 7 ist), für die ist die Musik doch schon jetzt nur noch einen Mausklick weit weg. Das hat also mit der kommenden Demographik zu tun. Im Moment sehe ich in der Nische, in der wir uns bewegen durchaus immer noch großes Wachstumspotential. Dazu gehören allerdings die passenden Medien-Outlets und die fehlen, wie oben bereits angesprochen.

TONSPION: Was findest du am interessantesten am jetzigen Aufbruch der Musikwelt ins Netz?

Ellinghaus: Dass sie immer noch genauso inkompetent, protektionistisch, unflexibel, blauäugig und konzeptionslos agiert wie bereits vor 5 Jahren. Nur verbläst sie nicht mehr die gleichen Unsummen wie damals. Immerhin.

TONSPION: Worin siehst du die größte Gefahr?

Ellinghaus: Darin, es allen Recht machen zu wollen und somit sich selbst den Weg zu neuen Business-Modellen zu verbauen. Das ist ähnlich wie die Blockademacht der Verbände im Hinblick auf die "große Politik" der Bundesregierung. Es wird immer einer schreien, und dann wird nichts passieren...

TONSPION: Was sollten wir tun, um uns auf die digitale Zukunft vorzubereiten?

Ellinghaus: Ähem, die digitale Zukunft ist doch längst hier... wir sollten uns lieber überlegen wie wir damit umgehen. Wie wir unsere Tonträger zu wertvollen und wertigen und somit kaufenswerten Artefakten ausstatten, die eine emotionale Bindung hervorrufen können a la, "das muss ich besitzen". Wir verkaufen die CDs seit mehr als 20 Jahren im gleichen Format mit der mehr oder weniger gleichen Ausstattung.

TONSPION: Was sagt Ihr dem Musikfan, der MP3 Tauschbörsen nutzt?

Ellinghaus: Umpf, grummel, wrmpf. Weiß nicht. Vielleicht: "vergiss uns nicht. Kauf auch mal ab und zu eine Platte sonst gibt es bald keine Leute mehr die den Musikern das Studio finanzieren können."

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Christof Ellinghaus ist Gründer des Berliner Labels Cityslang, das sich mit Acts wie den Flaming Lips, Hole oder Calexico international einen Namen gemacht hat. Seit vergangenem Jahr ist er außerdem Chef von `Labels`, das im Virgin Vertrieb verschiedene Independent Labels unter sich vereinigt.

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