Zukunftsvisionen gesucht: Don Joyce im Tonspion-Gespräch

TONSPION spricht in der Interview-Reihe "Zukunftsvisionen gesucht" mit den Köpfen der Musik- und Internetbranche - Musiker, Chefs von kleinen und großen Plattenfirmen, Consultants und Software-Entwickler - über Gegenwart und Zukunft der Musikbranche. Heute: Don Joyce, Audio-Collagen-Artist und Mitglied der Band Negativland.

TONSPION: Wie wird die Musikwirtschaft deiner Meinung nach in 20 Jahren aussehen?

Don Joyce: Wenn mich das jemand vor 20 Jahren gefragt hätte, hätte ich mir niemals all die Sachen einfallen lassen können, die so viel in dieser Zeit verändert haben - den Sampler, das Internet und so weiter. Aber ich hätte auch nie gedacht, dass Vinyl und Plattenspieler nicht nur so lange eine Marktnische bewahren, sondern zu einer Quelle für neue Sounds und Kunst werden würden.

Aber nun gut: Wir werden wahrscheinlich Music on Demand durch eine ganze Reihe von heute unvorstellbaren Übertragungsgeräten haben. Ich hab wirklich keine Idee, wie Musiker bezahlt werden, wenn der Markt größtenteils digital sein wird. Vielleicht werden wir im Reich des Digitalen eine Art von Kompensation haben, bei der Musiker und Rechteinhaber durch eine Verbindungsgebühr bezahlt werden, die pauschal von allen Internetnutzern entrichtet und dann unter allen Musikern aufgeteilt wird. Das Bezahlen für Musik im Netz könnte dem Verfahren ähneln, mit dem heute für im Radio gespielte Musik bezahlt wird.

Jede andere Option, die ich mir vorstellen kann, wie etwa eine komplette Veränderung des Internets, um Filesharing zu verhindern, ist widerlich und deprimierend. Obwohl das sicherlich nicht heisst, dass es nicht passieren wird. Die kommerziellen Musik-Monopolisten arbeiten momentan hart daran, genau dies umzusetzen, was schließlich zu einer Zentralisierung der Technologie führen könnte. Das gegenwärtige niemandem gehörende Netz ohne jede kontrollierende Instanz mag damit blitzschnell verschwinden. Aber anders als im Fall der letzten 20 Jahre werde ich dann wahrscheinlich tot sein. Also auf Wiedersehen und viel Glück, Technologie!

TONSPION: Wer ist schuld am jetzigen Zustand der Branche?

Joyce: Die Hardware- und Software-Hersteller haben alles verändert. All diese neue digitale Audio-Bearbeitungs-Technologie und die neuen Vertriebskanäle sind zu dem einzigen Gebiet der Musikwelt geworden, der nicht nur den Konsumenten gibt, was sie wollen, sondern auch Ideen dazu entwickelt, was sich mit Musik außerhalb der traditionellen Begrenzungen der Musikdistribution und des -konsums anstellen lässt. Das reicht von der Idee, Musik umsonst zu bekommen, bis zum Gebrauch existierender Musik für die Produktion neuer Musik. Ironischerweise besitzen die Hardwarehersteller dafür das gleiche Motiv wie die Musikindustrie: Profit.

Doch Musikfirmen kämpfen nun gegen den technischen Fortschritt - ein langjähriger Freund ist plötzlich der größte Feind der Musik. Da die meisten Leute dazu neigen, technischen Fortschritt zu unterstützen und nicht zu unterdrücken, befindet sich die Musikindustrie in der unangenehmen Situation, den eigenen Markt zu vergraulen. Ihre Tradition, alles und jeden in ihrer Gewalt auszubeuten, hilft ihnen auch nicht dabei, die Öffentlichkeit für sich zu gewinnen.

Der Gesamteffekt der Technologie auf das Musikgeschäft steht noch längst nicht fest. Dies ist so schwer vorauszusagen, weil es noch nie etwas mit dem Internet vergleichbares gab. Es könnte möglicherweise ein weltweiter Aufmerksamkeits-Erzeuger sein. Vielleicht wird es selbst mit kostenloser Musik überall im Netz genug Aufmerksamkeit für ein Produkt geben, um eine kleine Prozentzahl von Nutzern vom Kauf zu überzeugen. Diese wachsende Aufmerksamkeit mag auch zu einem Wachsen der Profite führen. Bisher sieht es sicherlich so aus, als ob der Kontakt mit kostenloser Musik einen bestimmten Prozentsatz von neuen Verkäufen generiert.

TONSPION: Welchen Einfluss haben die neuen Technologien auf deine Arbeit als Musiker?

Joyce: Zufälligerweise ist es gerade 20 Jahre her, dass ich angefangen habe, Musik zu machen. Damals war alles analog, aber meine spezielle ästhetische Ausrichtung hat sich immer um das Weiterverwenden gefundener Klänge, um das Samplen meiner Umwelt gedreht. In diesen 20 Jahren kamen alle möglichen digitalenTechnologien auf den Markt, aber sie scheinen alle perfekt dazu geeignet, mir bei bei meinem Kurs zu helfen. Digitale Musiktechnologien haben mich nur bestätigt und ermuntert, aufzunehmen und weiterzuverwenden, was immer mich interessiert. Ich habe solche Formen der kreativen Aneignung immer als ein Mittel der freien Meinungsäußerung begriffen.

Bevor ich mich mit Musik beschäftigte, war ich Maler mit einem Interesse an Collagen. Nun, da ich Musik mache, interessieren mich immer noch Collagen am meisten. Im Bereich der Malerei war das nichts Anstößiges - das Mittel der Collage war und ist dort willkommen. Im Bereich der Musik kannst du dafür als Krimineller beschimpft und ganz schnell verklagt werden. Dieser kategorische Unterschied ist völlig unbegründet - abgesehen von der Tatsache, dass Musik als Massenware komplett von Vermarktern besessen und kontrolliert wird, die weit mehr an Geld interessiert sind als der Kunst an sich.

TONSPION: In welcher Form haben die neuen Technologien unseren Begriff des geistigen Eigentums verändert?

Joyce: Sicherlich haben sie alles in Frage gestellt. Das ist gut, da unsere nun alternden Copyright-Einschränkungen viele Aspekte besitzen, die hinterfragt werden sollten. Profitiert unsere Gesellschaft wirklich davon, all seine Kreativität im privaten Besitz und Vertrieb zu haben? Tut dies unserer Kultur tatsächlich gut, gerade wo Menschen doch natürlicherweise dazu neigen, mit ihr neues zu schaffen? Ist es gut, den Wert geistigen Eigentums allein auf die kommerziellen Interessen des Urhebers zu reduzieren, anstatt diesen Wert eines Werks von seiner tatsächlichen Anziehungskraft in den Köpfen der Öffentlichkeit abhängig zu machen?

Private Kontrolle allen geistigen Eigentums beschränkt jeden auf die Rolle des Beobachters von Kultur, ohne die Möglichkeit zur Teilnahme außerhalb des geschlossenen Kreises privater kultureller Produktion. Wir sind darauf abgerichtet worden, allein Konsumenten zu sein, Schwämme für Werbebotschaften, fest steckend in einer erzwungenen unidirektionalen Form kultureller Distribution, die abgesehen vom Applaus der Zielgruppe kein Interesse an direkten, partizipatorischen Rückmeldungen hat. Copyright sorgt für den Schutz der privaten Rechte des Urhebers und vergisst dabei völlig das kulturelle Recht anderer, das Werk für etwas anderes zu nutzen. Das ist eine unnatürliche und dumme Verfahrensweise für Kunst. Es macht Kunst nutzlos.

Nun haben die riesigen Ausgaben, die mit der professionellen Massenunterhaltung verbunden sind, verständlicherweise zu Kommerzialisierung geführt. Fernsehen und Filme sind heute so teuer zu produzieren, dass sie nicht ohne kommerzielle Hintergedanken überleben können. Dies produziert ein Kultur-weites Wertigkeitsmaß, das primär darauf basiert, wie viel etwas verkauft. Die Verkaufsstatistiken des Eröffnungswochenendes werden heute gemeinhin dazu genutzt, um zu verkünden, ob ein Film erfolgreiche Kunst ist oder nicht. Citizen Kane hatte einen mäßigen Eröffnungsverkauf und gilt heute als möglicherweise großartigster Film aller Zeiten. Die gesamte Psychologie der Kunst, die uns da eingeflößt wird, besagt, dass etwas, das sich nicht gut verkauft, nicht gut sein kann.

TONSPION: Was findest du am interessantesten am jetzigen Aufbruch der Musikwelt ins Netz?

Don Joyce: Dass das Publikum alle Kultur verändern und weiter verbreiten kann. Dies scheint etwas neues zu sein, ist aber tatsächlich eine Rückkehr zu dem, was einmal unsere volkstümliche Kultur ausgemacht hat - die Möglichkeit, kulturelle Einflüsse unserem eigenen Geschmack und unseren eigenen Absichten gemäß zu verwandeln, etwas neues mit ihnen zu schaffen.

Private Rechte geistigen Eigentums haben immer auf der Möglichkeit des Urhebers basiert, komplette Kontrolle darüber auszuüben, was mit ihrem Eigentum geschieht, nachdem es veröffentlicht wurde. Ob wir es mögen oder nicht: Das Internet hat dies auf den Kopf gestellt. Wenn der Vertrieb in der and der Nutzer ist, wird geistiges Eigentum zum Rohmaterial für alle möglichen kulturellen Befruchtungen, die zwar keinem Urheber Geld einbringen, aber nichtsdestotrotz wertvolle Prozesse der kulturellen Partizipation darstellen

Das Internet war nie dafür ausgelegt, im Einklag mit dem Copyright zu funktionieren. Es unterwandert solche Absichten komplett durch sein Design. Technisch gesprochen ist es virtueller Bereich öffentlichen Eigentums für alles, was dort erscheint. Da es noch keine Belege für dauerhafte Schäden für das Offline-Business gibt, können wir uns es glaube ich leisten, geduldig zu sein und abzuwarten, welche Rolle dieses einzigartige Medium des öffentlichen Eigentums für unsere Gesellschaft haben wird. Sein Entstehen war fast so etwas wie ein Unfall, in dieser Form nicht vorherzusehen, aber da es nun hier ist, würde ich gerne sehen, wie es zu unseren Gunsten oder Ungunsten funktioniert. Ich befürchte aber, die Wirtschaft ist überhaupt nicht an solchen kulturellen Experimenten interessiert, ist besessen von Ängsten um die nächste Quartalsbilanz, und will das gesamte Netz so bald wie möglich in ein weiteres sicheres Einkaufszentrum verwandeln.

TONSPION: Worin siehst du die größte Gefahr?

Joyce: Musiker könnten Probleme haben, für irgend etwas online bezahlt zu werden. Und wenn das Netz die Musikdistribution durch Filesharing übernimmt, könnten sie Probleme bekommen, ihre eigene Arbeit zu finanzieren, wenn das Netz zu ihrem einzigen Outlet wird.

TONSPION: Was sollten wir tun, um uns auf die digitale Zukunft vorzubereiten?

Joyce: Nichts. Wahrscheinlich kann niemand von uns überhaupt etwas tun, um zu bestimmen, wie es sich entwickeln wird. Ich habe mich dazu entscheiden, das Experiment des digitalen freien kulturellen Austauschs zu unterstützen. Ich bleibe strikt auf der Kunst-über-Profit-Seite des Konflikts und tue einfach weiterhin illegale Sachen - weil ich der Überzeugung bin, dass sie nicht illegal sein sollten.

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